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Argentiniens Energiedilemma

BUENOS AIRES – Die Zwangsenteignung fast des gesamten Anteils des spanischen Unternehmens Repsol am argentinischen Energiekonzern YPF, die von Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner in einer vehementen Rede angekündigt wurde, hat weltweit Alarm ausgelöst. Sollten keine enormen Investitionen in den Sektor fließen, werden die Energieprobleme des Landes durch diese Aktion allerdings nicht gelöst.

Repsol erlangte 1999 die vollständige Kontrolle über YPF, und im Februar 2008 überschrieb das Unternehmen einen Teil seiner Anteile auf die Petersen Group, die heute 25% hält. Repsol hält momentan 57%, und der Rest befindet sich in den Händen von Aktieninvestoren. Die argentinische Regierung plant, 51% zu enteignen, was Repsol 6% übrig lässt.

Bei dem Anteilsverkauf 2008 einigten sich die beiden Hauptaktionäre darauf, mindestens 90% der zukünftigen Gewinne bar auszuschütten. Diese Entscheidung sollte der Petersen Group ermöglichen, Bankschulden zurückzuzahlen, und Repsol selbst konnte mit dem Aktienkauf fortfahren, für den keine Anzahlung geleistet worden war.

In der weltweiten Ölindustrie stellt dies eine außerordentlich hohe Dividende dar. Im letzten Jahrzehnt verringerten sich die Reserven von YPF deutlich, ebenso wie diejenigen der meisten argentinischen Ölgesellschaften, da die Investitionen in die Förderung stark zurückgefahren worden waren.

Gleichzeitig werden 51% des Energieverbrauchs durch Erdgas gedeckt, verglichen mit 32% durch Öl und nur 17% durch Kohle, erneuerbare Energien und Kernkraft. Weltweit wird weniger als ein Viertel des Energieverbrauchs durch Gas gedeckt – in den Vereinigten Staaten beispielsweise 27% und im benachbarten Brasilien lediglich 9%. Argentinien hat die weltweit größte Flotte erdgasbetriebener Fahrzeuge, auch durch Familien wird Gas intensiv genutzt, der Großteil der Elektrizität wird durch Gas erzeugt, und Gas stellt die Grundlage der petrochemischen Industrie dar.

Natürlich gibt es auch noch ein paar weitere Länder (Katar, Algerien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Iran und Russland), in denen mehr als die Hälfte – oder gar über 60% – des Energiebedarfs durch Gas gedeckt wird. Doch gibt es hier einen enormen Unterschied: All diese Länder verfügen über Reserven für die nächsten 70-100 Jahre. Die argentinischen Reserven dagegen gehen stark zur Neige – und reichen nur noch für weniger als acht Jahre.

Nachdem nun mehr als die Hälfte der Gasreserven und ein Fünftel der Ölreserven verbraucht sind, müssen jährlich über 300 Milliarden Dollar für Importe aufgewendet werden. Tatsächlich ist die Ölproduktion seit 1998 um ein Drittel und die Gasproduktion seit 2004 um 15% zurückgegangen, und damit hat nach zwei Jahrzehnten billiger, im Überfluss vorhandener Energie und Exporte ein neuer Zyklus teurer, knapper und importierter Energie begonnen.

Die größte Herausforderung für Argentinien liegt heute darin, wieder energieautark zu werden. Dazu muss stark in die Förderung an Land und im Atlantik investiert werden. Gleichzeitig muss das Land sein Konsummuster ändern und stärker auf Wasserkraft, Atomkraft und Windenergie setzen. Zwar liegt in neuen, nicht konventionellen Ressourcen großes Potenzial, aber sie sind teuer und erfordern über die nächsten fünf Jahre Investitionen in Höhe von etwa 3% des BIP.

Wahrscheinlich werden kurzfristig weiter steigende Importe teuren Erdgases und anderer Treibstoffe nötig sein, was den Druck, Alternativen zu finden, noch verstärkt. Letztes Jahr lag das externe Energiedefizit bei über drei Milliarden Dollar, und in diesem Jahr wird es wahrscheinlich doppelt so hoch sein.

Die wichtige Frage ist, ob die Entscheidung der argentinischen Regierung, 51% der YPF-Anteile zu verstaatlichen, die beste Methode ist, bei Öl und Gas wieder autark zu werden und das für die Förderung und Entwicklung konventioneller Reserven nötige Kapital anzuziehen. Argentinien besitzt auch ein besonders hohes Potenzial für die Förderung nicht konventioneller Gasreserven, da das Land nach China und den Vereinigten Staaten dort die weltweit drittgrößten Vorkommen besitzt. Aber ebenso wie die konventionellen Ressourcen des Landes fördern sich diese nicht von selbst.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff