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Steht Asien vor einer Ära Thaksin?

Das Ausscheiden von Lee Kuan Yew in Singapur und Mahathir Mohamed in Malaysia aus der ersten Reihe der Politik hat Südostasien seiner bedeutendsten politischen Führer beraubt. Kann Thailands Ministerpräsident Thaksin Shinawatra das Führungsvakuum innerhalb der Region füllen?

Eine Reihe außenpolitischer Paukenschläge – der Asiatische Kooperationsdialog (ACD), die Kooperationsstrategie für wirtschaftliche Zusammenarbeit (ACMECS) zur Entwicklung des südostasiatischen Festlands und die Anerkennung Thailands als „bedeutender Verbündeter außerhalb der NATO“ durch die USA – haben dafür gesorgt, dass Thaksin während seiner ersten Amtszeit international im Rampenlicht stand. Die gewalttätigen Ausschreitungen im überwiegend muslimischen Süden Thailands schienen seinem Ehrgeiz im vergangenen Jahr einen Dämpfer zu versetzen; der Erdrutschsieg der von ihm geführten Partei Thai Rak Thai (TRT) jedoch hat seinem Anspruch auf eine Führungsrolle innerhalb der Region zu neuem Leben verholfen.

Dass die TRT in der zweiten Kammer des Parlaments mehr als 75 % der Sitze erzielen konnte, macht Thaksin zu Hause politisch unbesiegbar. Tatsächlich ist er der erste gewählte Führer Thailands, der eine vierjährige Amtszeit durchgestanden hat, anschließend wiedergewählt wurde und dabei einer Einparteienregierung vorsteht. Eine Dominanz wie die Thaksins gab es in der thailändischen Politik noch nie, und seine anhaltende Beliebtheit beim wankelmütigen Wahlvolk ist ohne Beispiel.

Von seiner vollständigen Beherrschung der Innenpolitik abgesehen, verfügt Thaksin über weitere Voraussetzungen für eine führende Stellung in der Region: Er hat bereits eine dritte Amtszeit im Visier und kann damit rechnen, dass seine politische Karriere ähnlich langlebig sein wird wie Mahathirs 22 Jahre währende Herrschaft. Ungeachtet des Einparteiensystems, dessen Ausbau die TRT gegenwärtig betreibt, verfügt Thaksin über die in einer globalen Arena, die sich der Ausweitung der Demokratie verschrieben hat, erforderliche demokratische Legitimität, und er spricht ausreichend gut Englisch, um dem globalen Publikum seine politischen Ansichten und Visionen zu vermitteln.

Er verfügt sogar über eine als „Thaksinomics“ bezeichnete Strategie zur wirtschaftlichen Entwicklung, einen nach eigenem Anspruch eigenständigen Ansatz, der exportgeleitetes Wachstum neoliberalen Musters mit einer beim Endverbraucher ansetzenden Binnennachfrage verknüpft. Unter Thaksins Führung konnte die thailändische Wirtschaft die auf die Krise von 1997 folgende Stagnation überwinden; ihr gegenwärtiges Trendwachstum liegt stabil bei jährlich 6 %. Obwohl sie sich auf üppige Subventionen und finanzielle Direkthilfen stützt, setzt Thaksinomics zugleich auf Strukturreformen, um das wirtschaftliche Wachstum voranzutreiben.

Die vielversprechendsten Aussichten der Strategie knüpfen sich an die Förderung einer Steigerung des industriellen Niveaus, Nischenindustrien und die Wettbewerbskraft steigernde Clusterprojekte, die darauf abzielen, Thailand zu einer weltweiten und regionalen Drehscheibe in den Bereichen Lebensmittel, Mode, Tourismus, Automobilindustrie und Gesundheit zu machen. Eine dynamische Wirtschaft – und beim BIP weist in Asien nur China auf ein größeres Wachstum auf – ist eine Grundvoraussetzung für eine regionale Führungsrolle.

Unter den politischen Konzepten, die Thaksins zukünftige politische Rolle innerhalb der Region bestimmen werden, stechen der Asiatische Kooperationsdialog und die Kooperationsstrategie für wirtschaftliche Zusammenarbeit hervor. Die auf der Auffassung „Asien den Asiaten“ basierende, anwachsende Mitgliedschaft umspannt – mit Thailand als geografischem Zentrum – das asiatische Festland von der koreanischen Halbinsel bis zum Mittleren Osten. Obwohl seine zukünftige Ausrichtung noch unklar ist, übertrifft dieses aus 26 Mitgliedern bestehende Forum in seiner Bedeutung die Asiatisch-Pazifische Wirtschaftskooperation (APEC), die Vereinigung Südostasiatischer Staaten (ASEAN) und die ASEAN plus 3, der zusätzlich China, Japan und Südkorea angehören.

