The Asian Century
Die Politik des Outsourcings
Kaushik Basu
Vor einigen Jahren rief ich in Delhi eine Schädlingsbekämpfungsfirma an, um meine Wohnung von Termiten befreien zu lassen. Es kam ein freundlich lächelnder Herr aus Südindien mit Behältern voller Chemikalien und einer großen Spritze.
Er machte sich überaus gründlich ans Werk. Ein Sprühnebel hüllte bald alles ein. Ich fragte, ob das auch wirklich funktionieren würde. Er setzte ein beruhigendes Lächeln auf und sagte: „Machen Sie sich überhaupt keine Sorgen. Das ist ein sehr starkes Mittel. In den USA ist es absolut verboten.“ Ich schlüpfte aus dem Raum, als er sich daran machte, die Spritze für die nächste Anwendung zu füllen.
Ich erinnerte mich an dieses Ereignis, als ich in Helsinki einen Vortrag über globale Arbeitsnormen hielt. Nach meinen Ausführungen diskutierte ich mit meinen Zuhörern angeregt über die Entwicklung globaler Normen für Arbeitsmärkte. In einer globalisierten Welt, wo Waren, Kapital und Umweltverschmutzung von einem Land in das andere fließen, bedarf es zwangsläufig gemeinsamer Normen und Gesetze. Aber wie die Antwort meines Kammerjägers anschaulich zeigt, ist des einen Gift des anderen Lebensgrundlage. Gemeinsame Normen in einer ungerechten Welt wie der unseren werden noch viele kontroverse Fragen aufwerfen.
Die Auswirkungen des Business Process Outsourcing (BPO), also der Auslagerung von Geschäftsprozessen auf die Arbeitsmärkte vieler Entwicklungsländer, sind ein typisches Beispiel. Aufgrund des technologischen Durchbruchs im Bereich der elektronischen Kommunikation und zunehmender Bandbreiten können viele Tätigkeiten, die vorher in den Industrieländern erledigt wurden, aber keinen direkten persönlichen Kontakt voraussetzen, in ärmere Länder ausgelagert werden, die über billige, jedoch gut ausgebildete Arbeitskräfte mit guten Computerkenntnissen verfügen.
Der amerikanische Konzern General Electric war einer der Pioniere auf diesem Gebiet. GE spart jährlich 340 Millionen Dollar ein, seit Teile der Backoffice-Arbeiten nach Indien ausgelagert wurden. Unter Berücksichtigung aller Kosten kommt ein Call Center in Kansas City mehr als drei Mal so teuer wie eines im indischen Mumbai. Daher ist auch nicht überraschend, dass der Beschäftigungsstand im indischen IT-gestützten Offshore-Service-Sektor von 106.000 im März 2002 auf 171.500 im Jahr darauf gestiegen ist. Jüngste Prognosen gehen davon aus, dass die Millionenmarke im Jahr 2008 überschritten wird.
Indien ist für Konzerne wie Microsoft, Hewlett Packard, British Airways und andere Großunternehmen eines der wichtigsten Zielländer für ihre Auslagerungen. Aber Indien ist nicht das einzige Land. In den letzten Jahren entließ Motorola in den USA Mitarbeiter und lagerte Geschäftsbereiche nach Brasilien, China und in sein Werk in Chihuahua in Mexiko aus.
Arme Länder verfolgen diese Ereignisse und Trends mit großen Hoffnungen, während man in den Industrieländern mit Besorgnis reagiert. Einer der Zuhörer in Helsinki erzählte mir deprimiert, dass er über die Globalisierung verärgert sei, nachdem ein paar seiner Freunde ihren Arbeitsplatz verloren hatten und zwar nicht aus eigenem Verschulden, sondern nur deshalb, weil Ericsson entschied, einige seiner europäischen Tätigkeitszweige nach China auszulagern.
Manche Ökonomen tun derartige Äußerungen als reine Argumente für den Protektionismus ab. Das ist falsch. Arme Arbeiter in reichen Ländern sind vom BPO am stärksten betroffen. Wenn man sich dieser Entwicklungen nicht annimmt, können sie zu Nativismus und Populismus führen. Auf der Webseite des Ku-Klux-Klans machen Wirtschaftsthemen dem Rassenhass schon den Rang streitig. Tatsächlich verbinden sich die beiden zu einer perversen Analyse: Die Globalisierung ist schlecht, weil sie unserer Rasse die Jobs wegnimmt und sie anderen Rassen in den Entwicklungsländern gibt.
Der Widerstand gegen BPO aus den reichen Ländern hat nichts mit internationalen Arbeitsnormen zu tun, die für die ärmsten Arbeitnehmer in armen Ländern gedacht sind. Ungelernte Arbeitskräfte in armen Ländern übernehmen die Art von Tätigkeiten die in einem Industrieland ohnehin keiner machen würde. Daher kommt es auch nicht zu einem Interessenskonflikt mit den ärmsten Arbeiternehmern in Entwicklungsländern, da diese sich nicht um die gleiche Art von Jobs bemühen.
Auf einer höheren Ausbildungsebene allerdings schafft BPO sehr wohl einen Interessenskonflikt zwischen Arbeitern in reichen und armen Ländern. Wenn ein Konzern Geschäftsprozesse in ein Entwicklungsland auslagert, ziehen manche Mitarbeiter tatsächlich den Kürzeren (zumindest kurzfristig). Andere Gruppen aber gewinnen natürlich.
Im Gastland profitieren eindeutig Arbeitskräfte wie Softwaretechniker oder Telefonisten in Call Centers vom BPO, aber auch Aktionäre und Firmeninhaber (deren Gewinne steigen) und Verbraucher (die niedrigere Preise zahlen) ziehen einen Vorteil daraus. Es gewinnen also viele – und zwar in einem Ausmaß, das es ihnen ermöglicht, die Verlierer zu entschädigen. In dieser Hinsicht tragen die Industrieländer die Verantwortung dafür, die Auswirkungen auf ihre Arbeitskräfte zu mildern, indem man angemessenen Schutz durch Sozialleistungen sowie Umzugsbeihilfen und Umschulungsmaßnahmen anbietet.
Derartige Maßnahmen sind auf lange Sicht von entscheidender Bedeutung, denn wenn es den Entwicklungsländern durch das BPO besser geht, wächst auch ihre Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen. Das schafft neue Jobs in reichen Ländern – und zwar mehr als durch BPO verloren gingen. Diese Arbeitsplätze mögen nicht in den sichtbaren Bereichen liegen, die in Entwicklungsländer ausgelagert wurden. Dadurch wird das BPO zu einem leichten Ziel für Populisten. Das ist sehr bedauerlich, denn Industrieländer brauchen vor allem flexible Arbeitskräfte.
Damit soll nicht geleugnet werden, dass Arbeiter in Industrieländern mit der Zeit auch vergleichsweise ärmer werden. Ich glaube hier sind Kräfte am Werk, die das Gesamteinkommen aus Arbeit im Vergleich zu dem aus Kapital relativ verringern.
Aber das hat nichts mit der Auslagerung von Backoffice-Arbeiten in arme Länder zu tun. Wenn BPO unterbunden würde, ginge es den Industrieländern – und deren Arbeitskräften – absolut gesehen schlechter.
Copyright: Project Syndicate,
Februar
2004.
Übersetzung: Helga Klinger-Groier
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