Los Angeles: Bei ihren Diskussionen über Tempo und Folgen eines Rückzugs aus dem Irak täte Barack Obamas kommende Regierung gut daran, die strategischen Auswirkungen anderer Fälle eines amerikanischen Abzugs in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zu untersuchen. Obwohl sich die amerikanischen Engagements im Libanon, in Somalia, Vietnam, und Kambodscha deutlich unterschieden, zeigt die Geschichte, dass der Rückzug aus diesen Ländern – obwohl er dem Ruf der USA unmittelbar Schaden zufügte – ihnen letztendlich Vorteile brachte.
In all diesen Fällen kam es nach dem Abzug amerikanischer Truppen zu so etwas wie regionaler Stabilität, wenn auch auf Kosten erheblicher Verluste an Menschenleben. Amerikas ehemalige Gegner waren in der Folge entweder damit beschäftigt, ihre Macht zu konsolidieren oder eine Machtbeteiligung zu erreichen, erlitten innenpolitische Niederlagen oder wandten sich gegen benachbarte Staaten. Letztlich setzten sich Amerikas vitale Interessen durch. Und es sieht so aus, als ob sich dieses Muster, wenn die USA Mesopotamien verlassen und es den Irakern überlassen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, wiederholen lässt.
Von den vier Rückzügen weist die amerikanische Intervention im Libanon 1982-1984 wohl die engsten Parallelen zum heutigen Irak auf. Im Libanon – einem seit 1975 von religiös motivierter Gewalt zerrissenen Land – maß eine im Vergleich zum heutigen Irak sogar noch komplexere Gruppe streitender Parteien ihre Kräfte.
In dieses Getümmel griffen USA und ihre westlichen Verbündeten ein. Ihr Ziel war die Schaffung einer militärischen Pufferzone zwischen der PLO und den israelischen Streitkräften, die damals in Beirut kämpften, um den Abzug beider zu fördern. Massaker in palästinensischen Flüchtlingslagern führten zur Übernahme der Verpflichtung, im Libanon „wieder eine starke Zentralregierung herzustellen“ (Präsident Ronald Reagan). Doch das Ergebnis der Intervention war lediglich, dass mit den US-Truppen ein weiteres Ziel zur Verfügung stand. Dies kulminierte in dem Bombenanschlag auf eine Kaserne der US-Marineinfanterie im Jahr 1983, bei dem 241 amerikanische Soldaten getötet wurden. Bei einem ähnlichen Selbstmordanschlag zwei Tage später kamen 58 französische Soldaten ums Leben.
Im Februar 1984 stimmte Reagan angesichts des sich abzeichnenden Schlamassels der Empfehlung von Vizepräsident George H.W. Bush zum Rückzug aus dem Libanon zu. Doch der Abzug der westlichen Streitkämpfe führte nicht zu einem Ende der Kämpfe. Der Bürgerkrieg dauerte weitere sechs Jahre und hatte ein unruhiges Nachspiel: den Einmarsch und (zwei Jahrzehnte später), als die Libanesen ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen, die Vertreibung Syriens. Die USA übten dabei nur im Hintergrund ihren Einfluss aus.
Im Jahre 1992 lockten die Sirenen des politischen Zusammenbruchs Somalias die USA in einen weiteren Bürgerkrieg, um das Land vor sich selbst zu retten. Ziel der humanitären US-Mission in jenem gottverlassenen Land war die Rettung eines gescheiterten UNO-Unterfangens zum Schutz und zur Versorgung der schwer gezeichneten somalischen Bevölkerung.
Die USA entsandten 28.000 Soldaten, was für eine Weile ein Minimum an Sicherheit erzwang. Als jedoch unzureichend ausgerüstete und schlecht geführte UNO-Truppen Teile der amerikanischen Streitkräfte ersetzten, wurden die verbleibenden US-Soldaten bei dem Versuch, den für den Tod pakistanischer Friedenshüter verantwortlichen somalischen Warlord zur Rechenschaft zu ziehen, zur Zielscheibe. Die Bilder des resultierenden Blutbades an US-Soldaten waren zu viel für die amerikanische Öffentlichkeit und leiteten den Abzug erst der amerikanischen und dann der UNO-Truppen ein.