Die regionsübergreifende Krise des Jahres 1997, mangelnde Fortschritte beim Freihandel sowie die Verwundbarkeit der Region in Sicherheitsfragen haben Thaksin die Begrenzungen von ASEAN bewusst gemacht. Da Indonesien aufgrund seiner Größe einen natürlichen Führungsanspruch innerhalb von ASEAN besitzt, bietet der ACD Thaksin eine breitere Plattform, die Thailands geografische Vorteile betont. Der ACD ermöglicht es Thaksin, Thailands strategische Ziele und die zentralen Fragen der Region lauthals herauszustellen, und dies manchmal im Widerspruch zu den Interessen und Forderungen des Westens. Im Rahmen des ACD hat Thaksin im vergangenen Jahr die „Asia Bond“-Anleihe im Umfang von einer Milliarde Dollar auflegen lassen, um Asiens Finanzkapital mit seinem Finanzierungsbedarf zur Deckung zu bringen.

Im kleineren Rahmen sieht die ACMECS die wirtschaftliche Entwicklung Kambodschas, Laos’, Myanmars und Vietnams vor. Unter Thaksin hat sich Thailand, nachdem es zuvor Entwicklungshilfe von Ländern wie Japan abgelehnt hatte, erstmals von einem Hilfeempfänger zu einem Spenderland entwickelt. Ein thailändischer Fonds in Höhe von 10 Milliarden Baht wurde aufgelegt, um Direkthilfen und weiche Kredite an die ACMECS-Mitglieder zu vergeben. Wie der ACD verlagert die ACMECS den Schwerpunkt der thailändischen Außenpolitik auf das südostasiatische Festland und stellt dabei Thailands Rolle und Thaksins geschickte Führung heraus.

Zwei größere Hindernisse stehen Thaksin im Weg. Die anhaltende Gewalt in Südthailand während der vergangenen 15 Monate hat seinem Ansehen geschadet, da seine unzähligen Strategien und Taktiken wiederholt gescheitert sind. Ebenso wenig haben sein Poltern und seine Gereiztheit die Lage verbessert. Thaksin hatte die Gewaltanschläge zunächst als Werk von Banditen abgetan. Erst Ende vergangenen Jahres gab er zu, dass muslimische Separatisten aus dem Süden die Urheber sind.

Es sind zunehmend Anzeichen einer symbiotischen Beziehung zwischen örtlichen Separatisten und regionalen Terroristen erkennbar. Falls sich die Angriffe über die drei südlichsten Provinzen Yala, Pattani und Narathiwat hinaus ausweiten, wird dies Thaksins Chancen auf eine Führungsrolle innerhalb der Region verschlechtern.

Thaksin weiß dies. Seit seiner überwältigenden Wiederwahl hat er sich überraschend bescheiden und großmütig gezeigt. Er hat Anand Panyarachun, einen früheren thailändischen Ministerpräsidenten, der kürzlich einer Kommission zur Reform der Vereinten Nationen vorstand, mit der Auswahl und Leitung einer nationalen Blue-Ribbon-Kommission betraut, um eine Verständigung mit den Separatisten im Süden herbeizuführen.

Zusätzlich wird Thaksin etwas in Bezug auf Myanmar unternehmen müssen, damit die internationale Gemeinschaft eine Ausweitung seiner Rolle hinnimmt. Die Beziehungen zwischen Thailand und Myanmar in den Augen vieler allzu vertraut. Kritiker werfen Thaksin Interessenkonflikte vor, da das familieneigene Telekommunikationskonglomerat bedeutende Investitionen in Myanmar getätigt hat.

Die weitere Entwicklung ist nun im Wesentlichen von Thaksin selbst abhängig. Falls er so weitschauend ist, der unzufriedenen Bevölkerung im Süden entgegenzukommen und über seine persönlichen Interessen in Myanmar hinauszugehen, hat er gute Chancen, der nächste Wortführer Asiens zu werden.

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