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Die Grenzen von Windows sprengen

Kioto: Zu Beginn des Neuen Jahres ist Microsoft dabei, Betriebstests an seinem neuen Betriebssystem Windows 7 durchzuführen, an dem nur Eines bemerkenswert ist: Es ist fast identisch mit all seinen Vorgängerversionen. Stagnation im Computerdesign ist nichts Überraschendes, bedenkt man, wie bequem Vertrautheit ist.

Freilich kann dies auch die Weiterentwicklung hemmen. Das militärische Nachrichtenwesen ist von ständigen Verbesserungen bei der Kommunikation abhängig und daher ein Bereich, in dem sich das Systemdesign kontinuierlich ändert. Einige dieser Innovationen finden letztlich ihren Weg in den Mainstream; daher kann ein flüchtiger Blick auf die aktuellen Experimente zeigen, wie die Zukunft der normalen Computerinteraktion aussehen könnte und was dabei die Vorteile wären.

Dem Laien begegnet Technologie überwiegend als interaktive Benutzeroberfläche. Ihm ist kaum bewusst, dass jene greifbaren Funktionalitäten, die er als „computerspezifisch“ ansieht, Imitationen anderer Objekte sind: Die Tastatur stammt von der Schreibmaschine, der Bildschirm vom Fernseher.

Im Innern des Computerbildschirms findet man ein virtuelles Büro der 1950er Jahre – mit Papierdokumenten, Aktenschränken und einem Papierkorb. Dieses Fensterformat wird als WIMP-Format bezeichnet; das Akronym steht für Window (Fenster), Icon (Symbol), Mouse (Maus) und Pointer (Zeiger). Aufgrund der Monopolkräfte ist es seit den 1980er Jahren das allgemein gültige Paradigma; in der Computergeschichte ist das eine Ewigkeit.

Wir nehmen diese Formate als selbstverständlich hin – genau wie die Tastaturen von Tastentelefonen und die Armaturenbretter der Autos, die auch Benutzeroberflächen sind. Allzu leicht gerät dabei in Vergessenheit, dass Telefone einst weder Tasten noch Wählscheiben hatten: Man musste den Hörer aufnehmen und die Vermittlung bitten, die gewünschte Verbindung herzustellen. Die Wählscheibe gibt es erst seit 1919, als die erste Gruppe selbsternannter „Benutzeroberflächen-Forscher“ bei Western Electric überlegte, wie eine möglichst intuitive Form aussehen könnte.

Bei der Verbesserung der Benutzeroberfläche eines Computers ist die Form von zentraler Bedeutung. Spuren eines neuen Paradigmas sind bei Apples iPhone zu erkennen, das gestische Fingerbewegungen zulässt; im Nachrichtenwesen freilich kann die Konzeptvisualisierung derart radikal ausfallen, dass die meisten normalen Benutzer nur mit Mühe erkennen würden, was sie vor sich haben. Das Design ist inspiriert durch die Kognitionsforschung, die Künste, selbst Science-Fiction. Ironischerweise weist ein aktueller Trend weit in die Vergangenheit – hin zu einem als Katachi bekannten traditionellen japanischen Konzept, das dabei ist, sich zu einer internationalen Bewegung zu entwickeln.

„Katachi“ bedeutet auf Japanisch wörtlich „Form“, hat jedoch komplexe Konnotationen, die es in anderen Sprachen nicht gibt. Das Wort setzt sich aus zwei Begriffen zusammen: „Kata“ (Muster) und „Chi“ (magische Kraft) und umfasst also Nuancen wie „komplette Fertigung“ und „Form, die eine attraktive Geschichte erzählt“.

