European Economies
Wie sich das neue Europa beim alten Europa angesteckt hat
Marek Belka and Erik Berglof
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LONDON: Als in letzter Zeit Regierungen überall in Westeuropa begannen, Banken und deren Einleger zu retten, sahen die Osteuropäer nervös zu, unsicher, was der weltweite Finanzsturm für sie bereithalten würde. Nun hat der Sturm zugeschlagen und stellt die zerbrechlichen Bande europäischer Solidarität auf die Probe.
Zwei Länder – Ungarn und die Ukraine – haben bereits um große Unterstützungspakete gebeten. Mehrere weitere könnten im Laufe des kommenden Monats dazukommen, sofern die eingefrorenen Kreditmärkte nicht auftauen. Falls die Situation bis Jahresende anhält – was nicht auszuschließen ist –, könnten zahlreiche weitere Länder schwere Bankenkrisen erleben.
Osteuropa hat in den letzten beiden Jahrzehnten weit reichende Reformen unternommen und sich begeistert an der globalen Finanzintegration beteiligt. Ausländische Banken vor allem aus Europa sind mit nie da gewesener Geschwindigkeit und Macht auf diesen Märkten eingestiegen. Diese Banken haben sich zunehmend den stärker risikobehafteten KMUs zugewandt und den Menschen geholfen, Eigenheime zu erwerben und neue Unternehmen zu gründen. Doch nun schlägt die erfolgreiche Finanzentwicklung auf diese Länder zurück.
Bisher haben die europäischen Schwellenländer die globale Finanzklemme bemerkenswert gut weggesteckt. Sie sind mit der Konjunkturverlangsamung in wichtigen Exportmärkten zurechtgekommen und mit den steigenden Kreditkosten. Aber keine offene Volkswirtschaft kann einem vollständigen Stillstand der Kreditmärkte widerstehen. Vielleicht haben sich diese Länder zu stark von billigen Krediten abhängig gemacht, aber da wären sie nicht die Einzigen.
Inzwischen nun ziehen einige ausländische Banken liquide Mittel aus ihren Tochtergesellschaften in den europäischen Schwellenländern ab. Laut der russischen Zentralbank haben ausländische Banken allein im September 10 Milliarden Dollar aus dem Land abgezogen. Andere Notenbanken behaupten Ähnliches. Um fair zu sein: Raiffeisen International hat bekanntgegeben, dass es seine ukrainische Tochter Bank Aval mit zusätzlichen 180 Millionen Euro unterstützt. Ob andere in der Region aktive Mutterbanken ihren Tochtergesellschaften beistehen, wird davon abhängen, wie schwer die Krise in Westeuropa wird.
Doch könnten die westeuropäischen Rettungspakete die Situation in den europäischen Schwellenländern verschlimmern. Während die meisten Mutterbanken in der Region von diesen Maßnahmen profitieren dürften, wird sich dies nicht unbedingt in Unterstützung für die ausländischen Töchter niederschlagen. Tatsächlich besteht ein ernstes Risiko, dass diese Rettungsaktionen zulasten Osteuropas gehen. Mehrere Regierungen haben bereits erklärt, dass das Geld ihrer Steuerzahler nicht für ausländische Geschäftsbereiche verwendet werden darf.
Natürlich müssen die Regierungen der europäischen Schwellenländer bei der Stabilisierung ihrer Finanzsysteme ihren Beitrag leisten. Aber ihre Handlungsmöglichkeiten sind derzeit äußerst beschränkt. Die meisten von ihnen haben nicht die finanzielle Durchschlagskraft, um dem außerordentlichen Druck der Finanzmärkte standzuhalten. Ein Angebot der ungarischen Regierung, eine allgemeine Garantie für die Einlagen abzugeben oder die Liquidität der Interbankenmärkte zu gewährleisten, ist nur bedingt glaubwürdig.
Um die Krise zu überstehen, brauchen die europäischen Schwellenländer Hilfe von außen. Vor allem müssen die politischen Führer Westeuropas dafür sorgen, dass die Krise im Kern gelöst wird, und viele Beobachter zweifeln, dass sie in dieser Hinsicht schon genug getan haben. Zweitens müssen sie verhindern, dass bei den bereits ergriffenen Maßnahmen zur Bewältigung der Krise Tochtergesellschaften in Mittel- und Osteuropa benachteiligt werden, und zwar unabhängig davon, ob sich diese innerhalb oder außerhalb der Europäischen Union befinden. Drittens müssen sie ihre Kräfte bei der Unterstützung dieser Volkswirtschaften, wie in Ungarn, mit denen der internationalen Finanzorganisationen bündeln.
Das Beispiel Georgiens nach dem jüngsten Krieg mit Russland bietet ein mögliches Modell hierfür. Der Internationale Währungsfonds stellte eine Notfallkreditlinie zur Verfügung, um die Währung zu stützen; die Weltbank koordinierte die (großteils von den USA und der EU finanzierten) Hilfebemühungen, und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung setzte ihr Wissen und ihre Ressourcen ein, um das Finanzsystem zu retten. Noch ist das Hilfepaket für Georgien nicht unter Dach und Fach, und die Umstände andernorts liegen anders, doch zeigt dieses Beispiel, dass man schon mit dem herkömmlichen Instrumentarium eine Menge bewirken kann.
Allerdings werden weitere Ressourcen und neue Instrumente benötigt. Der Fall Ungarn zeigt, dass die EU ein bestehendes Instrument – die Zahlungsbilanzunterstützung – optimieren und in kreativer Weise einsetzen kann. Auch für nicht der EU angehörende Länder wie die Türkei und die Ukraine sind innovative Ideen dringend gefragt.
Niemand sollte sich im Zweifel sein, was auf dem Spiel steht. Von den meisten ungemerkt, hat Osteuropa inklusive Russlands in den letzten Jahren die USA und Großbritannien als wichtigste Exportmärkte der Eurozone abgelöst. Jetzt stehen viele dieser Märkte vor einem Konjunkturabschwung oder gar einer Rezession. Mehr noch: Westeuropäische Unternehmen haben in früher unvorstellbarem Ausmaß in diesen Ländern investiert. Bei einer Verschlimmerung der Krise besteht ein erstes Risiko, dass die osteuropäischen Regierungen keine andere Alternative sehen werden, als einige Institutionen – insbesondere einige der von Ausländern beherrschten Banken – zu verstaatlichen.
Noch wichtiger aber: Finanzentwicklung und Wirtschaftsreformen von Jahrzehnten könnten hinfällig werden. Wie in Westeuropa und in den USA werden die Regierungen wieder eine größere Rolle innerhalb der Wirtschaft spielen. Freilich hat in diesen ehemals sozialistischen Ländern die staatliche Einflussnahme andere Konnotationen, insbesondere da in diesen Ländern nun eine Gegenreaktion auf Finanzentwicklung und Reformer bevorsteht.
Und als wäre dies nicht genug, sollten sich die westlichen Regierungen und Unternehmen die Frage stellen, welche Art von Angeboten den in Schwierigkeiten steckenden Banken und Unternehmen wohl von russischer Seite, aus privaten oder öffentlichen Quellen, gemacht werden könnten – ohne Zweifel mit besonderen Auflagen.
Marek Belka ist ehemaliger polnischer Ministerpräsident und wurde vor kurzem zum Direktor der europäischen Abteilung des Internationalen Währungsfonds ernannt. Erik Berglof ist Chefökonom der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung.
Copyright: Project Syndicate, 2008.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Jan Doolan
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