Friday, October 31, 2014
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Werden wir bessere Menschen?

MELBOURNE – Wenn man die tagtäglichen Schlagzeilen verfolgt, kann man ohne Weiteres den Eindruck gewinnen, dass wir Zeugen eines moralischen Kollaps werden: Es ist von Kriegen die Rede, von Terrorismus, von den Übergriffen repressiver Regierungen und regelmäßig beklagen religiöse Führer den Verfall sozialer Normen in der Öffentlichkeit und im privaten Bereich. Ich denke jedoch, dass es Grund für uns gibt, zuversichtlich in die Zukunft zu blicken.  

Vor dreißig Jahren habe ich ein Buch mit dem Titel The Expanding Circle geschrieben, in dem ich behaupte, dass sich der Kreis der Lebewesen erweitert hat, denen wir moralische Berücksichtigung zuteilwerden lassen. Zunächst von der Sippe auf die Nation, dann auf die Rasse oder ethnische Gruppe, anschließend auf alle Menschen und zuletzt auf nicht-menschliche Tiere. Das ist ganz gewiss als moralischer Fortschritt zu bezeichnen.

Man könnte meinen, dass Evolution zur Selektion von Individuen führt, die einzig ihre eigenen Interessen und die ihrer Verwandten berücksichtigen, weil die Wahrscheinlichkeit höher sein müsste, dass sich Gene für derartige Merkmale verbreiten. Doch die Entwicklung des Verstandes könnte uns, so meine damalige These, in eine andere Richtung führen.

Einerseits verleiht das Vermögen zu denken einen offensichtlichen evolutionären Vorteil, weil es die Lösung von Problemen und die Planung zur Vermeidung von Gefahren ermöglicht, wodurch die Überlebenschancen steigen. Andererseits ist der Verstand mehr als ein neutrales Problemlösungswerkzeug. Er gleicht eher einer Rolltreppe: Sobald wir die Fahrt angetreten haben, gelangen wir an Orte, von denen wir nie erwartet hätten, dass wir sie erreichen würden. Der Verstand ermöglicht es uns insbesondere zu sehen, dass andere, die sich bislang außerhalb der Reichweite unseres moralischen Blickfeldes befunden haben, in wesentlichen Aspekten so sind wie wir. Es kann uns somit willkürlich oder schlicht falsch erscheinen, sie aus dem Kreis der Wesen auszuschließen, denen wir moralische Berücksichtigung schulden.

Steven Pinkers unlängst erschienenes Buch Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit liefert wichtige Argumente, die diese Auffassung stützen. Pinker, Professor für Psychologie an der Universität Harvard, greift auf aktuelle Forschungsergebnisse aus den Fachgebieten Geschichte, Psychologie, Kognitionswissenschaften, Wirtschaft und Soziologie zurück, um darzulegen, dass unsere Ära weniger gewalttätig, weniger grausam und friedlicher ist als alle früheren Epochen in der Geschichte unserer Spezies.

Der Rückgang der Gewalt gilt für Familien, Nachbarschaften, Sippen und Staaten. Im Wesentlichen ist die Wahrscheinlichkeit, dass heute lebende Menschen gewaltsam zu Tode kommen oder Gewalt oder Grausamkeit durch die Hand eines anderen erleiden geringer, als für seine Vorfahren in allen früheren Jahrhunderten.

Diese Behauptung wird von vielen angezweifelt werden. Manch einer hegt eine rosige Vorstellung vom Leben als Jäger und Sammler im Stammesverband, das, verglichen mit dem heutigen Leben, einfacher und vermeintlich beschaulicher gewesen sein müsste. Untersuchungen von Skeletten, die bei Ausgrabungen gefunden wurden, lassen jedoch darauf schließen, dass nicht weniger als 15% der prähistorischen Menschen durch die Hand eines anderen einen gewaltsamen Tod gefunden haben. (Zum Vergleich: In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts haben die beiden Weltkriege in Europa eine Sterberate von kaum mehr als 3% verursacht.)

Sogar bei Stammesvölkern, die von Anthropologen als besonders „sanftmütig“ hervorgehoben werden – so etwa die Semai aus Malaysia, die !Kung der Kalahari und die Inuit der Zentralarktis – stellen sich Mordraten heraus, die − relativ zur Bevölkerung − mit Detroit verglichen werden können, eine Stadt, die eine der höchsten Mordraten in den Vereinigten Staaten aufweist. In Europa beträgt die Wahrscheinlichkeit ermordet zu werden heute weniger als ein Zehntel und in einigen Ländern nur ein Fünfzigstel dessen, was gewesen wäre, wenn man vor 500 Jahren gelebt hätte.