Als sich nach diesen Truppenabzügen die Unruhen ausweiteten, überwachten US-Soldaten vor der Küste die nach Somalia strebenden islamischen Gotteskrieger und fingen sie ab. Zugleich verhinderten Kenia und Äthiopien, dass sich die Unruhen in der Region ausbreiteten. Im Jahre 2006 ließ die Einnahme der somalischen Hauptstadt Mogadischu durch die Union der Islamischen Gerichtshöfe das Schreckgespenst eines Gottesstaates aufkommen. Doch Somalia bewies schnell, dass derartige Kalamitäten keine Einbahnstraße sein müssen. Nach der äthiopischen Intervention mussten die Islamisten feststellen, dass sie die Macht verloren hatten.
Somalia ist noch immer ein dysfunktionaler Staat; rivalisierende Klans, Dschihadisten und eine von Äthiopien unterstützte Übergangsregierung konkurrieren um die Macht. Die USA, die diesem Sumpf nun entronnen sind, üben aus der Ferne begrenzten Einfluss aus.
Während der Libanon und Somalia beschädigte bzw. gescheiterte Staaten bleiben, wurden die Konsequenzen des amerikanischen Rückzugs aus Vietnam und Südostasien durch regional- und innenpolitische Faktoren kauterisiert. Die Folge ist jene stabile Region, wie sie die Welt heute kennt. Doch in den 1960er Jahren, als die Geister von München über den vietnamesischen Dschungeln schwebten, stellte sich für die USA die Lage deutlich anders da.
Genau wie Präsident George W. Bush in Bezug auf den Krieg im Irak argumentierte, prognostizierte US-Präsident Lyndon Johnson, dass sich eine Niederlage in Vietnam erst „in einem Land und dann im nächsten wiederholen würde“. Was Johnson nicht voraussah, waren die innenpolitischen und regionalen Beschränkungen, die einen Fall der Dominosteine in der von ihm vorhergesagten Weise verhindern sollten.
Obwohl die USA Nordostkambodscha während des Vietnamkrieges intensiv bombardierten, hatten sie nicht die Nerven, dort auch mit Bodentruppen einzugreifen. Zwar versuchte die Nixon-Administration im Rahmen der ihr durch den Kongress auferlegten Beschränkungen, Kambodschas Militärregierung zu stützen. Doch trotz bescheidener materieller Unterstützung konnten die USA keine Regierung am Leben erhalten, die sich nicht selbst behaupten konnte.
Statt dass nach dem amerikanischen Abzug aus Saigon im Jahre 1975 die Dominosteine fielen, kam es zum Krieg zwischen Vietnam und Kambodscha. Dieser wiederum veranlasste China zu seiner erfolglosen Intervention in Nordvietnam. Der Rückzug all dieser Invasionsarmeen hinter die international anerkannten Grenzen zeigte, dass in der Region nationalistische Kräfte und nicht kommunistische Solidarität dominierten.
Keiner dieser amerikanischen Abzüge war folgenlos. Doch während der Ruf der USA weltweit Schaden nahm, erwiesen sich die angenommenen Vorteile hieraus für die Gegner Amerikas als illusionär.
Ein Abzug Amerikas aus Mesopotamien wird die Last der Lösung der Probleme in ähnlicher Weise den Irakern und anderen regionalen Akteuren aufbürden – wobei die USA von außen helfen können, wann und wo sie dies für angemessen halten. Die Geschichte legt nahe, dass der Irak – wie Vietnam und der Libanon – stoßweise dahin gelangen wird, seine Angelegenheiten selbst in den Griff zu bekommen.


Comments (0)
You need to login in order to leave a comment. If you do not yet have an account, please register.
The two commenting options explained
Watch a 1 minute video
to discover how you can comment on the entire article or a specific paragraph. The two images below also explain the two ways of commenting.
1) Entire article comment
Once logged in, simply click inside the comment box where it says "Enter text here." Enter and post your comment.
2) Paragraph comment
Please log in first. Then click to the left of the desired paragraph. Your cursor will automatically move to the comments box. Enter and post your comment.