Saturday, October 25, 2014
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Gefährdetes Asien

NEW HAVEN: Asiatische Regierungsvertreter waren im Gefolge der Finanzkrise von 2008-2009 verständlicherweise mit sich selbst zufrieden. Zwar verlangsamte sich das Wachstum in der Region stark, wie nicht anders zu erwarten, wenn exportorientierte Volkswirtschaften mit dem stärksten Zusammenbruch des globalen Handels seit den 1930er Jahren konfrontiert werden. Doch mit Ausnahme Japans, das seine tiefste Rezession in der modernen Ära erlitt, ging Asien aus einer außergewöhnlich schwierigen Phase in hervorragendem Zustand hervor.

Das war damals. Nun wird Asien zum zweiten Mal in nicht mal vier Jahren von einem erheblichen Einbruch der Außennachfrage erschüttert. Diesmal geht er von Europa aus, wo eine wütende staatliche Schuldenkrise eine milde Rezession in etwas sehr viel Schlimmeres zu verwandeln droht: einen möglichen Ausstieg Griechenlands aus dem Euro, der eine Ansteckung des gesamten Euroraums auslösen könnte. Für Asien ist dies ein großes Problem.

Seine Verbindungen im Bereich des Finanzwesens und des Handels machen Asien hochgradig anfällig gegenüber der Malaise in Europa. Aufgrund Ersterer darf man die für Asien von einer europäischen Bankenkrise ausgehenden Risiken nicht auf die leichte Schulter nehmen. Da es dort an gut entwickelten Kapitalmärkten als alternativer Quelle von Krediten fehlt, sind die Banken als Finanzierungskanäle in Asien besonders wichtig.

Tatsächlich schätzt die Asiatische Entwicklungsbank, dass die europäischen Banken rund 9% aller Inlandsdarlehen in den Entwicklungsländern Asiens finanzieren – dreimal so viel wie Banken mit Sitz in den USA. Eine besonders wichtige Rolle spielen die europäischen Banken in Singapur und Hongkong, den beiden wichtigsten Finanzzentren der Region. Dies bedeutet, dass Asien heute durch eine ausländische Bankenkrise viel stärker gefährdet ist als im Gefolge des Zusammenbruchs von Lehman Brothers im Jahre 2008, der beinahe zu einem Zusammenbruch des US-Bankensystems geführt hätte.

Die Übertragungseffekte durch Handelsverbindungen sind nicht weniger besorgniserregend. Historisch betrachtet waren für das moderne Asien die USA die größte Quelle der Außennachfrage. Doch dies scheint sich im Verlaufe des letzten Jahrzehnts geändert zu haben. Verleitet durch Chinas spektakuläres Wachstum, kam es in der Region zu einer Umorientierung vom bisher US-zentrischen zu einem nun chinazentrischen Exportwachstum.

Das sah wie eine gute Strategie aus. Die Warenexporte der asiatischen Entwicklungsländer in die USA und Europa fielen 2010 auf 24% – ein deutlicher Rückgang gegenüber den 34% der Jahre 1998-1999. Zugleich nahm Asiens Abhängigkeit von intraregionalen Exporten – Handelsflüssen innerhalb der Region – im selben Zeitraum stark zu: von 36% der Gesamtexporte in 1998 auf 44% in 2010.

Diese Zahlen scheinen ein ermutigendes Bild eines zunehmend autonomen Asiens abzugeben, das den von periodischen Krisen im Westen ausgehenden Schlägen besser widerstehen kann. Nur zeigen Untersuchungen des Internationalen Währungsfonds, dass unter der schönen Oberfläche 60-65% aller Handelsflüsse in der Region als „Halbfertigwaren“ eingestuft werden können – Bauteile, die in Ländern wie Korea und Taiwan hergestellt, in China zusammengebaut und letztlich als Fertigwaren in den Westen verschifft werden.

Da der größte Teil der Endmarktexporte nach wie vor auf Europa und die USA entfällt, geht an der Erkenntnis der engen Verbindungen von Asiens chinazentrischer Lieferkette mit dem Auf und Ab der Nachfrage in den wichtigen entwickelten Volkswirtschaften kein Weg vorbei. Zudem haben diese Verbindungen noch einen anderen wichtigen, zu Besorgnis Anlass gebenden Aspekt: China selbst hat sich, was die wichtigste Quelle seiner Außennachfrage angeht, zunehmend in Richtung Europa orientiert. Im Jahre 2007 zog die Europäische Union als größter chinesischer Exportmarkt an den USA vorbei; 2010 entfielen auf die EU 20% der chinesischen Gesamtexporte, während der Anteil der USA bei lediglich 18% lag.

