Saturday, April 19, 2014
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Amerikas reaktionäre Feministinnen

NEW YORK – Es ist offenkundig, dass die Linke und das Medien-Establishment in den USA die Popularität der zwei republikanischen Tigerinnen nicht ganz verstehen – zuerst Sarah Palin und nun Michele Bachmann, die ihren Status als mögliche republikanische Präsidentschaftskandidatin festigt. Was haben die beiden, das anderen Kandidaten abgeht – und das so viele Amerikaner offenbar wollen?

Sowohl Bachmann als auch Palin werden in der Mainstream-Presse regelmäßig vorgeführt. Palin wird vorwiegend als intellektuelles Leichtgewicht wahrgenommen. Während des  letzten Präsidentschaftswahlkampfes wurde auf YouTube ein Video Millionen Mal angeklickt, in dem Palin nicht eine einzige Zeitung oder ein Nachrichtenmagazin nennen konnte, das zu ihrer regelmäßigen Lektüre gehört.

Bachmann hingegen wird als leicht gestört dargestellt. Tatsächlich kann ich aus eigener Erfahrung berichten, dass man bei Diskussionen mit ihr auf eine Persönlichkeit stößt, die von manchen Fakten absolut überzeugt ist, die irgendwo in einem Paralleluniversum existieren müssen.

Aber es wäre ein Fehler, sich über die Anziehungskraft der beiden einfach hinwegzusetzen, ohne den Grund dafür zu verstehen. Das gilt vor allem für Bachmann. Palin ist es nicht gelungen, sich die Unterstützung und Mentorschaft des republikanischen Establishments zu sichern. Sie wird ihre merkwürdige Anziehungskraft weiterhin als Medienpersönlichkeit präsentieren. Bachmann, allerdings könnte befremdlicherweise Präsidentin der Vereinigten Staaten werden.

Die Anziehungskraft der beiden hat mit zwei Tendenzen in der amerikanischen Denkart zu tun, denen gegenüber die Linke und das Medien-Establishment in den USA vollkommen blind sind. Eine davon ist die amerikanische Tradition der populistischen Demagogie  - einer Tradition, der im 20. Jahrhundert der rassistische Priester Charles Coughlin in den 1930er Jahren ebenso anhing wie der antikommunistische Hexenjäger Joe McCarthy in den 1950ern und der radikale Malcolm X in den 1960er Jahren. Populistische Führer inspirieren meist jene Menschen zu leidenschaftlicher Hingabe, die sich wirtschaftlich, politisch und kulturell an den Rand gedrängt fühlen (und es oftmals auch tatsächlich sind).

Diese Energie populistischer Bewegungen kann sich zum Guten oder zum Schlechten wenden, aber die Demagogen in Amerika setzen ähnliche Taktiken ein, um ihren Aufstieg zu Sichtbarkeit und Macht zu fördern. Sie bedienen sich emotionaler Rhetorik. Oftmals erfinden sie dunkle „Eliten-Netzwerke“, die sich gegen gewöhnliche, anständige Amerikaner richten. Sie erschaffen ein Szenario des „wir gegen sie“. Und sie wollen ihr Publikum glauben machen, dass nur sie allein die Würde Amerikas wiederherstellen und die Wünsche der Ungehörten artikulieren.  

Palin und Bachmann sprechen diese höchst persönliche und emotionale Sprache, mit deren Nachahmung sogar eingefleischte männliche Republikaner ihre Schwierigkeiten haben. In den letzten drei Jahrzehnten ist die von Männern dominierte amerikanische Politik zunehmend trocken, abstrakt und professionalisiert geworden. Das ist schlecht für die Demagogie, aber kein Hindernis für die Tigerinnen der Rechten, die nicht durch „Old Boys Clubs“ nach oben gekommen sind.

Folglich kann Palin frei von der Leber weg von „Todesgremien“ sprechen – eine frei erfundene angebliche Bedrohung durch Präsident Barack Obamas Gesundheitsreform – und Bachmann kann den Geist McCarthys beschwören, um das gleichermaßen bizarre Gespenst sozialistischer Tentakel an die Wand zu malen, die schon in höchste Regierungskreise eindringen. Beide können als „Soccer Moms” ihre schlichten Appelle an das Publikum  richten – in genau jener Art von Emotionalismus, mit dem orthodoxere männliche Politiker,  sogar (oder gerade) an der Parteispitze nicht aufwarten können.  

Der zweite Grund, warum so viele Amerikaner Bachmann und Palin so anziehend finden – und auch das sollte nicht unterschätzt werden – hat mit einer gravierenden historischen Missdeutung des Feminismus zu tun. Der Feminismus in den 1960er und 1970er Jahren wurde über linke Institutionen artikuliert – in Großbritannien wurde er oft mit der Arbeiterbewegung in Zusammenhang gesehen und in Amerika wurde er im Kontext der Entwicklung der Neuen Linken wiedergeboren. Aus diesem Grund geht man davon aus, dass der Feminismus selbst linksgerichtet sein muss. In Wirklichkeit aber befindet sich der Feminismus, philosophisch gesehen, mit konservativen - vor allem libertären Werten – ebenso in Einklang und in gewisser Weise sogar noch mehr.

Der zentrale Gedanke des Feminismus ist persönliche Wahlmöglichkeit und Freiheit. Diese beiden Aspekte werden momentan eher von der Tea-Party-Bewegung betont als von der Linken. Aber abgesehen von diesen Schlagworten gibt es in Großbritannien und Westeuropa ebenso wie in Amerika eine mächtige Wählerschaft rechtsgerichteter Frauen, die ihre Werte nicht in kollektivistischen sozialpolitischen Vorschriften oder Geschlechterquoten repräsentiert sehen. Sie bevorzugen, was sie als  rigiden Individualismus der freien Marktkräfte betrachten. Darüber hinaus geht es ihnen um gleiche Bedingungen im Kapitalismus und einen schwachen Staat, der sie nicht in ihren persönlichen Wahlmöglichkeiten behindert.

Viele dieser Frauen sind sozial konservativ, unterstützen das Militär und sind religiös -  und  dennoch ist ihr Verlangen nach Gleichheit gleich stark ausgeprägt wie bei jeder linken Vegetarierin in Birkenstock-Pantoffeln. Es ist diese Blindheit gegenüber diesen durchaus legitimen Zugang zu Feminismus, über den jene Kommentatoren ständig stolpern, die Frauen wie Margret Thatcher oder muslimische Frauen oder momentan rechtgerichtete Frauenführerinnen in den USA als irgendwie nicht „echt“ abtun wollen.  

Aber diese Frauen sind echte Feministinnen – auch wenn sie ihre politischen Präferenzen nicht mit der bereits anerkannten  „Schwesternschaft“ teilen und auch wenn sie für sich selbst das feministische Etikett ablehnen würden. Im Falle Palins  - und  erst recht im Falle Bachmanns – ignorieren wir die große Anziehungskraft des rechtsgerichteten Feminismus auf eigene Gefahr.

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