NEW HAVEN: Die USA haben ein klassisches multilaterales Handelsungleichgewicht. Sie weisen nicht nur gegenüber China ein großes Handelsdefizit auf, sondern haben auch noch in Bezug auf 87 weitere Länder Defizite. Ein multilaterales Defizit lässt sich nicht beheben, indem man eine seiner bilateralen Komponenten unter Druck setzt. Aber versuchen Sie mal, das dem wachsenden Chor jener Amerikaner beizubringen, die lautstark über China herziehen.
Amerikas enormes Handelsdefizit ist eine direkte Folge eines nie dagewesenen Ausfalls bei den inländischen Ersparnissen. Das breiteste und sinnvollste Maß der Fähigkeit eines Landes, Ersparnisse zu bilden, ist, was die Ökonomen als „nationale Nettosparquote“ bezeichnen – die kombinierten Ersparnisse der Bevölkerung, der Unternehmen und des Staates. Diese werden „netto“ gemessen, um die mit veraltenden oder nicht mehr benötigten Kapazitäten verbundenen Abschreibungen nicht mitzuberücksichtigen. Die Nettosparquote stellt eine Messgröße für die Ersparnisse dar, die zur Verfügung stehen, um eine Ausweitung des Kapitalstocks eines Landes zu finanzieren und so sein wirtschaftliches Wachstum aufrechtzuerhalten,
In den USA wird schlicht und einfach netto nicht mehr gespart. Seit dem vierten Quartal 2008 ist Amerikas nationale Nettosparquote negativ – was im scharfen Kontrast zu ihrem Durchschnittswert von 6,4% vom BIP der letzten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts steht. Noch nie in der neueren Geschichte hat die führende Wirtschaftsmacht der Welt einen Sparausfall von derart epischen Proportionen erlebt.
Doch die USA fanden einen Weg, dieses Problem trickreich zu überwinden. Indem sie das „exorbitante Privileg“ (Valéry Giscard d’Estaing) der Weltreservewährung ausnutzten, konnten sie überschüssige Ersparnisse aus dem Ausland zu sehr attraktiven Bedingungen leihen. Um ausländisches Kapital anzulocken, gingen sie enorme Zahlungs- bzw. Leistungsbilanzdefizite ein.
Die US-Leistungsbilanz, die zuletzt 1991 ausgeglichen war, wies 2006 ein Rekorddefizit von 801 Milliarden Dollar (6% vom BIP) auf. Dieses Defizit hat sich in den letzten Jahren verringert, doch dürfte diese Verbesserung größtenteils kaum mehr als die vorübergehenden Auswirkungen eines ungewöhnlich schwierigen Konjunkturverlaufs widerspiegeln.
An dieser Stelle nun kommt Amerikas multilaterales Handelsdefizit ins Spiel, denn dies bedingt seit langem den Großteil des US-Zahlungsbilanzdefizits. Volle 96% der kumulativen Leistungsbilanzdefizite seit dem Jahr 2000 entfallen darauf.
Und dies ist es, was das chinazentrierte Schwarzer-Peter-Spiel letztlich so absurd macht. Ohne die Wurzel des Problems in Angriff zu nehmen – Amerikas chronischen Ersparnisausfall –, ist es lächerlich, anzunehmen, dass es eine bilaterale Lösung für ein multilaterales Problem geben kann.
Doch dies ist genau, was Amerika nach Ansicht von US-Regierungsvertretern und vielen prominenten Ökonomen braucht. Aufgrund der weit verbreiteten Ansicht, dass das Handelsdefizit Druck auf die Arbeitsplätze und Reallöhne in den USA ausübt, findet das Ungleichgewicht beim Handel zwischen den USA und China in diesen Tagen der Angst besondere Beobachtung. Es stimmt schon, der größte Teil des multilateralen US- Handelsdefizits (2010 waren es 42% des Gesamtdefizits) entfällt auf China. Nur spielen bewusste Entscheidungen multinationaler US-Konzerne in Bezug auf Outsourcing und Lieferkettenmanagement eine wichtige Rolle dabei, Chinas Anteil in die Höhe zu schrauben – was freilich aus Sicht Washingtons wenig dazu beiträgt, China zu entlasten.
