Thursday, July 24, 2014
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Amerikas zweites goldenes Zeitalter

Der reichste Kongresswahlbezirk in den USA ist der sogenannte Bezirk der "Seidenen Strümpfe" im Nordosten der Stadt New York mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von 41.151,- Dollar im Jahr. Der ärmste Kongresswahlbezirk ist ein hauptsächlich von Einwanderern aus Lateinamerika bewohnter Bezirk in Los Angeles mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von 6.997,- $. 1973 bekam das unterste Fünftel der Familien Amerikas ein Familieneinkommen von durchschnittlich 13.240,- $ im Jahr (nach heutigen Dollars); im Jahr 2000 lag das durchschnittliche Familieneinkommen des ärmsten Fünftels immer noch bei 13.320,- $. Im Gegensatz verfügten die 5 % reichsten Familien Amerikas 1973 über ein durchschnittliches Familieneinkommen von 149.150,- $ und im Jahr 2000 bereits über eines von durchschnittlich 254.840,-$. Die Einkommensunterschiede haben so zugenommen, dass die Reichsten eine Steigerung um rund 2/3 in einer Zeit erlebten, in der die Einkommen in der Mitte nur um 10 % und ganz unten überhaupt nicht zunahmen.

Für Außenstehende ist an den wachsenden Einkommensunterschieden in Amerika am aller wenigsten zu verstehen, dass so wenige Amerikaner dagegen protestieren. Offensichtlich ist doch eine Gesellschaft mit einer so krummen Einkommensverteilung viel schlechter gestellt als eine, in der die Einkommen deutlich gleichmäßiger verteilt sind. Ein zusätzliches Einkommen von 10.000 $ im Jahr steigert das Wohlbefinden eines Multimillionärs kaum noch; wenn dagegen einer Familie der Mittelschicht 10.000 $ im Jahr fehlen, hat das gewaltige Auswirkung auf ihre Lebensweise.

Wenn Sie dem Nobelpreisträger James Buchanan und seinem Nützlichkeitsprinzip folgen, wonach man den sozialen Wohlstand einer Gesellschaft danach bewerten kann, ob die Bürger meinen, die gleiche Chance zu haben, arm oder reich zu werden, dann folgt daraus leicht der Schluss, dass eine Gesellschaft mit mehr Einkommensgleichheit unter besseren sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen lebt. Von dieser Annahme folgt auch sehr leicht der weitere Schluss, dass es bei steigender Einkommensungleichheit die Pflicht der Regierung sei, die Reichen zu besteuern und Geld an die Armen zurückzugeben, um ein weiteres Ausufern der Unterschiede auszugleichen - jedenfalls solange eine solche Umverteilungssteuer das Wirtschaftswachstum nicht beeinträchtigt,

Doch werden in der allgemein gängigen Politik noch keine Forderungen nach einer stärkeren Progression der Einkommenssteuer laut. Vielmehr wird am linken Rand der allgemeinen politischen Debatte nur gefordert, die Reichen sollten auch einen "fairen" Anteil an den Regierungskosten mittragen.

In den jüngsten US-Senatswahlen galt ein Kandidat, Erskine Bowles aus Nord Carolina (früher Chef im Stab von Präsident Clinton), als besonders mutig und tollkühn, nicht etwa weil er vorgeschlagen hatte, die Steuern zum Zweck der Einkommensumverteilung anzuheben, sondern nur weil er wollte, dass die Regierung den Zuschüssen für verordnete Medikamente aus Bundesmitteln eine höhere Priorität einräumt als der Steuersenkung in den obersten Steuerklassen. Und was geschah? Bowles verlor die Wahl.

Eigentlich scheint keinem der gängigen amerikanischen Politiker beim Versuch, die Erbschaftssteuer abzuschaffen, Widerstand entgegenzutreten. Dabei handelt es sich um eine politische Initiative, die zu weiterer Vermögenskonzentration führt, ohne dass sich daraus als Gegengewicht auf der Versorgungsseite Vorteile ergäben. Als er noch für Clinton Assistent des Präsidenten für Wirtschaftspolitik war, schrieb Gene Sperling einmal, Stabsassistenten, die ihren Kongressabgeordneten sagten, dass die Abschaffung der Erbschaftssteuer "zig Milliarden von Dollar kosten werde und davon nur ein paar tausend Familien profitieren würden" bekämen zu hören, "Das mag ja so sein, aber ich glaube, jede von ihnen war bei meinem letzten Wahlspendertreffen vertreten."

Es ist nicht so, dass der überraschende Anstieg der Einkommensunterschiede für ein rasches Wirtschaftswachstum notwendig war. Der Anstieg fand zum größten Teil ohnehin in den Jahren zwischen 1973 und 1995 statt. Das war ein Zeitraum, in dem die Wirtschaft in Amerika langsamer wuchs als in jedem anderen Zeitraum seit der Großen Depression. Auch waren die Einkommenszugewinne in den Mittelschichten keineswegs so groß, dass die Wähler großzügig darüber hinwegsehen konnten, was ihre Großkaufleute absahnten. Von den Spitzenverdienern abgesehen waren die Einkommenszuwächse im letzten halben Jahrzehnt so gering, dass man kaum behaupten kann, die Menschen leben heute besser als ihre Eltern.

Warum also sind Amerikaner nicht mehr darüber aufgebracht, dass die Einkommensunterschiede in ihrem Land weiter wachsen? Zum Teil liegt es daran, dass die wenigsten Amerikaner merken, was eigentlich vor sich geht. Eine Befragung stellte fest, dass 19 % der Amerikaner der Meinung sind, ihr Einkommen hebe sie unter das oberste ein Prozent der Einkommenspyramide - und dass weitere 20 % hoffen, bald zu dem obersten einen Prozent zu gehören.

Tief im Kern der amerikanischen Ideologie und Kultur steckt ein Gebinde aus Glauben und Einstellungen, nämlich der Glaube, dass die Zukunft glänzender sein wird, als es die Gegenwart ist; dass man das, was man erreichen will, sich selbst mit eigener Kraft schaffen muß; dass sich die Einzelnen auf sich selbst und nicht auf den Staat verlassen müssen; dass die Menschen Ozeane und Berge überwinden können, um für sich ein besseres Leben zu erwerben; und dass die Erfolgreichen nicht aufgrund von Glück und Korruption zum Erfolg kamen, sondern durch Anstrengung und Fleiß. Solche Überzeugungen sind für eine Sozialdemokratie nicht förderlich.

Beginnend im Jahr 1933 sah Amerika zwei Generationen lang so aus wie eine Sozialdemokratie westeuropäischen Zuschnitts. Der Schock der Großen Depression und der New Deal, mit dem die Regierung Roosevelts darauf antwortete, erklärt in jener Zeit wahrscheinlich die schrecklich "unamerikanische" Einstellung gegenüber der Umverteilung. Doch jemand, der damals, als Franklin D. Roosevelt gewählt wurde, zehn Jahr alter war, ist heute achtzig. Die Erinnerungen an die Große Depression sterben aus. Jetzt sieht es daher viel wahrscheinlicher danach aus, dass das ältere und viel nachhaltigere Muster der amerikanischen Ideologie, Kultur und Volkswirtschaft - nennen Sie es das "Goldene Zeitalter" - sich wieder festsetzt. Ungleichheit ist, wie es scheint, so amerikanisch wie Apple Pie.

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