Against the Current
Begeisterte Unterordnung unter das Imperium
Ian Buruma
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Bernard Kouchner, Frankreichs neuer Außenminister, kann auf eine lange und bedeutende Vergangenheit als Befürworter einer Intervention in Ländern verweisen, wo gegen die Menschenrechte verstoßen wird. Als Mitbegründer von Ärzte ohne Grenzen erklärte er: „Wir haben das moralische Recht begründet, in anderen Ländern einzugreifen.“ Den Krieg im Irak hat Kouchner wegen des Massenmords an irakischen Bürgern durch Saddam Hussein unterstützt. Man sollte sich immer davor hüten, den Ansichten anderer Menschen Motive zuzuordnen. Aber Kouchner selbst hat häufig gesagt, dass die Ermordung seiner russisch-jüdischen Großeltern in Auschwitz seinen humanitären Interventionismus inspiriert hat.
Man mag Kouchners Politik zustimmen oder nicht, aber seine Motive sind mit Sicherheit lauter. Die Tatsache, dass viele prominente jüdische Intellektuelle in Europa und den Vereinigten Staaten – oft, wie Kouchner, mit linker Vergangenheit – der Vorstellung vom Einsatz amerikanischer Truppen zur Förderung der Menschenrechte und Demokratie in der Welt aufgeschlossen gegenüberstehen, mag aus derselben Quelle herrühren. Jede Gewalt ist ihrer Meinung nach gerechtfertigt, um eine weitere Shoah zu verhindern, und diejenigen, die sich vor ihrer Pflicht drücken, einen solchen Gewalteinsatz zu unterstützen, gelten ihnen als nichts anderes als Kollaborateure mit dem Bösen.
Wenn wir weniger stark von Erinnerungen der Beschwichtigungspolitik gegenüber dem Naziregime und dem sich hieraus ergebenden Genozid heimgesucht wären, wären den Menschen die Menschenrechte möglicherweise weniger wichtig. Und beileibe nicht alle, die dafür arbeiten, die Rechte anderer zu schützen, berufen sich auf die Schrecken des Dritten Reichs, um die bewaffnete angloamerikanische Intervention zu rechtfertigen.
Doch der Begriff des „Islamofaschismus“ wurde nicht grundlos geprägt. Er lädt uns ein, einen großen Teil der islamischen Welt als den natürlichen Ableger des Nationalsozialismus zu betrachten. Saddam Hussein, der alles andere als ein Islamist war, und der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinedschad, der einer ist, werden häufig als die natürlichen Nachfolger Adolf Hitlers bezeichnet. Und die europäische Schwäche – nicht zu reden vom „Verrat“ der liberalen Intellektuellen – die den Weg für eine islamistische Eroberung Europas (Eurabien) bereitet, wird als grausiges Echo der Beschwichtigungspolitik gegenüber der nationalsozialistischen Bedrohung angesehen.
Der revolutionäre Islamismus ist zweifellos gefährlich und blutig. Doch Analogien mit dem Dritten Reich – auch wenn sie hochgradig wirksam sind, um Menschen, denen man nicht zustimmt, zu denunzieren – sind normalerweise falsch. Es stehen keine islamistischen Armeen bereit, um in Europa einzumarschieren; tatsächlich leben die meisten Opfer des revolutionären Islamismus im Nahen Osten. Und Ahmadinedschad hat, ungeachtet seiner widerlichen Rhetorik, nicht mal einen Bruchteil der Macht Hitlers.
Die Weigerung vieler Muslime, sich in den westlichen Gesellschaften zu integrieren, sowie ein hohes Maß an Arbeitslosigkeit und der bereitwillige Zugriff auf revolutionäre Propaganda können leicht in Gewalttätigkeiten münden. Doch die Aussicht auf ein „islamisiertes“ Europa liegt ebenfalls fern. Wir durchleben keine Wiederholung des Jahres 1938.
Warum also dieses hohe Maß an Beunruhigung über ein europäisches Appeasement, insbesondere unter den Neokonservativen? Warum die bereitwillige Gleichsetzung des Islamismus mit dem Nationalsozialismus? Als ein Grund wird häufig Israel genannt. Aber Israel kann für verschiedene Menschen eine jeweils ganz unterschiedliche Bedeutung haben. Für bestimmte protestantische Christen ist es der heilige Ort der Wiederkunft des Messias. Für viele Juden ist es der eine Staat, der ihnen immer Zuflucht gewähren wird. Für neokonservative Ideologen ist es eine Oase der Demokratie inmitten einer Wüste der Tyrannei.
Die Verteidigung Israels gegen seine islamischen Feinde mag in der Tat ein Faktor innerhalb jenes existenziellen Alarmismus sein, die dem gegenwärtigen „Krieg gegen den Terror“ zugrunde liegt. Ein über Nuklearwaffen verfügender Iran würde in Israel sicherlich ein verstärktes Gefühl der Unsicherheit hervorrufen. Doch als Erklärung greift dies eindeutig zu kurz. Kouchner hat sich nicht wegen Israel für die westliche Intervention in Bosnien oder Kosovo ausgesprochen. Falls die Sorge um Israel für Paul Wolfowitz eine Rolle spielte, als dieser für den Krieg gegen den Irak eintrat, so vermutlich eine untergeordnete. Beide Männer waren motiviert von der gleichen Sorge um Menschenrechte und Demokratie sowie vielleicht durch geopolitische Überlegungen.
Trotzdem ist die islamistische Rhetorik, wie sie u.a. Ahmedinedschad übernommen hat, bewusst darauf angelegt, Erinnerungen an die Shoah heraufzubeschwören. Also ist die existenzielle Furcht einiger westlicher Intellektueller möglicherweise eher zu erklären als ihr bemerkenswertes, manchmal kriecherisches Vertrauen darauf, dass die US-Regierung die Welt durch Einsatz von Gewalt retten kann.
Die Erklärung für dieses mysteriöse Vertrauen könnte anderswo liegen. Viele Neokonservative entstammen ehemals der Linken, wo der Glaube an eine Revolution von oben allgemein verbreitet war: gestern in „Volksdemokratien“, heute in „freiheitliche Demokratien“. Bei den Juden und anderen Minderheiten mag außerdem noch eine andere historische Erinnerung eine Rolle spielen: der Schutz des imperialen Staates. Die österreichischen und ungarischen Juden gehörten zu den treuesten Untertanen des österreichisch-ungarischen Kaisers, denn dieser schützte sie vor dem gewalttätigen Nationalismus der Mehrheitsbevölkerungen. Die polnischen und russischen Juden waren zumindest zu Beginn der kommunistischen Ära häufig treue Anhänger des kommunistischen Staates, denn dieser versprach (fälschlich, wie sich später herausstellte), sie vor der Gewalt der antisemitischen Nationalisten zu schützen.
Wenn es wirklich zuträfe, dass die grundlegende Existenz unserer demokratischen westlichen Welt vor der Zerstörung durch eine islamistische Revolution stünde, wäre es nur logisch, Schutz unter der vollen Macht des informellen US-Imperiums zu suchen. Sieht man jedoch unsere aktuellen Probleme in weniger apokalyptischem Licht, so gerät eine andere Form von trahison des clercs in den Blick: das blinde Anfeuern einer zuweilen törichten Militärmacht, die unnötige Kriege verfolgt, welche mehr Leben kosten, als sie schützen sollten.
Ian Buruma ist Professor für Menschenrecht am Bard College und der Verfasser von Die Grenzen der Toleranz. Der Mord an Theo von Gogh.
Copyright: Project Syndicate, 2007.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Jan Neumann
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