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China Stands Up

„Verliert“ China die Olympischen Spiele 2008?

Ian Bremmer

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2007-11-21

Als das Internationale Olympische Komitee im Juli 2001 Beijing die Olympischen Sommerspiele 2008 zusprach, löste die Erklärung stürmische Feierlichkeiten im ganzen Land aus. Die Kommunistische Partei Chinas hatte gehofft, die Spiele dazu zu benutzen, den Aufschwung des Landes als dynamische, moderne Nation zu zeigen. Doch während Chinas Machthaber mit den letzten Vorbereitungen für die Spiele im nächsten August beginnen, fragen sie sich vielleicht, ob es eine so gute Idee war, die Veranstaltung auszurichten. Sie haben gewichtige Gründe, daran zu zweifeln.

Chinas oberste Machthaber überwachen den spontanen öffentlichen Ausdruck nationalistischer Leidenschaft immer strengstens, in der Angst, dass der Wind sich drehen und ihnen ein unwillkommener Sturm entgegen wehen könnte. Selbstverständlich hoffen sie darauf, dass die Spiele diese Energien in Richtung nationale Solidarität kanalisieren werden, sodass die Führung ihrem Volk ein Erfolgserlebnis und einen Augenblick des patriotischen Stolzes bescheren kann.

Doch werden durch die Olympiade auch Chinas Schwächen einer gründlichen internationalen Prüfung unterzogen, während das Land sich an einem heiklen Punkt in seiner Entwicklung befindet. Die Welt weiß bereits um Chinas Erfolg und seine Attraktivität als Zielland für ausländische Investitionen, doch wenige Außenstehende haben den hohen Preis, den das Land für seinen neuen Wohlstand zahlen muss, aus erster Hand kennengelernt.

Die offensichtlichsten Zeichen für diesen Preis fließen durch die Gewässer des Landes und verpesten seine Luft. Das rasante Wachstum und die schnelle Entwicklung haben ca. 70 % der chinesischen Seen und Flüsse stark verschmutzt und viele für jede Nutzung durch den Menschen untauglich gemacht. Tatsächlich haben nahezu eine halbe Milliarde Chinesen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, und die Zahl der langfristig verschmutzen Flüsse und Seen steigt täglich.

Doch wird sich die Luftqualität im nächsten August als das peinlichere Problem erweisen. Fernsehberichte über Athleten, die nach Luft schnappen, werden Beijing wohl kaum das charakteristische olympische Image verleihen, das es sich vorgestellt hatte. Und die wachsenden internationalen Bedenken hinsichtlich des Klimawandels und anderer Umweltrisiken werden dafür sorgen, dass derartige Themen in den Medien ausgewalzt werden.

Es besteht ferner die Gefahr, dass die Spiele zu einem politischen Zirkus ausarten, da das internationale Rampenlicht unwiderstehliche Gelegenheiten zum öffentlichen Protest bietet. Die chinesische Führung hat häufig bewiesen, dass sie Widerstand im eigenen Land unterdrücken kann, doch wird der einzigartige Umfang der olympischen Spiele Wachsamkeit rund um die Uhr erfordern.

Aktivisten mit Beschwerden zu Tibet, Taiwan, Birma, Darfur und Dutzenden anderen politischen, Umwelt- und Menschenrechtsfragen schmieden bereits Pläne. Ist China dafür bereit, dass Anhänger von Greenpeace, Human Rights in China, Amnesty International und Falun Gong auf die Straße gehen und Tausende von ausländischen Journalisten nach Storys gieren und Fragen stellen, auf die die Behörden normalerweise nicht antworten?

Selbst wenn die Polizei in der Lage ist, die Ordnung in Beijing aufrechtzuerhalten, kann sie diese Kontrolle überall im Land ausüben? Ist sie der Flut von Informationen und Ideen gewachsen, die durch die Blogosphäre strömen, wenn Online-Aktivisten im Kampf um freie Information eine weitere Front eröffnen? Wir können immerhin sagen, dass die chinesischen Behörden noch nie vor einer Aufgabe dieser Größenordnung gestanden haben, die ein derartiges Potenzial bot, entweder an Profil zu gewinnen oder das Gesicht zu verlieren.

Die Spiele werden auch bedeutsame außenpolitische Risiken mit sich bringen. In Taiwan mischt der scheidende Präsident Chen Shui-bian die Gemüter in der Unabhängigkeitsfrage auf – in dem Wissen, dass Beijing aufgrund des olympischen Rampenlichts nicht so heftig reagieren kann. Er hat bereits einen Volksentscheid über Taiwans Mitgliedschaft bei den Vereinten Nationen vorgeschlagen. Chinas Einfluss innerhalb der UNO würde einen solchen Zug verhindern, selbst wenn Taiwan dafür stimmen würde, doch ist eine internationale Konfrontation das Letzte, was China sich gleichzeitig zu den Olympischen Spielen wünscht.

Eine weitere Frage ist, wie die Spiele im Westen aufgenommen werden. Seit 2001 ist China immer mehr zum zentralen Brennpunkt vieler Bedenken der Industrieländer geworden. Riesige bilaterale Handelsdefizite, Vorwürfe, China halte seine Währung unter Wert, und eine Welle fehlerhafter und gefährlicher chinesischer Exportgüter haben eine protektionistische Reaktion in den Vereinigten Staaten und Europa ausgelöst.

Bei den bitteren Debatten um den Irak und den Iran im Wahljahr und den miesen wirtschaftlichen Aussichten sind die Amerikaner wahrscheinlich nicht in Stimmung für den triumphalen Pomp einer neuen aufstrebenden Macht, der in Beijing zur Schau gestellt wird. Werden Chinas besorgte asiatische Nachbarn dafür empfänglicher sein? Fest steht, dass es sofort internationale Kritik hageln wird, wenn auch nur irgendetwas bei den Spielen schief läuft, insbesondere wenn abweichende Meinungen unterdrückt werden und die entsprechenden Meldungen dann per Kabelfernsehen und Internet 24 Stunden am Tag um die Welt gesendet werden.

China hat sich verändert, seit es die Spiele von 2008 vor sieben Jahren für sich „gewann“. Die Parteiführung ist in ihrer wachsenden internationalen Rolle selbstbewusster geworden, doch ist nicht mehr so sicher, ob sie in der Lage ist, das Tempo des Wandels im eigenen Land zu bewältigen. 2001 hoffte der damalige Präsident Jiang Zemin, die Spiele würden Chinas Auftritt als Industrienation einleiten. Doch sein Nachfolger Hu Jintao hat sich auf die Schäden konzentriert, die das uneingeschränkte Wachstum verursacht hat. Gemeinsam mit Premierminister Wen Jiabao setzt er sich für eine „harmonische“ Gesellschaft ein, da beide einsehen, dass die sich öffnende Wohlstandsschere, soziale Spannungen, Umwelt- und Gesundheitsprobleme sowie die dürftige Beziehung der Partei zu Chinas benachteiligten Bevölkerungsgruppen nicht mehr vernachlässigt werden dürfen.

Während Chinas führende Politiker sich abstrampeln, um diese Herausforderungen zu meistern, stellt sich die Frage, ob sie immer noch von der Vorstellung begeistert sind, einem internationalen Publikum dabei Plätze in der ersten Reihe zu geben? Wie sie die Spiele rückblickend einschätzen werden, wenn das Konfetti von den Straßen gefegt ist, bleibt vollkommen ungewiss.

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AUTHOR INFO

Ian Bremmer is President of Eurasia Group and author of The End of the Free Market: Who Wins the War Between States and Corporations?