Steven Pinker erkennt den Verstand als wichtigen Faktor an, der den von ihm beschriebenen Entwicklungen zugrundeliegt. Um diese Behauptung zu unterstützen, bezieht er sich auf den „Flynn-Effekt“ – der bemerkenswerten Erkenntnis des Philosophen James Flynn, dass die Ergebnisse von IQ-Tests seit ihrer Einführung deutlich höher geworden sind. Laut Definition liegt der durchschnittliche IQ bei 100; um zu diesem Ergebnis zu kommen, müssen die Testresultate standardisiert werden. Wenn der durchschnittliche Teenager von heute einen IQ-Test im Jahr 1910 machen würde, würde er oder sie 130 erreichen und damit besser abschneiden als 98% der Jugendlichen, die diesen Test damals abgelegt haben.

Dieser Anstieg lässt sich nicht einfach auf bessere Bildung zurückführen, weil die Aspekte der Tests, bei denen die Ergebnisse am meisten gestiegen sind, kein gutes Vokabular oder gar mathematische Fähigkeiten voraussetzen, sondern vielmehr die Fähigkeit zum abstrakten Denken ermessen.

Einer Theorie zufolge schneiden wir besser bei IQ-Tests ab, weil wir in einer symbolreicheren Umgebung leben. Flynn selbst glaubt, dass die Ausbreitung der wissenschaftlichen Denkweise eine Rolle gespielt hat.

Pinker behauptet, dass uns das erweiterte Denkvermögen die Fähigkeit verleiht, uns von unserem unmittelbaren Erleben und aus unserer persönlichen oder beschränkten Perspektive zu lösen und unsere Gedanken und Vorstellungen auf abstrakterer, universeller Ebene zu fassen. Das führt wiederum zu besseren moralischen Verpflichtungen, einschließlich der Vermeidung von Gewalt. Genau diese Art von Denkvermögen hat sich im Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts verbessert.

Es gibt also Grund zu der Annahme, dass es uns durch unser verbessertes Denkvermögen möglich geworden ist, den Einfluss impulsiverer Elemente in unserem Wesen zu verringern, die zu Gewalt führen. Vielleicht liegt dies dem deutlichen Rückgang der Zahl der Kriegstoten seit 1945 zugrunde – ein Rückgang, der sich in den vergangenen 20 Jahren sogar noch verstärkt hat. Wenn dem so sein sollte, ließe sich nicht leugnen, dass wir uns weiterhin gravierenden Problemen gegenübersehen, einschließlich der Bedrohung durch einen katastrophalen Klimawandel. Es bestünde aber trotz alledem ein wenig Grund zur Hoffnung auf moralischen Fortschritt.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.

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  1. CommentedSergio Mayorga

    1. Even though reason makes it possible to solve problems and to plan to avoid dangers, it is a fact that stupid people reproduce at far higher rates. I witness this starkly as I live in a developing country.

    2. Humans may have been getting smarter since 1910. This trend has surely stopped since the surge of Facebook, and is in reverse now. More and more people trifle away their time and their talent perusing banalities and making meta-meta-...-meta-comments.

  2. Portrait of Peter Singer

    CommentedPeter Singer

    Correction by the author:
    The column states that the Semai people of Malaysia have a murder rate comparable, in proportion to population, to that of Detroit.
    I have since been contacted by Professor Robert Dentan, an anthropologist who has carried out extensive research on the Semai, and whose information was used by Bruce Knauft in an article that in turn is referenced in Steven Pinker's book. On the basis of the information supplied by Professor Dentan, and after consulting Professor Knauft, I withdraw the comment about the Semai. The evidence of homicide among the Semai is anecdotal and insufficient to support the conclusion that they have a murder rate comparable to that of Detroit, or anywhere else, for that matter.

  3. CommentedNijaz Deleut Kemo

    Yes, if you are representative of 1% of the worlds population, for sure you are living - getting better. But, what if you do represent 99% of the population (cca. 7 billion). Therefore, OCCUPY MOVEMENT in Spain, U.S.A. and around the globe have made good point, and answered on your wrong thesis, my dear prof. Singer. After all, long time ago Marx said:"The task is not just to understand the world (i.e. neo-colonialism/imperialism) but to change it", and John Cage said:"We can't change our minds (the collective consciousness) without changing the world." So, two dangerous developments in the world still overshadow everything else: first, there are real threats to "Getting Better" for homo sapiens - since 1945 we do have nuclear weapons, and second is, of course, environmental catastrophe (lost habitats, species, natural resources, all since 1850). Simply, our question is not "Are Humans Getting Better?" Why? We do know that science is all about establishing cause and effect. This is why there is a "scientific method" at all. Because it is so easy to fool ourselves (that we are getting better) regarding what causes what to happen in the real world today (i.e. unemployment rate in the Mediterranean countries - cradle of the civilization). Therefore, many problems in the physical world are not amenable to laboratory investigation, or theoretical lamenting. Global warming is only one of them, my dear professor.

