MAILAND: Während der vergangenen zwei Jahre haben die Industrieländer Perioden ernster finanzieller Instabilität erlebt. Gegenwärtig ringen sie mit zunehmender Staatsverschuldung und hoher Arbeitslosigkeit. Die einst als deutlich anfälliger angesehenen Schwellenländer dagegen haben sich als bemerkenswert widerstandsfähig erwiesen. Das Wirtschaftswachstum in China, Indien und Brasilien ist dabei, sich wieder dem Niveau vor Ausbruch der Krise anzunähern, und die Wirtschaftsleistung dieser Länder ist ein wichtiger Wachstumsmotor für die heutige Weltwirtschaft.
Das hohe Wirtschaftswachstum und die Finanzstabilität in den Schwellenländern tragen dazu bei, die massiven Anpassungen, vor denen die Industrieländer stehen, zu erleichtern. Doch hat dieses Wachstum wichtige, langfristigere Auswirkungen. Falls es bei dem gegenwärtigen Muster bleibt, wird sich die Weltwirtschaft dauerhaft wandeln. Insbesondere wird es kaum mehr als ein Jahrzehnt dauern, bis der von den Schwellenländern generierte Anteil am weltweiten BIP, bei Ansetzung von Marktpreisen, die 50%-Marke übersteigt.
Es ist daher wichtig, zu wissen, ob dieses ungewöhnliche Wachstums nachhaltig ist. Die Antwort hierauf besteht aus zwei Teilen. Zum einen ist dies von der Fähigkeit der Schwellenländer abhängig, mit ihrem eigenen Erfolg klarzukommen, zum anderen von dem Maß, in dem die Weltwirtschaft diesen Erfolg bewältigen kann. Die Antwort auf die erste Frage ist beruhigend; die Antwort auf die zweite ist es nicht.
Während die Schwellenländer noch immer von ihrem Spielraum für Aufholwachstum profitieren können, müssen sie sich einem kontinuierlichen, raschen und zeitweise schwierigen Strukturwandel unterwerfen – zusammen mit einem parallelen Prozess der Reform und des Aufbaus von Institutionen. In den letzten Jahren haben die systemisch wichtigen Länder eine beeindruckende Bilanz pragmatischer und flexibler Anpassung hingelegt. Dies dürfte sich fortsetzen.
Wenn die Regierungspolitik auf Kurs bleibt, dürften wir eine allmähliche Stärkung der endogenen Treiber des Binnenwachstums in den Schwellenländern erleben, verankert in einer wachsenden Mittelschicht. Zusammen mit dem zunehmenden Handel zwischen ihnen wird die Zukunft der Schwellenländer von sinkender Abhängigkeit von der Nachfrage aus den Industrieländern, wenn auch nicht von einer vollständigen Abkopplung geprägt sein.
Dabei spielen Verteilung und Wachstum eine Rolle. Nach wie vor gilt, dass die Schwellenländer ihre wachsenden, die zunehmende Ungleichheit der Einkommensverteilung und den unausgeglichenen Zugriff auf grundlegende Dienstleistungen widerspiegelnden innerstattlichen Spannungen besser bewältigen müssen. Ein Scheitern an dieser Front könnte ihre zunehmende inländische und regionale Wachstumsdynamik aus dem Gleis werfen. Dies wird heute besser verstanden, und die Verteilungsaspekte der Wachstumsstrategie sind fest in den politischen Agenden der Schwellenländer verankert.
Während die Schwellenländer die wirtschaftliche Abschwächung in den Industrieländern bewältigen können, stellt der Transmissionsmechanismus des Finanzsektors eine größere Herausforderung dar. Das aktuelle Umfeld niedriger Zinssätze verursacht eine Flut von Finanzströmen in die Schwellenländer und erhöht das Risiko von Inflation und Assetblasen. Die Probleme der westlichen Banken haben die Verfügbarkeit von Handelskrediten gestört und könnten, falls sie sich verstärken, lokale Banken destabilisieren.
