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Blaues Europa, rotes Asien

PARIS – Könnte Europa ein demokratischer „blauer Staat“ sein und Asien ein republikanischer „roter Staat“?

Die amerikanische Präsidentschaftswahl bietet einen nahezu perfekten Test, um den Unterschied zwischen der europäischen und der asiatischen Sicht der Welt zu begreifen, selbst wenn die beiden Kontinente weit davon entfernt sind, in sich selbst einheitlich zu sein. Wenn Sie wollen, dass Amerika durch die Macht des Beispiels führt, sind Sie für Barack Obama; wenn Sie Sicherheit durch eine Fortführung der amerikanischen Macht im Sinne des traditionellen Sicherheitsbegriffs wollen, ziehen Sie wahrscheinlich McCain vor.

Während die Mehrheit der Europäer – mit Ausnahme derer, die aus historischen und geografischen Gründen von der Rückkehr des „Russischen Bären“ besessen sind – Obama unterstützt, scheint die Mehrheit der Asiaten, insbesondere die Elite, McCain zu unterstützen. Der Unterschied ist vor allem auf strategische Überlegungen zurückzuführen, enthält aber wahrscheinlich auch eine kulturelle Dimension.

In Asien sieht Indonesien in seiner Obama-Manie vielleicht „europäisch“ aus, doch stellt das Land im Wesentlichen eine Anomalie dar, die einfach durch Obamas kurzen Aufenthalt in Indonesien während seiner Kindheit zu erklären ist. Ansonsten sieht ein Großteil der asiatischen Eliten aus äußerst unterschiedlichen Gründen der wachsenden Wahrscheinlichkeit eines Siegs für Obama mit einiger Bestürzung und sogar Besorgnis entgegen.

Die japanischen Eliten neigen beispielsweise eher der Kontinuität als der Veränderung zu. In ihren Augen ist die harte Macht der Vereinigten Staaten wichtiger als ihre „weiche Macht“, und ihre Vision eines Amerikas, das seine natürliche Führungsrolle einnimmt, bleibt weithin unverändert. Für sie sind die USA vor allem das strategische Gegengewicht, das benötigt wird, um China etwas entgegenzusetzen.

Doch ziehen höchstwahrscheinlich auch die Chinesen McCain vor, aus dem gegenteiligen Grund. Der Niedergang von Amerikas Image und Einfluss in der Welt stört sie nicht. Als Asiens führende Macht hat China den „Mantel der Hoffnung“ von den USA übernommen. Amerika könnte ihn unter Obama zurückerlangen, aber nicht unter McCain. Warum sollte man für Veränderung sein, wenn die Kontinuität so prima funktioniert?

Die indischen Eliten gelangen aus anderen Gründen zu derselben Schlussfolgerung. Die Jahre unter Bush werden positiv gesehen, da sie mit der Festigung von Indiens internationalem Status und seinem Hervortreten als Amerikas wichtigster diplomatischer Partner in Asien einhergehen. In Singapur verstärken ideologische Überlegungen die strategischen Interessen. Eine sehr konservative Regierung neigt natürlich dazu, einen republikanischen Kandidaten eher zu befürworten als einen Demokraten.

Doch neben den strategischen Überlegungen muss man noch einen weiteren Aspekt (mit Vorsicht) erwähnen. Es ist zu früh, um zu sagen, dass die „Last des gelben Mannes“ nun bald Rudyard Kiplings „Last des weißen Mannes“ in der Weltgeschichte ablösen wird. Die Asiaten erkennen nur langsam an, dass Macht internationale Verantwortung mit sich bringt. Doch haben Asiaten, die den Westen längst eingeholt haben, Schwierigkeiten, sich an die Idee zu gewöhnen, dass die USA zum ersten Mal in der Geschichte nicht von einem weißen Präsidenten regiert würden. Wie kann man sich gegenüber dem Westen definieren, wenn der Westen sein Antlitz, wenn nicht sein Wesen, so spektakulär und sichtlich verändert hat?

In Europa ist das Gegenteil der Fall. Das komplexe Wesen von Barack Obama ist ein absolutes Plus. Für die ehemaligen Kolonialmächte, die kein Pendant zu Obama haben, ist die volle Unterstützung Obamas eine Art Exorzismus, wenn nicht eine Erlösung. Amerika ebnet wieder einmal die Bahn für das, was die Europäer eines Tages mit ihren eigenen Minderheiten erreichen können sollten: Ein Land der Träume wird möglich. Klassischer betrachtet, erklären die europäischen Ressentiments gegen Bush die Tiefe der Begeisterung für Obama und die relativ große Distanziertheit der Europäer gegenüber McCains Kandidatur.

Die Europäer fühlen sich durch Amerikas überschwängliche Demonstration seiner harten Macht unterdrückt. Ihnen wäre ein Amerika lieber, das im Ausland bescheidener und im Innern ehrgeiziger wäre. Sie wünschen sich insgeheim, dass in diesen wirtschaftlich harten Zeiten zumindest ein Teil der „Kultur der Hoffnung“, die Obama verkörpert, auf sie abstrahlen und sie zum Besseren wandeln würde. Die USA sollen sie nicht nur beschützen, sondern sie transformieren.

Die Auffassung, dass Obama das Bild, das die USA und der Westen von sich selbst haben, verändern kann, ist ein wichtiger Faktor für die emotionale Kluft, die zwischen Asien und Europa am Vorabend der amerikanischen Präsidentschaftswahl existieren mag. In dieser Hinsicht ist Asien tendenziell ein Status-quo-Kontinent, während Europa ein revisionistischer ist. Für viele Europäer stellt eine Neuerfindung Amerikas die letzte Hoffnung Europas dar.

Es ist eine edle Hoffnung, aber ebenso eine gefährliche, da sich Träume leicht in Alpträume verwandeln können. Das könnte mit einiger Wahrscheinlichkeit geschehen, wenn Amerikas nächster Präsident die finanziellen und wirtschaftlichen Gefahren, die sein Land und somit den Rest der Welt bedrohen, nicht beseitigt.

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