Friday, August 1, 2014
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Können die Multis Afrika retten?

Die multinationalen Unternehmen waren eine der treibenden Kräfte während des postkommunistischen Übergangs in Osteuropa. Sie brachten neue Fertigkeiten, Technologien, Schulungsmöglichkeiten und bessere Arbeitsbedingungen. Sie retteten das Bankensystem, modernisierten Telekommunikationsnetze, bauten marode Industrien neu auf, erhöhten den Qualitätsstandard der Waren und untergruben die kuschligen Arrangements der Interessengruppen, die den Normalbürger jahrzehntelang geschröpft hatten.

Aber ist Osteuropa eine Ausnahme? Können die multinationalen Unternehmen anderen bedürftigen Regionen wie etwa Schwarzafrika, wo das Erbe der Kolonialisierung, Apartheid und Misswirtschaft ein fundamental anderes Geschäftsumfeld hervorgebracht hat, ähnliche Vorteile bringen?

Einer Sichtweise zufolge war Osteuropa einzigartig positioniert, um von den multinationalen Unternehmen zu profitieren: Seine Arbeitnehmer waren gut ausgebildet, insbesonders in den Bereichen Technik und Naturwissenschaften, und waren daher in der Lage, der klassischen Falle „Geringe Fertigkeiten, geringe Löhne“ zu entgehen. Was der Kommunismus zu liefern versäumt hatte – modernes Management, neue Technologien und Marketing-Know-how – konnten die Multis anbieten.

In Ländern wie Südafrika, Namibia und Simbabwe allerdings können multinationale Unternehmen deutlich anders empfunden werden. Westliche Regierungen stehen den afrikanischen Freiheitsbewegungen häufig gleichgültig, wenn nicht feindselig gegenüber. Mit berüchtigten Vertragsarbeitssystemen, die kaum mehr als Sklaverei darstellten, halfen ihre Großunternehmen rassistischen Regimes, sich zu behaupten.

Mehr noch: Multinationale Unternehmen in der Tschechischen Republik, der Slowakei, Ungarn und Estland produzieren Autos, hochwertige Elektronikprodukte und Industriemaschinen sowohl für den eigenen Markt als auch für den Export. Wollen sie gewährleisten, dass die Produktionsqualität hoch bleibt und die örtlichen Verbraucher zufrieden bleiben, müssen sie für die Zufriedenheit ihrer Beschäftigten und ein positives Image in der Öffentlichkeit sorgen.

Afrikanische Länder dagegen erleben die Multis häufig von ihrer schlimmsten Seite: Energie-, Mineral- und Edelmetallgesellschaften gehen dorthin, wo die Ressourcen sind, nicht wo das Arbeiten angenehm ist. Ein früherer Minenmanager aus der Region erklärte es mir so: „Das Ziel ist immer ganz einfach: die Vermögenswerte so billig und mit so wenig Aufhebens wie möglich aus der Erde zu holen.“ Weil die Kunden im Ausland sitzen und eine Verarbeitung im Lande kaum stattfindet, besteht für die Unternehmen kein Grund, örtliche Fertigkeiten zu erweitern oder das Gastland anderweitig zu fördern.

Aber die potenzielle Beziehung der schwarzafrikanischen Länder mit den multinationalen Unternehmen bräuchte nicht derart beschränkt zu sein. Eine vernünftige makroökonomische Politik könnte – im Verbund mit der gewaltlosen Beilegung politischer oder rassischer Konflikte wie etwa in Namibia, Botsuana oder Südafrika – die Grundlage für enorm konstruktive Partnerschaften bilden.

Namibias Regierung beispielsweise verfolgt – obwohl sie sich bewusst ist, dass das Land nie eine starke industrielle Basis aufbauen wird – einen klaren, ausgewogenen und entschiedenen Ansatz, um multinationale Unternehmen anzulocken und größtmöglichen Gewinn aus ihnen zu ziehen. Das Ministerium für Handel und Industrie hat ein sinnvolles Anreizsystem für exportorientierte Investitionen und ein Programm zur Förderung der schwarzen Bevölkerung eingeführt, das Investoren ermutigt, die zuvor vernachlässigte Arbeitnehmerschaft zu unterstützen. Statt auf bürokratischer Unbeholfenheit setzt auf den Wettbewerb, um seine Ziele umzusetzen.

