Wednesday, August 27, 2014
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Der britische Kotau

LONDON – Man sollte meine, die Briten, die das Appeasement, also die Beschwichtigungspolitik, praktisch erfunden haben und einen sehr hohen Preis dafür zahlen mussten, es besser wüssten. Aber das Appeasement gegenüber China aus wirtschaftlichenGründen gilt offenbar nicht als moralisch verwerflich. Wie sonst kann es sein, dass Liu Binjie, der Chef-Zensor und maßgeblich verantwortlich dafür, dass Nobelpreisträger und Menschenrechtsaktivist Liu Xiaobo zum Schweigen gebracht wurde, eine Einladung erhält, mit einer Delegation von 21 amtlich geduldeten Schriftstellern und Dutzenden Günstlingen des Ministeriums nach London zu kommen, um die chinesische Literatur auf der Londoner Buchmesse zu feiern?

Genau so ist es. Liu ist während der Veranstaltung Ehrengast des British Council, der verkündet hat, man habe amtlich geduldete Schriftsteller eingeladen, weil man ein größeres Verständnis für die chinesische Literatur erreichen und einen kulturellen Austausch zwischen den beiden Ländern fördern wolle. Aber soll die Welt wirklich nur über China aus Werken erfahren, die von der chinesischen Volkspartei abgesegnet wurden? Haben nicht Boris Pasternak, Alexander Solschenizyn, Milan Kundera und Václav Havel der Welt mindestens ebenso viel über die repressive Gesellschaften beigebracht, in welchen sie lebten, wie alles, was die offiziellen Verlage des Sowjetblocks erzeugten?

Die Begründung des Councils ist ein Vorwand und gleichzeitig ein Kotau vor dem chinesischen Totalitarismus, der die chinesischen Autoren beleidigt, die im Gefängnis landeten, verbannt oder ins Exil gezwungen wurden, weil sie beim Schreiben ihrem Gewissen folgten.

In seiner Schrift „Meine Erklärung vor dem Verlassen Chinas“ (去国宣言) erklärt Yu Jie, der vor Verfolgung in die USA floh, ausdrücklich, dass er gezwungen wurde, das Land zu verlassen, um frei schreiben zu können. Vor seinem Exil war Yu Lie in einem Dunkelraum gefangen gehalten und gefoltert worden, weil Liu Xiaboo 2010 den Friedensnobelpreis gewonnen hatte. In demselben Moment, in dem in Oslo der Preis überreicht wurde, schlugen mehrere Polizisten auf Yus Gesicht ein und sagten: „Wir werden dich zu Tode prügeln, um die Schmach der Regierung zu rächen.“

Heute produziert China Exilliteraten in einem schnelleren Tempo, als es die Sowjetunion jemals erreichte. Keine britische Behörde hätte den sowjetischen Chefzensor als Ehrengast zu einer Veranstaltung zur Feier der russischen Literatur eingeladen. Warum also wird mit zweierlei Maß gemessen?

Wir alle kennen die Antwort: Geld. China hat es, und Großbritannien und andere westliche Staaten wollen es. Sie wollen, dass chinesische Verbraucher ihre Produkte kaufen. Der britische Premierminister David Cameron will die Tatsache, dass Großbritannien mehr in das winzige Irland als nach China exportiert, ändern. Ein wenig literarische Beschwichtigung scheint ein kleiner Preis dafür zu sein.

Heute hat der wachsende politische Terror erdrückende Folgen für die chinesische Gesellschaft. Mehr als 100 Autoren sind im Gefängnis, weil sie politische Essays im Internet veröffentlichten. Ihre Familien werden überwacht, oder, wie die Frau von Liu Xiaboo, unter Hausarrest gestellt.

Vergangenes Jahr hat der Autor Zhu Yufu ein Gedicht im Internet veröffentlicht. Ein Vers lautet: „Es ist an der Zeit, Chinesen!/ der Platz gehört allen / die Füße gehören uns / es ist an der Zeit, Eure Füße zu nehmen, zum Platz zu gehen und eine Wahl zu treffen.“ Dafür wurde er wegen „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt“ verhaftet und im Februar zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt.

In repressiven Gesellschaften ist gute Literatur per definitionem subversiv. Mit einfachen Worten hatte Zhu versucht, eine Nation aufzurütteln. Für Chinas Diktatoren gibt es kein subversiveres und schrecklicheres Wort als „Wahl“.

China schickt 10.000 Titel auf die Londoner Buchmesse. Diese Auswahl erscheint vielleicht überwältigend, aber es wäre eine sichere Wette, wenn man sagen würde, dass keines dieser Bücher unvoreingenommen die Tabus der chinesischen Politik und der jüngsten Geschichte auf die Probe stellt. In China können tausende von „sensitiven Wörtern“, wie „sich selbst opfernde Lamas“, „Menschenrechte“, „Proteste von Tiananmen“ und sogar der Titel meines Buches Bejing Coma nicht online gesucht werden. Diese stetig wachsende, von Liu Binjie und seiner Zensorenarmee aufgestellte Liste an Wörtern und Tabuthemen hungert die Seele des Volkes aus und macht seine Dichter mundtot.

Der British Council behauptet, er zeige „die erstaunliche Breite und Vielseitigkeit der chinesischen Gegenwartsliteratur“. Aber jede wirklich vielseitige Diskussion würde nicht nur die 21 staatlich genehmigten Autoren berücksichtigen, sondern auch andere offiziell anerkannte Autoren auf der kritischeren Seite des Spektrums, wie Yan Lianke, dem die Erlaubnis, dieses Jahr an der Londoner Buchmesse teilzunehmen, dreimal verweigert wurde.

Eine lebendige Diskussion würde auch Autoren berücksichtigen, die in China komplett zum Schweigen gebracht wurden, wie Wang Lixiong, Tan Hecheng, Mo Jiangang und Yan Jisheng.

Die Werke dieser verbannten Schriftsteller sind voller Details über das heutige Leben in China. Ihre literarische Kraft wird gespeist aus ihrem Mut, unbequeme Fragen zu stellen und ehrlich zu schreiben. Die Entscheidung des British Council, sie und verbannte Exilautoren ohne Einreisegenehmigung nach China, wie ich selbst, zu ignorieren, hat eine Kulturveranstaltung in eine kommerziell-politische Transaktion ohne Prinzipien verwandelt.

Großbritannien hat nicht nur große Literatur hervorgebracht, es hat auch eine lange Tradition der Verteidigung der freien Rede und der Aufnahme von verfolgten Schriftstellern. Nicht Napoleon, nicht Zar Nicholas I, noch nicht einmal Hitler, als er in den 30er Jahren beschwichtigt wurde, konnten Großbritannien zu Zugeständnissen hinsichtlich der intellektuellen Freiheit zwingen. Die Möglichkeit, eine jahrhundertealte humanistische Tradition zu korrumpieren, ist stattdessen dem unwürdigen Chefzensoren der chinesischen Volkspartei und Ingenieur des literarischen Exodus’ aus China zugefallen – und der Gier nach chinesischem Gold.

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