Tuesday, October 21, 2014
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Jetzt ist Burma an der Reihe

RANGUN – Hier in Myanmar (Burma), wo die politische Veränderung im vergangenen halben Jahrhundert äußerst langsam war, versucht eine neue Führung, einen schnellen Wandel von innen zu erzielen. Die Regierung hat politische Gefangene freigelassen, Wahlen abgehalten (weitere werden folgen), eine Wirtschaftsreform auf den Weg gebracht und bemüht sich intensiv um Investitionen aus dem Ausland.

Verständlicherweise reagiert die internationale Gemeinschaft, die das autoritäre Regime von Myanmar seit langem mit Sanktionen bestraft, zunächst mit Vorsicht. Reformen werden so schnell umgesetzt, dass sogar renommierte Kenner des Landes nicht wissen, was sie davon halten sollen.

Aber für mich steht fest, dass dieser Moment in der Geschichte Myanmars eine reale Gelegenheit ist, eine dauerhafte Veränderung herbeizuführen – eine Gelegenheit, die die internationale Gemeinschaft nicht verspielen darf. Es ist an der Zeit, dass die Welt die Agenda für Myanmar auf den Weg bringt und nicht nur Hilfe anbietet, sondern auch die Sanktionen aufhebt, die jetzt zu einem Hindernis für die Transformation des Landes geworden sind.

Bisher war diese Transformation, die nach den Parlamentswahlen im November 2010 begann, atemberaubend. Da das Militär, das seit 1962 die ausschließliche Macht besaß, 25 Prozent der Sitze behielt, bestand die Befürchtung, dass die Wahl eine Farce werden würde. Aber die daraus hervorgegangene Regierung hat die grundsätzlichen Anliegen der Bürger von Myanmar weitaus besser reflektiert als erwartet.

Unter der Führung des neuen Präsidenten Thein Sein haben die Behörden auf die Forderung nach eine politischen und wirtschaftlichen Öffnung reagiert. Bei den Friedensverhandlungen mit Aufständischen ethnischer Minderheiten wurden Fortschritte erzielt – Konflikte, die auf die kolonialistische Strategie des Teilens und Herrschens zurückgingen, und die von den Machthabern nach der Unabhängigkeit mehr als sechs Jahrzehnte lang genährt wurden. Die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi wurde nicht nur aus dem Hausarrest entlassen, sondern führt auch gerade einen engagierten Wahlkampf für einen Sitz im Parlament in den Nachwahlen im April.

An der Wirtschaftsfront wurde eine beispiellose Transparenz in den Haushaltsprozess eingeführt. Die Ausgaben für Gesundheitswesen und Bildung wurden verdoppelt, wenn auch ausgehend von einer niedrigen Basis. Genehmigungseinschränkungen in einer Reihe von Schlüsselbereichen wurden gelockert. Die Regierung hat sich sogar verpflichtet, sein kompliziertes Wechselkurssystem zu vereinfachen.

Die Hoffnung im Land ist spürbar, obwohl einige Ältere, die schon einmal miterleben mussten, wie die autoritären Strukturen scheinbar aufgebrochen, dann aber doch wieder gefestigt wurden, vorsichtig bleiben. Vielleicht ist das der Grund, warum auch die internationale Gemeinschaft noch zögert, die Isolierung von Myanmar aufzuheben. Aber die meisten Burmesen sind sich sicher, dass das Land auf einen unumkehrbaren Kurs gebracht wird, wenn die Veränderungen richtig gemanagt werden.

Im Februar nahm ich an Seminaren in Rangun und in der gerade gebauten Hauptstadt Naypyidaw teil, die von einem führenden Ökonomen des Landes, U Myint, organisiert wurden. Das große und aktiv teilnehmende Publikum (mehr als tausend Teilnehmer in Rangun) und die hervorragenden und bewegenden Präsentationen zweier weltbekannter burmesischer Ökonomen, die das Land in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts verlassen hatten und seit mehr als vier Jahrzehnten das erste Mal wieder zu Besuch waren, machten die Veranstaltungen zu einem denkwürdigen Ereignis.