  4. CommentedNijaz Deleut Kemo

    NO, MY DEAR PROF. DO NOT USE STATISTIC, OR CONSIDER THIS ONE ONLY ON POPULATION RISE:
    1850................................................ 1 BILLION
    2012................................................ 7 BILLION
    NEXT ONE ON GEOGRAPHICAL REPRESENTATION
    ASIA, AFRICA................................20TH CENTURY AND TODAY (BEGINNING OF 21ST), AND
    EUROPE...........................................19/20TH CENTURY.
    SO MY QUESTION IS: HOW MUCH INDIVIDUALS (PER CAPITA) SUFFERED ON A 1% RATE FOR BOTH PERIODS AND TERRITORIES.
    MY ANSWER IS THAT OUR WAY OF LIVING AND WORKING; I.E. BARBARIANISM, SLAVERY AND COLONIALISM DID THAT. NEO-COLONIALISM IS DOING THAT ONLY 40 YEARS, SO FAR. SO, WE MUST WAIT AND SEE WHAT WILL BE, OUR NEW-NEXT STATISTIC !?

  5. Commentedjohn scanlon

    It is not clear you if stipulate improved individual reasoning for such causes or improved cultural reasoning. The article seems like a case for the former as having a major bearing of our improved outcomes as opposed to the wonderous cultural evolution over time being inherent now in both our institutions (e.g. law & order, concepts of democracy, education), or just plan society & language. It is our advancing cultural progress and conventions which may in large lead to many of our progressive outcomes. Where is the split if any on culture vs individual leading to such outcomes ? Can we go in different directions ('backwards', 'sideways'), and what cultural pressures would lead us there ? Enjoyed the article - thank you.

  6. CommentedProcyon Mukherjee

    Kropotkin’s book ‘Mutual Aid’ had huge number of evidences that proved the theory that societies from ancient times including in the case of animals, both for the wild and the timid to have prospered with one helping the other to face adversities; it is not reason alone that has mattered for people to come together for survival, it is something beyond reason. The survival of the fittest theory and natural selection on the other hand stands the testimony of times that genetic patterns have helped the stronger, farer or more beautiful and attractive to progress than the less endowed ones; truth perhaps lies somewhere in between.
    In today’s world with so many stimuli around us, we have the challenge of rational attention to these stimuli and perhaps due to paucity of time and interest to so many we take the route of rational inattention. This has an impact to our decision making every day. The ability to reason may have improved, but we have other influences that could make us vulnerable and we must be aware that a plethora of information that we are fed with, only a small percentage would end up with a testing of hypothesis with a high probability of success.

    In a world that has to survive and sustain millions of products, services and ideas to which consumers must be attracted to, it is again more than what reason can deliver.

    Whether we are getting better of or worse, again time will tell as yardsticks would keep changing.

    Procyon Mukherjee

  7. CommentedZsolt Hermann

    Interesting article.
    And I share the writer's optimism about the future, as we truly have a cognitive function that we can use for our benefit.
    But we are not doing this consciously yet.
    We can consider human evolution as the development of the Ego.
    We were separated from other animals with the appearance of our Ego, that introduced self awareness, feeling of unique individuality, and the desire for self fulfillment, even at the expense of others beyond necessities.
    This "maximum pleasure/minimum pain" software drove us up to the present moment, where this egoistic development seems to have run into a dead end.
    We evolved into a closed, integral, totally interconnected and interdependent human system, where our egoistic software turned us into cancer cells, suddenly destroying ourselves and the environment.
    We cannot measure this through murder statistics, we need to look at the total picture with the breakdown of almost all human institutions starting from the family unit up to national and international levels.
    And outside of human society we have devoured our environment and now threaten to cause irreversible damage that can seriously threaten even our survival.
    We have a very unique cognitive function, our ability of self analysis and self critique, but we have never used it before. So far we followed our inherent egoistic desires and instincts automatically like robots.
    Today we are at crossroads. The deepening and unsolvable global crisis, and environmental crisis that is the result of our unsustainable, excessive, exploitative lifestyle is pushing us into a corner, where we cannot avoid self scrutiny any longer.
    Now we can activate our mental powers, our human cognition in order to analyze our new global human system, how we relate to nature's laws around us always thriving for homeostasis, and then work out how we, the only truly active element in this system can contribute in such way that we return the whole system into harmony.
    The only question today is if we can do this proactively, wisely, using our mental powers and free choice before we are forced by suffering, or we wait like we have done so far, until the present state becomes so unbearable that we have to change against our will.

  8. CommentedJohn-Albert Eadie

    These are MY ideas, Mr. Singer %^) What I maintain, however is that the "brain software" must have a great leap forward right now, or we won't avoid incineration from climate change.

  9. CommentedJosué Machaca

    Mr. Singer, you said that the world is better now becouse the percentage of deaths decreased. But you did not consider that there are more people in the world. For example, you said "in the first half of the twentieth century, the two world wars caused a death rate in Europe of not much more than 3%". Everybody knows that the two world wars caused millions of deaths. In the past wars caused thousends of deaths only. So, ¿Does the world get better? Your points of view are well, but when we talk of deaths we consider amount, not percentage. (Sorry for the vocabulary, I speak Spanish)

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