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Argentiniens Turbulenzen

SANTIAGO – „Bitte schnallen Sie sich an, wir haben einen turbulenten Flug vor uns“, warnte der Kapitän vom Cockpit aus. Wir näherten uns gerade dem argentinischen Luftraum.

Investoren, die in Argentinien Geschäfte machen wollen, vernehmen schon lange Zeit ähnliche Warnungen. Dieses Land ist das Studienobjekt von Wirtschaftsexperten, wenn sie Finanzkrisen verstehen wollen. Die letzte derartige Krise des Landes im Jahr 2001 ließ das lokale Bankensystem zusammenbrechen und verursachte die Zahlungsunfähigkeit des Staates. Die Wirtschaft schrumpfte um kolossale 18 Prozent und die Arbeitslosigkeit stieg zu Spitzenzeiten auf über 22 Prozent.

Nach einer nun ein Jahrzehnt andauernden ruhigen Phase, kehren die düsteren Warnungen zurück. Die Prognosen für die Weltwirtschaft trüben sich ein und Ökonomen im exportabhängigen Argentinien finden genügend Gründe zur Sorge. Die größte lateinamerikanische Bank, Itau, prognostiziert für Argentinien im nächsten Jahr ein BIP-Wachstum von lediglich 3,2 Prozent. Der entsprechende Wert für das Jahr 2011 betrug 6 Prozent.

Eine weitere Sorge ist die Inflation. Die offiziellen Zahlen sind weitgehend unglaubwürdig und private Analysten schätzen, dass die Verbraucherpreise jährlich um 25 Prozent oder mehr steigen.

Dabei handelt es sich um vorsichtige Schätzungen seriöser Ökonomen. Aber man sollte alle Wirtschaftsprognosen über Argentinien mit Vorsicht genießen. In den zehn Jahren seit der letzten Krise haben die argentinischen Politiker gegen beinahe jede Regel der ökonomischen Lehre verstoßen. Immer wieder warnten lokale und internationale Ökonomen in düsteren Worten davor, was passieren würde, wenn das Land in seiner Heterodoxie verharrt. Und dennoch legte Argentinien ein rasches Wachstum an den Tag, wobei sich das Pro-Kopf-Einkommen seit 2002 verdoppelte.

Die Energiepolitik ist ein Musterbeispiel einer fehlgeleiteten Strategie. Die argentinische Regierung setzte trotz anhaltender Inflation die Gaspreise fest, wodurch Gas künstlich billig gehalten wurde. Die Verbraucher dachten selten daran, ihren Thermostat zurückzudrehen und die Produzenten stoppten ihre Investitionen. Im Endeffekt musste der einstmals florierende Gasexporteur Argentinien Gas importieren, um Engpässe zu überbrücken.

Gerettet wurde Argentinien in den letzten zehn Jahren durch äußerst günstige externe Umstände: überaus hohe globale Rohstoffpreise und technologische Innovationen, mit denen landwirtschaftliche Erträge beträchtlich gesteigert werden konnten. Auch der Boom im Nachbarland Brasilien war hilfreich, weil dort die Nachfrage nach einer breiten Palette argentinischer Produkte anstieg.

Da die Staatseinnahmen stiegen und die Belastungen nach der Pleite vor einem Jahrzehnt verschwunden waren, feierte die Regierung eine Ausgaben-Orgie: der Anstieg der realen öffentlichen Ausgaben lag seit 2002 in den meisten Jahren im zweistelligen Bereich. Gleichzeitig wurden die Zinssätze von der Zentralbank niedrig gehalten, so dass die inflationsbereinigten Kosten für Kredite bei null liegen oder negativ sind. 

In diesem Umfeld verfielen natürlich auch die argentinischen Verbraucher in einen Kaufrausch und die Unternehmensprofite stiegen dementsprechend. Vor nicht allzu langer Zeit traf ich mich mit einer Gruppe ausländischer Investoren in Argentinien. Ihnen gehörte alles von Papierfabriken bis zu Warenhäusern und Supermarktketten. Nachdem sie einige Geschichten über endlose Bürokratie und willkürliche Regierungsentscheidungen zum Besten gegeben hatten, fragte ich, warum sie noch immer in Argentinien investierten. „Weil wir jede Menge Geld verdienen“, lautete die einhellige Antwort.

Derzeit stellt man sich in Argentinien die Frage, ob diese Phase des Überflusses nun zu Ende geht. In den nach wie vor überfüllten Einkaufszentren von Buenos Aires hat man dieses Gefühl zwar nicht. Ebenso wenig scheint das Verhalten der Wähler darauf hinzudeuten, die Präsidentin Cristina Kirchner im Oktober wohl erneut wählen werden. Dennoch sind die Anzeichen einer wirtschaftlichen Verschlechterung mit Sicherheit vorhanden.

Da die Importe immer noch stark steigen und die Rohstoffpreise aufgrund des weltweiten Abschwunges zu fallen beginnen, verflüchtigt sich Argentiniens großer Handelsbilanzüberschuss rapide. Aus Angst vor einem schwächeren Peso verlangen verschreckte Investoren Dollars. Das Kapital fließt aus dem Land und die offiziellen Reserven gehen langsam zur Neige.

Um dem Abfluss von Dollars entgegenzuwirken, könnte die Zentralbank gezwungen sein, die Zinsen anzuheben. Diese Maßnahme und der düstere internationale Ausblick sowie eine Fiskalpolitik, die nach der Wahl weniger expansiv sein muss, werden für eine Abkühlung der Wirtschaft sorgen..

Ein turbulenter Flug mag angehen, solange er mit einer sanften Landung endet. Dies sicherzustellen wird die oberste Priorität einer wiedergewählten Präsidentin Cristina Kirchner sein. Es wird eine schwierige Zeit an den Schalthebeln.

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