Exit from comment view mode. Click to hide this space
Email | Print

Die große grüne Jobmaschine

NEW YORK – Manche fragen sich, wie man es sich mitten in den Kalamitäten der globalen Finanzkrise leisten kann, das Problem des Klimawandels in Angriff zu nehmen. Die Frage sollte aber lauten: Können wir es uns leisten, das nicht zu tun? 

Lassen wir zunächst die allseits bekannten Argumente beiseite  – dass nämlich die wissenschaftlichen Erkenntnisse eine klare Sprache sprechen, dass der Klimawandel eine unbestreitbare Bedrohung des Planeten darstellt und dass es mit jedem Tag, an dem wir nichts unternehmen, noch schlimmer wird. Beschränken wir uns stattdessen auf die rein ökonomischen Aspekte.

In Zeiten, da der globale Wirtschaftsmotor stottert, brauchen wir Wachstum. In Zeiten, da die Arbeitslosigkeit in vielen Ländern ansteigt, brauchen wir neue Arbeitsplätze. In Zeiten, da Hunderte Millionen von Menschen, vor allem in den am wenigsten entwickelten Teilen der Welt von Armut bedroht sind, brauchen wir die Aussicht auf Wohlstand. Wir haben die Möglichkeit, diese Ziele zu erreichen..

Ökonomen bei den Vereinten Nationen fordern einen „Grünen New Deal“ – in bewusster Anlehnung an die ermutigende Vision des amerikanischen Präsidenten Franklin Roosevelt während der Großen Depression in den 1930er Jahren. Aus diesem Grund wird das Umweltprogramm der Vereinten Nationen diese Woche ein Konzept zur Ankurbelung der Weltwirtschaft vorlegen, das sich gleichzeitig auch der größten Herausforderung unserer Tage annimmt  – dem Klimawandel.

In diesem Konzept werden Führungsspitzen aus Wirtschaft und Politik, einschließlich des neuen amerikanischen Präsidenten, dringend aufgefordert, Ressourcen aus dem spekulativen Finanzwesen, das für die heutige Marktkrise verantwortlich ist, in produktivere, wachstumsfördernde und Arbeitsplatz schaffende Investitionen umzuleiten. 

Diese von Deutschland, Norwegen und der Europäischen Kommission unterstützte „Grüne Wirtschaftsinitiative“ beruht auf der Erkenntnis, dass die drängendsten Probleme, vor denen wir heute stehen, miteinander zusammenhängen. Steigende Energie- und Rohstoffpreise trugen zur Entstehung einer globalen Nahrungsmittelkrise bei, die wiederum die Finanzkrise schürte. Darin spiegelt sich wiederum das globale Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum wider mit den daraus resultierenden Verknappungen entscheidender Ressourcen wie Treibstoff, Nahrung sowie saubere Luft und reines Wasser.

Diese miteinander verzahnten Probleme des Klimawandels, des Wirtschaftswachstums und der Umwelt legen eine Lösung nahe: Nur nachhaltige Entwicklung – die globale Umsetzung eines grünen Wachstums – bietet der ganzen Welt, den reichen wie auch den armen Ländern, eine dauerhafte Perspektive hinsichtlich langfristigen sozialen Wohlergehens und materiellen Wohlstandes.

Die gute Nachricht ist, das wir diese Realität langsam erkennen.

In der gesamten Geschichte haben wir große ökonomische Umwälzungen erlebt: die industrielle Revolution, die technologische Revolution und das Zeitalter der Globalisierung. Jetzt befinden wir uns an der Schwelle zu einer neuen Ära – dem Zeitalter der grünen Ökonomie.

Als ich im Vorjahr in Kalifornien das „Silicon Valley“ besuchte, bekam ich einen Eindruck, in welchem Ausmaß in erneuerbare Energien und treibstoffeffiziente Technologien investiert wurde. Die Beteiligungsgesellschaft, die unter anderen prototypischen Erfolgsgeschichten auch Google und Amazon unterstützte, investierte allein im Jahr 2006 über 100 Millionen Dollar in Firmen, die sich mit neuen alternativen Energieformen beschäftigen.

In China sollen grüne Kapitalinvestitionen von 170 Millionen Dollar im Jahr 2005 auf über 720 Millionen Dollar im Jahr 2008 ansteigen. (Innerhalb nur weniger Jahre wurde China zu einem Weltführer im Bereich der Wind- und Solarenergie, wo über eine Million Menschen Beschäftigung finden.) Laut Schätzungen des UNO-Umweltprogramms sollen Investitionen in Energieformen mit geringer Treibhausgasbelastung bis zum Jahr 2020 einen Wert von 1,9 Billionen Dollar erreichen.

Die Finanzkrise könnte diesen Trend verlangsamen. Aber das Kapital wird weiterhin in grüne Projekte fließen. Ich sehe das als Startkapital für eine völlige Neugestaltung der weltweiten Industrie.

Die praktischen Auswirkungen sind schon zu beobachten. Über zwei Millionen Menschen in den entwickelten Industrienationen finden heute Arbeit im Bereich erneuerbarer Energien. Der Biotreibstoffsektor Brasiliens hat  in einem Jahr beinahe eine Million Jobs geschaffen. Ökonomen sind der Ansicht, dass Indien, Nigeria und Venezuela und viele andere Länder diesem Beispiel folgen könnten.

In Deutschland rechnet man damit, dass sich die Umwelttechnologie in den nächsten Jahren vervierfachen wird. Bis 2030 wird sie 16 Prozent der Industrieproduktion ausmachen und mehr Menschen beschäftigen als die Automobilindustrie. In Mexiko arbeiten bereits 1,5 Millionen Menschen in der Bewirtschaftung und Verwaltung der Wälder des Landes.

Den Regierungen kommt eine immens wichtige Rolle zu. Mit den richtigen Strategien und einem globalen Rahmenwerk können wir Wirtschaftswachstum schaffen und uns in Richtung niedriger Kohlendioxid-Werte bewegen. Bei gutem Management können unsere Bestrebungen zur Bewältigung der Finanzkrise auch unsere Bemühungen im Kampf gegen den Klimawandel unterstützen. In der Krise von heute liegen die Chancen von morgen – wirtschaftliche Chancen, die sich in Arbeitsplätzen und Wachstum messen lassen.  

Das wissen die meisten internationalen Manager. Das ist ein Grund, warum Geschäftsleute in so vielen Teilen der Welt klare und einheitliche Umweltstrategien fordern. Und es ist auch der Grund, warum Weltkonzerne wie General Electric und Siemens in Zukunft auf Grün setzen.

Es ist aber wichtig, dass die Weltöffentlichkeit, und vor allem die USA diese Tatsache anerkennen.  Wenn der nächste amerikanische Präsident sein Amt übernimmt, sollten sowohl Wähler als auch gewählte Funktionäre mit Studien bekannt gemacht werden, die zeigen, dass die USA den Klimawandel durch eine Senkung der Emissionen zu geringen oder gar keinen Kosten bekämpfen können, indem sie bereits bestehende Technologien nutzen.

Wir wissen, dass die Ärmsten der Armen auf dieser Welt besonders anfällig für die Auswirkungen des Klimawandels sind. Sie sind den Schocks der Finanzkrise am stärksten ausgeliefert. Als internationale Führungspersönlichkeiten sind wir moralisch verpflichtet, sicherzustellen, dass Lösungen für die globale Finanzkrise die Interessen der Armen und nicht nur die der Bürger reicherer Länder schützen. Diejenigen, die vom letzten Boom nichts gehabt haben – die so genannte „unterste Milliarde“, die von weniger als einem Dollar pro Tag lebt – müssen in das nächste Wirtschaftszeitalter integriert werden.

Um es noch einmal zu betonen: Eine Lösung des Armutsproblems ist auch eine Lösung für den Klimawandel. Sie liegt in grünem Wachstum. Für die Armen der Welt ist das ein Schlüssel zur Entwicklung. Für die Reichen ist es ein Weg in die Zukunft.

Reprinting material from this Web site without written consent from Project Syndicate is a violation of international copyright law. To secure permission, please contact us.

Exit from comment view mode. Click to hide this space

Comments (0)

You need to login in order to leave a comment. If you do not yet have an account, please register.

Show comments of
close

The two commenting options explained

Watch a 1 minute video
to discover how you can comment on the entire article or a specific paragraph. The two images below also explain the two ways of commenting.

1) Entire article comment
Once logged in, simply click inside the comment box where it says "Enter text here." Enter and post your comment.

2) Paragraph comment
Please log in first. Then click to the left of the desired paragraph. Your cursor will automatically move to the comments box. Enter and post your comment.

Top Project Syndicate commentaries

Email this article

Your name is required.

Your email is required.


Your friend's name is required.

Your friend's email is required.


A message is required.