Diese umfassendere Bedeutung hat ihre Wurzeln in der uralten japanischen Kultur, die sich der Überschneidung von Geometrie und Bedeutung bewusst war. Das chinesische Symbol für „Form“ verkörpert – aufgrund der Verwendung von Ideogrammen im Chinesischen – etwas von derselben Denkweise. Vor viertausend Jahren wurde in China ein Schriftsystem entwickelt, das Konzepte sowohl als Idee wie als Bild übermittelte. Begriffe wie etwa „Holzstruktur“ und „Schönheit“ wurden durch Symbole vermittelt, die, wenn man sie kombinierte, ein neues Konzept wie etwa „Form“ hervorbringen konnten.

Die Regierungen der durch China kolonisierten Länder wurden gezwungen, dieses piktografische Schriftsystem zu übernehmen, um politische Anweisungen entgegenzunehmen, doch die Aussprache der Zeichen wurde nicht kontrolliert. Die Kolonialisierten waren in der Lage, sich durch unterschiedliche auditive Versionen desselben schriftlichen „Wortes“ Aspekte ihrer örtlichen Kultur zu bewahren, weil die gemeinschaftliche Bedeutung nur in der Form existierte.

Moderne Benutzeroberflächen-Forscher sind an Katachi interessiert, weil sich daran erkennen lässt, wie die Form die menschliche Interaktion erleichtert. Ein traditionelles Beispiel ist die Teezeremonie, die in Japan im späten 16. Jahrhundert entwickelt wurde. Das Format ist einfach: Ein Gastgeber serviert Tee mit ein paar Süßigkeiten, die Gäste trinken diesen und bedanken sich dann; das ist alles.

Ausländer begreifen häufig nicht, warum ein derart minimalistisches Ereignis jahrelanges Training erfordern kann. Doch die Motivation dieser Kunst ist allen Kulturen gemein: die Vorstellung von einem begabten Gastgeber (aus welchem Land auch immer), dessen Auftreten so unbeschwert ist, dass sich die Gäste einem Gefühl stillen Glücks hingeben.

Bei der Teezeremonie wurde diese Fähigkeit zu einer Kunstfertigkeit verfeinert, die Material, Bedeutung und Stimmung kombiniert. Wer über eine besondere Fähigkeit verfügt, weiß, wie sich durch sorgfältige Vorbereitung von Hilfsmitteln, nachdenklichen Gesprächen und natürlichen, aber wohlkontrollierten Körperbewegungen das Gasterlebnis verbessern lässt. Körperliche Bewegungen bringen die beabsichtigte Bedeutung des Ereignisses zum Ausdruck, sodass das gesamte Umfeld zum Signifikant wird. Um der Persönlichkeit des Gastgebers Rechnung zu tragen, werden häufig kleine Innovationen in den Bewirtungsstil eingebaut.

Ein auf den Einsichten des Katachi basierendes Betriebssystem würde diese Überschneidung von Form, Bedeutung und Umfeld nutzen. Es könnte Ihnen ermöglichen, die „Form“ eines Konzepts mit den Händen zu erfühlen. Oder die Zuverlässigkeit von Daten aufzeigen, indem es diese entweder in säuberlicher Ordnung oder eher unordentlich präsentiert; sie wäre damit auf einen Blick sichtbar. Vielleicht werden uns zukünftige Benutzeroberflächen in die Lage versetzen, über Sprachbarrieren hinweg miteinander zu kommunizieren, indem sie uns in Bildkombinationen eintauchen lässt – eine Mischform zwischen Film, Architektur und E-Mail.

Ausdrucksstarke Icons repräsentieren Gedanken, können jedoch komplexe Feinheiten und Situationen nur vermitteln, wenn sie eine Verständigung auf mehreren Ebenen zulassen. Die Computerwissenschaft könnte in der einzigartigen Lage sein, eine gehaltvollere Kommunikation und infolgedessen auch eine stabilere Zukunft zu ermöglichen. Aus diesem Grund wollen wir hoffen, dass sich im neuen Jahr mehr Entwickler dieser so genannten „disruptiven“ Seite der Technologie widmen.

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