Wie mein Kollege von der Columbia University, Ronald Findlay, bereits unterstrich, war einer von ihnen, der 91jährige Hla Myint, ehemaliger Professor an der London School of Economics, der Vater der erfolgreichsten Entwicklungsstrategie überhaupt, nämlich der Strategie einer offenen Wirtschaft und eines exportgetriebenen Wachstums. Diese Blaupause wurde in den vergangenen Jahrzehnten überall in Asien angewandt, besonders in China. Jetzt kommt sie vielleicht endlich nach Hause.

Ich selbst hielt im Dezember 2009 eine Vorlesung in Myanmar. Zu der Zeit musste man angesichts der Empfindlichkeiten der Regierung sehr vorsichtig sein, sogar bei der Art und Weise, wie man die Probleme des Landes beschrieb – die Armut, die fehlende Produktion in der Landwirtschaft und die nicht ausgebildete Arbeiterschaft. Jetzt wurde beim Umgang mit diesen und anderen Herausforderungen die Vorsicht durch ein Gefühl der Dringlichkeit und durch die Erkenntnis ersetzt, dass technische und andere Hilfe notwendig ist. (Im Verhältnis zu Bevölkerung und Einkommen gehört Myanmar zu den Ländern der Welt, die am wenigsten internationale Hilfe erhalten.)

Es wird viel darüber diskutiert, welche Erklärung es für die Schnelligkeit der Veränderungen in Myanmar gibt. Vielleicht haben die Machthaber erkannt, dass das Land, das einmal der größte Reisexporteur der Welt war, weit hinter seine Nachbarn zurückfiel. Vielleicht haben sie die Botschaft des arabischen Frühlings gehört oder einfach verstanden, dass es unmöglich ist, das Land mit mehr als drei Millionen im Ausland lebenden Burmesen vom Rest der Welt zu isolieren oder zu verhindern, dass Ideen aus den Nachbarländern einsickern. Welchen Grund es auch immer gibt, der Wandel geschieht und die Chancen, die er bietet, sind unbestreitbar.

Aber viele der internationalen Sanktionen, was auch immer ihre Rolle in der Vergangenheit gewesen sein mag, scheinen nun kontraproduktiv zu sein. Finanzsanktionen zum Beispiel behindern die Entwicklung eines modernen und transparenten Finanzsystems, das mit dem Rest der Welt vernetzt ist. Die sich daraus ergebende Bargeldwirtschaft öffnet der Korruption Tür und Tor.

Ebenso haben Beschränkungen, die verhindert haben, dass sich sozial verantwortungsvolle Unternehmen mit Sitz in den fortschrittlichen Industriestaaten in Myanmar niederlassen, das Feld weniger skrupellösen Firmen überlassen. Wir sollten den Wunsch Myanmars nach Begleitung und Beratung durch internationale Institutionen und das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen begrüßen. Stattdessen beschränken wir weiter die Rolle, die diese Institutionen im Aufschwung des Landes spielen können.

Immer, wenn wir Hilfe zurückhalten oder Sanktionen verhängen, müssen wir sehr genau darüber nachdenken, wer die Last der Veränderungen trägt, die wir wünschen. Eine Öffnung im Handel mit landwirtschaftlichen Produkten und Textilien – sogar mit den Vorzugsbedingungen, die anderen armen Ländern angeboten werden – würde sehr wahrscheinlich genau den armen Bauern nutzen, aus denen die Bevölkerung zu 70 Prozent besteht, und Arbeitsplätze schaffen. Die Reichen und Mächtigen können finanzielle Sanktionen umgehen, wenn auch zu gewissen Kosten, normale Bürger können den Folgen des Status als internationaler Paria nicht so einfach entkommen.

Wir haben gesehen, wie der arabische Frühling in einigen Ländern zaghaft erblühte, in anderen ist noch ungewiss, ob er Früchte tragen wird. Myanmars Wende ist vielerlei Hinsicht stiller, ohne die Fanfare von Facebook und Twitter, aber sie ist dennoch nicht weniger real – und verdient dieselbe Unterstützung.

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  1. CommentedPeter Smith

    I think there is little doubt that Burma's economic potential is enormous, and it is perhaps unusual in that much of the country has so far been immune to development, and thus to the environmental and cultural stresses this can produce. Perhaps Burma could become a model for balanced development.

    I would be interested to hear your opinion on the ways developed nation financial institutions might best participate in creating a a success story as Burma continues to emerge from its long isolation from the West.

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