Dies sind reale Risiken. Glücklicherweise verfügen eine Reihe von Schwellenländern nach wie vor über Abfederungs- und Puffermechanismen. Sie sind mit soliden Ausgangsbedingungen (große internationale Reserven, Haushalts- und Zahlungsbilanzüberschüsse und gut kapitalisierte Banken) in die Krise von 2008-2009 eingetreten und schöpfen ihren fiskalpolitischen und finanziellen Spielraum – und somit ihre Fähigkeit, auf künftige Erschütterungen zu reagieren – bisher nicht annähernd aus.
Insgesamt sind die Schwellenländer gut aufgestellt, um in einer durch Krisen in den Industrieländern destabilisierte Welt weiterhin erfolgreich zurechtzukommen. Doch, um es noch einmal zu sagen, die Abkoppelung ist nicht vollständig. Ein günstiger Ausgang erfordert auch die Fähigkeit und Bereitschaft der Industrieländer, mit der zunehmenden Größe und Prominenz der Schwellenländer klarzukommen. Die Risiken hier sind erheblich und deuten eine breite Vielzahl potenzieller Probleme an.
Der Fluss von Wissen, Finanzmitteln und Technologie, der die nachhaltigen Wachstumsraten in den Schwellenländern stützt, ist eng mit einer offenen, regelbasierten und globalisierten Wirtschaft verknüpft. Doch dieses globale Konstrukt gerät in einem Umfeld, in dem die Lage in den hoch entwickelten Ländern durch eine hartnäckige, hohe Arbeitslosigkeit und Schübe finanzieller Volatilität gekennzeichnet ist, unter Druck. Der Standort des Wachstums wird in der Weltwirtschaft zunehmend als Nullsummenspiel angesehen, was zu suboptimalen Reaktionen führt.
Infolgedessen kann man die fortdauernde Offenheit der Märkte der Industrieländer nicht als gegeben ansehen. Politische Narrativen sind zunehmend nationaler ausgerichtet und verengen sich, während die internationale Agenda und das Streben nach gemeinsamen globalen Kollektivinteressen schwieriger zu vernehmen ist.
Diese Herausforderungen werden sich in den kommenden Jahren verschärfen. Und dann ist da das Problem der globalen Institutionen und Governance.
Eine sogar noch größere Herausforderung ist in einer Welt unterschiedlicher Geschwindigkeiten, die umfassenden Veränderungen unterliegt, die Steuerung eines wachsenden und zunehmend komplexeren Sets transnationaler Verbindungen. Eine solche Welt erfordert eine bessere globale Governance sowie überfällige institutionelle Reformen, die den Schwellenländern eine angemessene Stimme und Vertretung in den internationalen Institutionen bieten.
In Ermangelung derartiger Veränderungen könnte die Weltwirtschaft ohne eine feste Hand am Ruder, die eine allgemeine Richtung vorgibt, von einer Krise in die nächste taumeln. Das Ergebnis ist, was die Ökonomen „Nash-Equilibrien“ nennen, oder eine Serie suboptimaler und lediglich quasikooperativer Ergebnisse.
Wo also stehen wir angesichts all dessen?
In einer Weltwirtschaft unterschiedlicher Geschwindigkeiten, die durch eine sich hinziehende Sanierung der überstrapazierten Bilanzen der Industrieländer charakterisiert sein wird, sind die Schwellenländer gefordert, eine sogar noch größere Rolle zu spielen. Per se sind sie dieser Aufgabe gewachsen. Doch sie operieren nicht im luftleeren Raum. Die Fähigkeit der Schwellenländer, die Wachstumsschmierung zur Verfügung zu stellen, die die Anpassung in den Industrieländern erleichtert, ist zugleich eine Funktion der Bereitschaft Letzterer, den tektonischen Verlagerungen im Betrieb und in der Lenkung der Weltwirtschaft Rechnung zu tragen. Wir wollen hoffen, dass diese globalen Probleme die Aufmerksamkeit erhalten, die sie erfordern.


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