Thursday, April 24, 2014
Exit from comment view mode. Click to hide this space
0

Dollar-Wette

Je mehr Zeit vergeht, ohne dass der Wert des Dollars deutlich fällt oder die Marktkräfte Amerikas Leistungsbilanzdefizit – das in diesem Jahr durchaus eine Billion Dollar erreichen könnte – zum Schrumpfen bringen, desto deutlicher bilden sich zwei einander diametral entgegengesetzte Reaktionen aus. Die meisten internationalen Finanzwirtschaftler haben zunehmend Angst vor einem Ausbruch einer größeren internationalen Finanzkrise. Tatsächlich fürchten sie, dass das Ausmaß dieser potenziellen Krise größer und größer wird.

Andere – insbesondere die Verwalter von Kapitalanlagen – gelangen immer mehr zu der Überzeugung, dass die Ökonomen nicht besonders gut Bescheid wissen und dass das, was sie wissen, für Trader wie sie selbst nutzlos ist. Sie sehen wenig Grund zu der Annahme, dass die aktuellen Anlagewerte und Handelsströme nicht langfristig aufrechtzuerhalten sein sollten.

Schließlich, so argumentieren sie (oder zumindest einige von ihnen), wachse das reale BIP der USA jährlich um 400 Milliarden Dollar, von denen etwa 270 Milliarden Dollar auf Arbeit und 130 Milliarden Dollar auf Kapital entfallen. Selbst unter Berücksichtigung der Geldentwertung seien diese 130 Milliarden Dollar zusätzlichen Einkommens in ein Vermögen von etwa 1,5 Billionen Dollar umzurechnen; daher sei selbst ein Leistungsbilanzdefizit von einer Billion Dollar nicht allzu groß. Die Amerikaner könnten zwei Drittel des Wertzuwachses ihres Vermögens zur Finanzierung ihrer Importe ausgeben und hätten trotzdem in diesem Jahr 500 Milliarden Dollar mehr als im Vorjahr.

Darüber hinaus betrügen die jährlichen Zinsen, die die Amerikaner auf die vom Rest der Welt geliehene zusätzliche Billion Dollar zahlten, etwa 50 Milliarden Dollar – lediglich ein Achtel des jährlichen Wirtschaftswachstums –, während das Handelsdefizit aus dem Wachstum des Kapitalwertes finanziert werde. Was also sollte daran nicht langfristig tragbar sein? Warum könne das Leistungsbilanzdefizit der USA nicht dauerhaft auf dem Stand von 2006 bleiben?

Das Gegenargument hierzu beruht auf dem Unterschied zwischen Leistungsbilanzdefizit und Handelsdefizit. Das Leistungsbilanzdefizit entspricht dem Handelsdefizit plus den Kosten für die Bedienung der Nettoforderungen im Nettovermögensstatus: den Nettomieten, -zinsen und -dividenden, die jenen Ausländern geschuldet werden, die ihr Kapital in den USA angelegt haben. Im Laufe der Zeit summieren sich die Defizite. Wenn sich die Defizite summieren, erhöhen sich die Kosten für die Bedienung der Nettoforderungen im Nettovermögensstatus.

Damit das Leistungsbilanzdefizit stabil bleibt, muss daher das Handelsdefizit sinken. Und die einzige Möglichkeit zu einer deutlichen Absenkung des Handelsdefizites besteht in einer Verringerung der Nettoimporte. Dies erfordert entweder einen relativ steilen Rückgang im Wert des Dollars, sodass die Einfuhrpreise steigen, oder eine Depression innerhalb der USA. Beides würde die Nachfrage nach ausländischen Gütern abschwächen, da es den Amerikanern das Gefühl vermitteln würde, sie seien zu arm, um diese Güter kaufen zu können.

Die Inhaber von in Dollar valutierten Vermögenswerten müssten sich daher auf zwei mögliche Szenarien einstellen. Das erste beinhaltet einen Fall im Wert des Dollars; das zweite eine Depression in den USA. Bei keinem dieser beiden Szenarien ist es sinnvoll, heute hohe Beträge in in Dollar valutiertem Vermögen zu halten. Daher müssten ausländische Spekulanten nun in der nächsten Zeit ihre in Dollar valutierten Anlagen auf den Markt werfen und so jene Abwertung des Dollars herbeiführen, die sie so fürchten.

Aber die Devisenspekulanten und internationalen Anleger stellen sich auf keines dieser beiden Szenarien ein. Sie halten weiterhin große Positionen in Dollar valutierter Vermögenswerte – was sie nicht tun würden, wenn sie der Ansicht wären, die USA stünden vor der Wahl zwischen billigem Dollar und tiefer Depression.

Welche Alternative also sieht der Markt? Und warum unterscheidet sich diese derart von den möglichen Szenarien, die internationale Finanzwirtschaftler voraussehen?

Die Antwort scheint darin zu bestehen, dass sich niemand in den Finanzzentren New York, London, Tokio, Frankfurt und Hongkong gehalten sieht, auf eine zukünftige Flucht aus dem Dollar zu setzen. Insbesondere in Krisenzeiten – und ein steiler Fall der US-Importe würde für die asiatischen und europäischen Exporteure eine sehr viel ernstere Krise darstellen als für die USA – ist der Dollar eine Währung, in die und nicht aus der man flüchtet.

George Soros kann auf die Flucht aus dem britischen Pfund spekulieren. Thailändische Import-Export-Firmen können auf eine Flucht aus dem Baht setzen, indem sie ihre Dollareingänge beschleunigen und ihre Dollarauszahlungen hinausschieben. Jeder kann auf eine Flucht aus dem argentinischen Peso setzen – ein beliebter Sport internationaler Finanzspekulanten seit anderthalb Jahrhunderten. Aber nicht aus dem Dollar. Noch nicht.

Mit anderen Worten: Der Markt setzt darauf, dass der Dollar in den kommenden fünf Jahren langsam an Wert verlieren und dass sich das US-Leistungsbilanzdefizit allmählich ohne eine Finanzkrise verringern wird – so geschehen Ende der 1980er und auch Ende der 1970er Jahre. Schließlich, so sagt man, schützt der liebe Gott Kinder, Narren, Hunde und die Vereinigten Staaten von Amerika. Aber die Chancen auf eine weiche Landung verschlechtern sich mit jedem weiteren Tag.

Exit from comment view mode. Click to hide this space
Hide Comments Hide Comments Read Comments (0)

Please login or register to post a comment

Featured