Anders ausgedrückt: Die chinazentrische asiatische Lieferkette stellt eine große Wette auf das europäische Experiment dar – eine Wette, die nun ins Auge zu gehen scheint. Tatsächlich läuft derzeit in China einmal mehr ein inzwischen vertrautes Muster ab: eine Verlangsamung des Binnenwachstums, die aus einer Krise in den hoch entwickelten Volkswirtschaften des Westens herrührt. Und was für China gilt, gilt auch für den Rest des zunehmend integrierten Asiens.

Die gute Nachricht ist, dass der Abschwung bisher deutlich geringer ausgefallen ist als Ende 2008/Anfang 2009. Damals verzeichneten die chinesischen Exporte in nur sieben Monaten erst ein enormes Jahreswachstum von 26% im Juli 2008 und dann einen katastrophalen Einbruch von 27% im Februar 2009. Diesmal hat sich der jährliche Exportzuwachs von 20% in 2011 auf 5% im April 2012 abgeschwächt – sicher eine erhebliche Entschleunigung, aber deutlich weniger als der damalige komplette Zusammenbruch. Dies könnte sich im Falle eines ungeordneten Auseinanderbrechens des Euros ändern, aber solange das nicht passiert, gibt es Grund, diesmal optimistischer zu sein.

Die schlechte Nachricht ist, dass Asien kaum Lehren aus den wiederholten Erschütterungen bei der Außennachfrage zu ziehen scheint. Letztlich ist eine gesunde Binnennachfrage der einzig wirksame Schutz gegen externe Schwäche. Doch die Region hat es bisher versäumt, diesen Schutzwall zu errichten. Im Gegenteil, der private Verbrauch ist in den Entwicklungsländern Asiens 2010 auf den Rekordtiefstwert von 45% vom BIP gefallen – zehn Prozentpunkte weniger als 2002. Unter diesen Umständen scheint eine Widerstandsfähigkeit gegenüber Erschütterungen von außen – häufig auch als „Abkopplung“ bezeichnet – wirklichkeitsfremd.

Wie derzeit bei den meisten Dingen in Asien liegt der Schlüssel bei der Lieferung der fehlenden Verbrauchernachfrage in Asien bei China. Der jüngst verabschiedete zwölfte Fünfjahresplan (2011-15) weist alle richtigen Zutaten auf, um den ultimativen Puffer zwischen der Dynamik des Ostens und den Gefahren eins krisengeschüttelten Westens zu schaffen. Doch angesichts der von der Eurokrise verursachten Verlangsamung – der zweiten in dreieinhalb Jahren – kann kaum Zweifel bestehen, dass die Umsetzung der konsumorientierten Neugewichtung im Rahmen des Plans nicht wie vorgesehen vorankommt.

Es gibt keine Oasen des Wohlstands in einer krisenanfälligen globalisierten Welt. Dies gilt auch für Asien, die am schnellsten wachsende Region der Welt. Mit Vertiefung der Krise in Europa haben die beiden miteinander verbundenen Kanäle der Finanz- und der Handelsverbindungen Asiens Volkswirtschaften in die Klemme gebracht. Eine Neugewichtung ist für China und seine Partner in der asiatischen Lieferkette der einzige Ausweg. Bis es dazu kommt, wird sich die Klemme, in der Asien derzeit steckt, nur weiter verschärfen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

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  1. Commentedtrizar rizqiawan

    Indonesia has 60% domestic consumption in the GDP structure, and it has indeed been a good shield for the economy since 2008.

    But China is one of its biggest trading partners which in the end China's condition will take an effect on Indonesia's economy via trade balance.

  2. CommentedSnehal Manjrekar

    It is true that European banks have played a leading role in financing Asia's trade for decades now. However, RMB trade finance is also making a noteworthy contribution toward Asian trade finance.

    SWIFT has listed renminbi as the third biggest currency in the global issuance of letter of credits by value, after the US dollar and the euro. RMB now has a 4% market share in the global issuance of letters of credit by value after the US dollar (84.4%) and the euro (7.0%).

    Last year India relaxed its overseas borrowing rules allowing firms to raise Chinese yuan-denominated debt in order to leverage low cost of capital offered by RMB. Most of the Asian countries are witnessing inflated inflation levels, which has been one of the prime causes for the rise in demand for RMB loans.

    Interestingly, China has signed numerous currency swap deals with some of the key developing and developed countries, thus, officially promoting the role of RMB as a trade finance currency.

    Hence, it is perhaps just a matter of time before the reliance on European banks to finance export and trade would be curtailed dramatically by the Asian economies.

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