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Blind in Gaza und Jerusalem

LONDON –  Ich verbrachte Silvester in Sydney und sah mir das Feuerwerk über der weltberühmten Hafenbrücke an, mit dem das neue Jahr begrüßt wurde. Die Explosionen in dieser Nacht über Gaza waren nicht zur Unterhaltung gedacht, sondern zielten darauf ab, die Hamas zu zerschlagen und sie in den Augen der Palästinenser zu diskreditieren.

Mit dieser jüngsten Zuflucht zu schrecklicher Gewalt wollte man das Problem des friedlichen Nebeneinander in einem Gebiet lösen, das die Christen immer noch gerne als das Heilige Land bezeichnen. Mahatma Gandhi kritisierte die biblische Rechtfertigung der Vergeltung „Aug’ um Aug’, Zahn um Zahn“. Am Ende, so seine Argumentation, würde dies bedeuten, dass wir alle erblinden. Und das wurde nun in Palästina und Israel unter Beweis gestellt. Man ist blind in Gaza und blind in Jerusalem.

Ein Großteil der Geschehnisse war vorhersehbar. Weit über 1.400 Männer, Frauen und Kinder verloren ihr Leben und mehr als 4.000 Menschen wurden verwundet.

Erstens rechtfertigten die Vereinigten Staaten den israelischen Übergriff und ebenso wie man einst die Verantwortung für sämtliche Fehlschläge Jassir Arafat und der Fatah zuschob, gibt man heute für alles der Hamas die Schuld.

Zweitens: Trotz der willkommenen und viel beachteten diplomatischen Bemühungen des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy blieb Europa bedeutungslos, wenn nicht überhaupt unsichtbar. Wie israelische Vertreter betonen, kommen die Europäer immer gerne, wenn es eine Fotogelegenheit gibt. Der Sondergesandte des Nahost-Quartetts, Tony Blair, ist so salbungsvoll belanglos wie eh und je. Er tritt zwar auf CNN auf, aber ist er seit seiner Ernennung im Sommer 2007 jemals wieder in Gaza gewesen? Nein.  

Drittens hat Israel wie üblich diejenigen des Antisemitismus bezichtigt, die es wagten, seine unverhältnismäßige Reaktion auf die unhaltbaren Raketenangriffe der Hamas und die kollektive Bestrafung der Palästinenser zu kritisieren.  Ein italienischer Kardinal, dessen Äußerungen zugegebenermaßen überzogen waren, wurde beschuldigt, in die Sprache der Holocaust-Leugner zu verfallen. Macht mich nun meine unqualifizierte Kritik an den Raketenangriffen der Hamas zum Islamfeind?

Zufällig erschienen zeitgleich mit den tödlichen Angriffen auf Gaza eine Reihe neuer Bücher von Amerikas renommiertesten Möchtegern-Nahost-Friedensstiftern, die sich mit der Frage beschäftigen, wie diese Aufgabe angemessen zu lösen sei.  Das Ganze klang ein wenig wie eine Reihe von Bewerbungsschreiben – der Krieg für Präsident Barack Obamas Ohr.

Einig sind sich alle diese Experten, dass George W. Bush eine Katastrophe war. Die amerikanische Politik hätte ebenso gut aus dem Likud-Hauptquartier stammen können. Selbst am Schluss bei der Abstimmung des UNO-Sicherheitsrates über Gaza ließ es sich Bush nicht nehmen auf Drängen des israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert Außenministerin Condoleezza Rice zu desavouieren.

Diese „weisen Männer“, allesamt Berater von Präsident Clinton und anderer Präsidenten, scheinen einzuräumen, dass das Scheitern des Abkommens von Camp David aus dem Jahr 2000 nicht einfach nur Arafat in die Schuhe geschoben werden konnte. Auch der ehemalige israelische Ministerpräsident Ehud Barak sollte seinen Anteil der Schuld anerkennen. Außerdem kritisieren alle die in der Clinton-Ära gepflogene Praxis, sämtliche amerikanischen Positionen zuerst mit Israel abzustimmen, weil man dadurch kaum arabisches Vertrauen und Unterstützung gewinnen konnte.

Die Uneinigkeit der amerikanischen Diplomaten hinsichtlich des Prozesses mündete allerdings nicht insgesamt in unterschiedliche Auffassungen über den Inhalt eines Friedensabkommens. Darüber sind sich alle mehr oder weniger einig. Zwei Staaten. Sicherheitsgarantien für Israel. Ein palästinensischer Staat innerhalb der 1967 festgelegten Grenzen mit zusätzlichen Übereinkünften über gegenseitigen Landtausch. Ein Ende der Siedlungen im Westjordanland. Kein „Rückkehrrecht“, aber finanzielle Entschädigung für palästinensische Flüchtlinge. Ein System einer gemeinsamen oder internationalen Souveränität für die heiligen Orte in Jerusalem und die Teilung der Stadt, so dass sie zur Hauptstadt zweier Staaten werden kann.

All das sollte selbstverständlich geschehen. Und ich glaube, dass es auch machbar und mit Hilfe von Vermittlern wie Katar und der Türkei umsetzbar ist, dessen Ministerpräsident die israelischen Angriffe als „ernstes Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnete.

Aber ich beginne mich zu fragen, ob man auf dieser Basis wirklich einen Frieden erreichen kann. Die Fatah und gemäßigte Palästinenser wie Präsident Mahmud Abbas wurden völlig diskreditiert. Die Palästinenser insgesamt wurden noch weiter radikalisiert.   

Die Hamas, deren Engagement und Unterstützung für jede Lösung von entscheidender Bedeutung ist, hat Rache geschworen. Jeden Tag schlägt neuer palästinensischer Jammer an des Himmels Wölbung. Die Witwen und Mütter der Toten weinen und schreien nach blutiger Gerechtigkeit. Sollte uns das überraschen?  Man stelle sich vor, die britische Regierung hätte in ihrem Streben nach Frieden und Zerstörung der IRA in Nordirland das katholische Derry bombardiert. Ob man damit die Katholiken gewonnen oder sie entfremdet hätte?  

Es stellt sich die Frage, welche israelischen Spitzenpolitiker wirklich einen palästinensischen Staat wollen und bereit sind, die damit verbundenen Risiken zu tragen? Wer von ihnen ist stark genug, um es mit den Siedlern im Westjordanland aufzunehmen? Ohne diese Voraussetzungen wird es kein Friedensabkommen geben. Wer wird es übernehmen, den extremeren Mitgliedern der jüdischen Diaspora in Amerika die Tatsachen zu erklären? Wer in der israelischen Führungsriege versteht, dass Versöhnung wichtiger ist als Vergeltung und Rache?

So schwierig sich die Lage der Dinge in der Vergangenheit auch präsentierte, noch nie habe ich dieses Gefühl der Hoffnungslosigkeit hinsichtlich Palästina und Israel verspürt. Die Vernunft wurde in Blut ertränkt. Es scheint, als wäre die Politik der Hoffnung einer Politik der Gräberfelder gewichen. Armes Palästina. Armes Israel. Wer ist noch dort, um in dem Dunkel ein Licht zu entzünden?  

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