Friday, April 25, 2014
Exit from comment view mode. Click to hide this space
0

Anatomie einer Finanzkrise

NEW YORK – Die Vereinigten Staaten befinden sich momentan in einem Teufelskreis, der auch die Weltwirtschaft erfassen könnte. Durch die Finanzkrise in Amerika kam es zu einer massiven Kreditkrise, wodurch sich die Rezession in den USA verschlimmert. Diese sich verschärfende Rezession führt zu größeren Verlusten auf den Finanzmärkten –  die wiederum der Wirtschaft insgesamt Schaden zufügen. Da riesige Kredit- und Spekulationsblasen platzen, besteht momentan auf den US-Finanzmärkten die ernsthafte Gefahr einer Systemkrise. 

Das Problem sind nicht mehr nur Subprime-Hypotheken, sondern vielmehr ein ganzes „Subprime-Finanzsystem“. Die Rezession am Immobilienmarkt – die schlimmste und sich täglich zuspitzende in der Geschichte der USA – wird letztlich dazu führen, dass die Eigenheimpreise um über 20 % fallen und Millionen Amerikaner ihre Häuser verlieren. Zahlungsrückstände, Zahlungsausfälle und Zwangsvollstreckungen sind nicht mehr auf den Subprime-Bereich beschränkt, sondern erfassen auch Hypotheken von Schuldnern besserer und bester Bonität. Die Gesamtverluste bei den mit Hypotheken in Zusammenhang stehenden Finanzinstrumenten – zu denen auch exotische Kreditderivate wie forderungsbesicherte Schuldverschreibungen (CDOs) gehören – werden sich daher auf über 400 Milliarden Dollar belaufen. 

Außerdem beginnt der Abwärtstrend bei den Wohnimmobilien auch auf die gewerblichen Immobilien überzugreifen. Wer will schließlich schon Büros, Geschäfte und Einkaufszentren in den leeren Geisterstäden bauen, die den amerikanischen Westen verunzieren?

Zum Abschwung im Immobilienbereich kommt noch, dass momentan eine größere Blase im Bereich der Verbraucherkredite platzt: Nachdem die US-Wirtschaft in die Rezession schlittert, werden auch die Zahlungsausfälle bei Kreditkarten, Autokrediten und Studentendarlehen sprunghaft ansteigen. Die Verbraucher in den USA sind finanziell am Ende und stehen ohne Ersparnisse mit hohen Schulden da. Da der private Konsum über 70 % der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage in den USA ausmacht, werden Kürzungen bei den Ausgaben der Haushalte die Rezession noch vertiefen.

Zu diesen Finanzrisiken gesellen sich noch die massiven Probleme der Kreditversicherer, die viele der risikoreichen verbrieften Produkte wie CDOs absichern. Eine sehr wahrscheinliche schlechtere Einstufung der Bonität dieser Versicherer wird Banken und Finanzinstitutionen, die solche risikoreichen Vermögenswerte halten, zwingen, diese abzuschreiben, wodurch weitere 150 Milliarden Dollar zu den im Finanzsystem angehäuften Verlusten hinzukommen.

Überdies verzeichnen Banken und andere Finanzinstitutionen wachsende Verluste aus Darlehen, mit denen man rücksichtslose fremdfinanzierte Übernahmen (LBOs) bezahlte. Bei einer sich verschärfenden Rezession werden viele LBOs, die zu viel Fremd- und zu wenig Eigenkapital aufwiesen, fehlschlagen, da die Firmen angesichts geringerer Gewinne und höherer Verluste ihre Kredite nicht mehr bedienen können.

Angesichts all dessen, wird die Rezession zu einem sprunghaften Anstieg bei Zahlungsausfällen von Unternehmen führen. Die Zahl dieser Ausfälle war in den letzten zwei Jahren sehr gering und lag mit einem jährlichen Schnitt von 0,6 % unter dem historischen Durchschnitt von 3,8 %. Während einer typischen Rezession könnten die Zahlungsausfälle der Firmen jedoch auf 10 bis 15 % ansteigen, wodurch massive Verluste für diejenigen drohen, die riskante Unternehmensanleihen halten.

Infolge dieser Entwicklung könnten auch dem Markt der Credit Default Swaps (CDS) – wo Versicherungen  gegen Ausfallsrisiken bei Firmen gehandelt werden –  massive Verluste drohen. In diesem Fall besteht auch die ernsthafte Gefahr, dass manche Sicherungsgeber bankrott gehen und durch deren Zahlungsunfähigkeit weitere Verluste bei den Sicherungsnehmern auslösen.

An der Spitze des ganzen befindet sich ein Schatten-Finanzsystem von Institutionen aus dem Nichtbankenbereich, die, wie Banken,  kurzfristig liquide Geldmittel aufnehmen und diese langfristig als Kredite vergeben oder in illiquide Anlagen investieren. Zu diesem Schattensystem zählen strukturierte Investmentvehikel (SIVs), Conduits, Geldmarktfonds, Hegdefonds und Investmentbanken.

So wie Banken unterliegen alle diese Finanzinstitutionen einem Liquiditäts- oder Rollover-Risiko – dem Risiko bankrott zu gehen, wenn ihre Gläubiger die kurzfristigen Kreditlinien nicht verlängern. Aber im Gegensatz zu Banken haben sie kein Sicherheitsnetz in Form der Zentralbanken, die als Kreditgeber letzter Instanz auftreten.

Nun, da sich eine Rezession anbahnt, beginnen die Aktienmärkte in den USA und weltweit einzubrechen: Während einer typischen US-Rezession sinkt der S&P 500 im Durchschnitt um 28 %, da die Einnahmen und Gewinne der Unternehmen sinken. Verluste auf den Aktienmärkten haben einen doppelten Effekt: Erstens mindern sie den Wohlstand der privaten Haushalte, wodurch diese weniger ausgeben. Zweitens verursachen sie bei Anlegern, die Kredite aufnahmen, um damit den Aktienkauf zu finanzieren, massive Verluste und lösen damit Nachschusspflichten und Notverkäufe aus.

Es besteht daher ein gesteigertes Risiko, dass viele gehebelte Investoren sowohl auf den Aktien- als auch auf den Kreditmärkten gezwungen sein werden, illiquide Anlagen auf illiquiden Märkten zu verkaufen, wodurch ein kaskadenartiger Preisverfall bei diesen Anlagen bis unter deren Fundamentalwert ausgelöst wird. Die dadurch verursachten Verluste werden den Aufruhr in der Finanzwelt und den wirtschaftlichen Abschwung noch verschlimmern.  

Wenn man alle diese Verluste auf den Finanzmärkten addiert, kommt man auf die atemberaubende Summe von 1 Billion Dollar. Durch die strengere Kreditvergabe wird es für Haushalte und Firmen noch schwieriger, an Kredite zu kommen, Geld auszugeben, zu investieren und das Wirtschaftswachstum aufrecht zu erhalten. Die Gefahr, dass eine systemische Finanzkrise zu einer stärker ausgeprägten Rezession in den USA und auf der ganzen Welt führt, ist damit nicht mehr nur eine theoretische Möglichkeit, sondern ein zunehmend plausibles Szenario.

Exit from comment view mode. Click to hide this space
Hide Comments Hide Comments Read Comments (0)

Please login or register to post a comment

Featured