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Ein offener Brief an Amerikas demokratische Präsidentschaftskandidaten

Sehr geehrte Herren,

in weniger als drei Monaten werden wir wissen, wer von Ihnen Präsident Bush herausfordern wird. Im Augenblick jedoch möchte ich mich mit diesem Brief an jeden von Ihnen wenden. Ich bin sehr darauf erpicht, bei Ihnen Gehör zu finden, bei Ihren zuverlässigen Beratern, und, am wichtigsten, beim amerikanischen Volk. Ich hoffe, dass Sie dieser Botschaft einige Bedeutung beimessen werden.

Ich nehme an Sie alle spüren, dass die Welt von zunehmendem Antiamerikanismus erfasst ist. Das stimmt jedoch nicht vollkommen. Ich schreibe dies als ein Bürger dieser Welt; ich habe niemanden um Rat gefragt, glaube aber nicht, dass mir widersprochen werden wird. Amerikas globale Führerschaft ist politisch und militärisch unbestreitbar. Deshalb ist sie eine Tatsache.

Vom kulturellen Standpunkt aus betrachtet gibt es heutzutage in der Welt drei Ansprüche auf globale Führung: aus China, aus der muslimischen Welt und aus dem Westen. Weil Europa dumm genug war, in zwei Weltkriegen selbstzerstörerisch zu wirken, gehört der Anspruch des Westens auf die Führung der Welt Ihnen, den Amerikanern.

Die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten, einer fehlerhaft gewählten Regierung unterstehend, diese Führerschaft heute auf gefährliche Art und Weise ausüben, reicht nicht, um unsere Ansicht in diesem Punkt zu ändern. Wir die überwältigende Mehrheit der Bürger dieser Welt glauben, dass nur eine echte Demokratie dazu fähig ist, diese Führungsposition einzunehmen. In Anbetracht anderer Ansprüche und Alternativen sind wir alle proamerikanisch.

Aber die Regierung Bush macht uns Angst. Das Konzept eines Präventivkrieges steht kurz davor, genau den Clash of Civilizations auszulösen, der vor zehn Jahren vorausgesagt wurde und der verhindert werden muss. Eine Milliarde Männer und Frauen auf aller Welt bekennen sich zum islamischen Glauben. Fünf Prozent von ihnen haben unserer Zivilisation den Krieg erklärt und sind bereit, Morde zu begehen, um der westlichen Vorherrschaft ein Ende zu setzen. Fünfundneunzig Prozent der Muslime, einschließlich der meisten ihrer religiösen Führer, wollen nur in Frieden leben und der langen Demütigung des Islam ein Ende setzen, was nur der Einzug von Demokratie und Entwicklung in die muslimische Welt ermöglichen kann.

Terrorismus muss bekämpft werden, indem diese beiden Teile der muslimischen Welt getrennt werden, statt sie zu verknüpfen. Die Sicherheit der Menschheit steht auf dem Spiel.

Es steht nicht gut um die Welt und Amerika kann nicht alle Probleme allein lösen. Präsident Bushs unilateraler Rückzug aus allen wichtigen Verhandlungen, die heute in der Welt stattfinden, - über Abrüstung, die Verbreitung von Atomwaffen, die Abschaffung von Steueroasen, die Ländern mit sozialer Verantwortung Mittel abschöpfen, internationales, organisiertes Verbrechen, Klimaveränderung, die Rolle der Vereinten Nationen bei der Friedenssicherung und der Kampf gegen die Armut in Afrika und anderswo - verschärft die Vielzahl von Risiken, die über dem Planeten schweben, den wir alle bewohnen.

Viele von uns begreifen und verstehen, dass Amerikas fantastischer wirtschaftlicher Erfolg - eine Erfolgsgeschichte, die seit mehr als hundert Jahren andauert - dazu geführt hat, dass Sie sich kaum für den Rest der Welt interessieren, insbesondere während Ihrer Wahlkampagnen. Obwohl der Rest der Welt, aus einer Vielzahl von Gründen, nicht in der Lage war mit Ihrem materiellen Erfolg gleichzuziehen, ist das kein Grund zur Eifersucht. Amerikas bestehendes Desinteresse am Rest der Welt ist ein Grund Angst zu haben.

Wenn man sich der Probleme der Welt nicht annimmt, werden sie sich verschlimmern und sie werden unweigerlich Ihre Regierung betreffen. Sie werden die Unterstützung, das Vertrauen und die Freundschaft anderer brauchen. Warum also nicht neue Ufer entdecken, indem Sie die Welt und ihre Themen in Ihre Wahlkampagne aufnehmen? Mindestens zwei Drittel, wenn nicht drei Viertel, der Bewohner dieses Planeten hoffen auf Frieden, Sicherheit und nachhaltige Entwicklung - und deshalb auf eine ausgehandelte Lösung für unsere globalen Konflikte.

Jeder von Ihnen trägt diese Hoffnung. In ein paar Monaten wird nur noch einer von Ihnen übrig sein, der Mann, der Präsident Bush im kommenden November herausfordern wird. Seine Sache wird jedoch die von Millionen, ja sogar Milliarden von Menschen, überall auf der Welt sein. Die Unterstützung der Mehrheit der Menschheit kann in Ihrer Wahlkampagne ein wesentliches Argument sein. Diejenigen, die darauf setzen, dass Sie sich ihrer Sache annehmen, sind eine gewaltige, beinah unzählige Menge.

Im Namen der Zivilisation: Sie haben nicht das Recht zu verlieren.

Viel Glück.

Michel Rocard

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