Betrachten wir die Diamantenförderung, Namibias größten Industrie- und Exportsektor. Die NamDeb, ein Jointventure zwischen der dem Staat und De Beers, beherrscht diese Branche. Während die Regierung jedoch den Schritt von der Diamantenförderung durch schlecht ausgebildete Arbeiter zur hochwertigeren Diamantenverarbeitung tun wollte, verweigerte sich De Beers, da das Unternehmen bereits wohletablierte, kosteneffiziente Schleifbetriebe im Ausland verfügte.

Auftritt Smicor, eine Tochtergesellschaft des israelischen Leviev-Konzerns, die gegenwärtig nur einen kleinen Anteil an der Diamantenproduktion des Landes innehat, aber mehr Schürflizenzen anstrebt: Im Jahre 2004 sagte Smicor den Aufbau des von Namibia angestrebten Schleifgeschäfts zu und hat seitdem in einer neuen Fabrik in der Hauptstadt Windhoek 400 Beschäftigte eingestellt und ausgebildet. In ähnlicher Weise baute das Bergbaukonglomerat Anglo-American auf Anstoß der Regierung einen Zinkverarbeitungsbetrieb am Standort seiner neuen Skorpion-Mine in der Wüste Namib auf, der zusätzliche Arbeitsplätze für örtliche Facharbeiter schuf.

Nicht immer sind Regierungsverhandlungen auf höchster Ebene erforderlich, um von den Multis zu profitieren. Man denke etwa an Katatura, eine Shantytown am Stadtrand von Windhoek, in die das frühere Apartheidregime in den 1950er und 1960er Jahren Zehntausende von Schwarzen hineinzwang. Zusammengepfercht in schäbigen, planenbedeckten Wellblechhütten, die sich kilometerweit entlang der unbefestigten Straßen und Berghänge erstrecken, leben hier heute 100.000 Menschen. Ganz gleich, was für Maßstäbe man anlegt: Dieser Distrikt ist einer der ärmsten.

Aber jedes Jahr entstehen neue Ziegelhäuser – und teilweise sehr solide gebaute – inmitten dieser Elendsquartiere. Rosalia, einer jungen Mutter, die mit sieben Kindern verschiedener Väter in einer kleinen Hütte lebt, mag aus westlicher Sicht erbärmlich gehen, aber sie hat ein kleines Geschäft: Sie verkauft Trockenfleisch. Im vergangenen Jahr schaffte sie es, einen Stromanschluss für ihre Hütte zu bekommen, und sie investierte ihre Ersparnisse in einen Kühlschrank, in dem sie Lebensmittel und Getränke für den Weiterverkauf lagert. Nächstes Jahr wird sie die Hütte erweitern, und irgendwann wird sie einen Antrag auf Zuteilung eines Grundstücks stellen und anfangen, ein Ziegelhaus zu bauen.

Ihr Stand ist alles andere als ideal; mit jeder Böe wehen Sand und Schutz auf das Fleisch. Arme Händler wie Rosalia wünschen sich echte Geschäfte, und Namibia Beverages, der örtliche Abfüllbetrieb von Coca-Cola, erfüllt einigen von ihnen diesen Wunsch – mit stabilen Eisenbuden, die geräumig, transportabel und leicht zu sichern sind.

Coca-Cola liefert diese Buden an Händler, die seine Produkte vertreiben – etwa so, wie es den Straßencafés in Paris als Werbeaktion Sonnenschirme anbietet. Selbst in den abgelegensten Dörfern an der Grenze zu Angola, wo das Volk der Ovambo in Stockhütten wohnen, es kaum Strom gibt und die Dorfbewohner jeden Tag kilometerweit unterwegs sind, um sich mit Feuerholz und Wasser zu versorgen, bekommt man problemlos eine Flasche Coke oder Fanta.

Angesichts ihrer Vertriebsmacht und detaillierten Kenntnis des Marktes ließe sich der Einfluss der multinationalen Unternehmen fraglos nutzen, um eine Vielzahl von Entwicklungsproblemen in Angriff zu nehmen – unabhängig vom politischen oder wirtschaftlichen Erbe der betreffenden Länder. Entwicklungsgruppen, Regierungen, Verbraucher und Kleinunternehmer müssen nur Initiativen entwickeln, die die Interessen verkörpern, die sie mit den weltweit agierenden Unternehmen gemein haben.

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