Langjährige Vorwürfe der Währungsmanipulation bieten jenes unbestreitbare Indiz, das nach Ansicht von US-Politikern beider Parteien die Verhängung hoher Zölle auf chinesische Exporte in die USA rechtfertigt (die sich 2010 auf insgesamt 365 Milliarden Dollar beliefen). Dies war genau die Begründung für den US-Senat, als er vor kurzem mit überwältigender Mehrheit die direkt auf China zielende „Currency Bill“ billigte.
Auch wenn es opportun sein mag, andere für Amerikas Probleme verantwortlich zu machen, ist es ökonomischer Unsinn, der eine schlechte Politik antreibt. In einer Ära endloser US-Haushaltsdefizite und eines chronischen Ausfalls der privaten Sparer ist Amerika auf absehbare Zeit dazu verurteilt, unterdurchschnittliche Ersparnisse und massive multilaterale Handelsdefizite zu durchleiden.
Wenn man dem Handel mit China einen Riegel vorschiebt, ohne sich gleichzeitig dem Ausfall an Ersparnissen zu widmen, ist das, als drücke man auf das eine Ende eines mit Wasser gefüllten Ballons. Der chinesische Teil des multilateralen US-Handelsdefizits wird sich einfach woanders hin verlagern – vermutlich in ein Land mit höheren Produktionskosten. Dies käme faktisch einer Steuererhöhung für die bereits jetzt überlasteten amerikanischen Familien gleich – nicht gerade die Lösung, die die amerikanische Politik verspricht.
Das soll nicht heißen, dass man wichtige Fragen beim US-chinesischen Handel ignorieren sollte; diese müssen in Angriff genommen werden. Hoch oben auf der Tagesordnung sollte z.B. – vor allem für die lahmende US-Wirtschaft, die neue Wachstumsquellen wie den Export braucht – die Frage des Marktzugangs stehen. Angesichts der Tatsache, dass China inzwischen Amerikas drittgrößter (und deutlich wachstumsstärkster) Exportmarkt ist, sollten die USA hart auf eine Ausweitung der sich ihnen in China bietenden Geschäftschancen drängen – insbesondere, weil die Binnennachfrage innerhalb der chinesischen Wirtschaft zunehmend an Gewicht gewinnt. Man sollte China als Chance betrachten, nicht als Bedrohung.
Zugleich sollte die US-Regierung der amerikanischen Öffentlichkeit über die Vorwürfe der chinesischen Währungsmanipulation und unfairen Handelspraktiken die Wahrheit sagen. Tatsächlich hat der Renminbi gegenüber dem US-Dollar seit Mitte 2005 um 30% aufgewertet. Bei breiter, multilateraler Betrachtung – ein deutlich sinnvollerer Maßstab, da er den Wert einer Währung anhand eines breiten Querschnitts seiner Handelspartner bemisst – liegt der „reale effektive“ Kurs des Renminbi gegenwärtig etwa 8% über dem Durchschnitt der letzten zwölf Jahre (1998-2010).
Es stimmt, dass China weiterhin enorme Devisenreserven anhäuft. Dies jedoch ist gleichermaßen das Ergebnis spekulativer Währungsinvestments und bewusster und völlig vernünftiger Bemühungen der chinesischen Politik, die Finanzstabilität weiter im Fokus zu behalten und die Währungsaufwertung auf allmähliche und geordnete Art und Weise zu managen.
Das China-Bashing in den USA spricht einen zerstörerischen Wandel innerhalb der amerikanischen Psyche an. Es lenkt von denen ab, die wirklich dafür verantwortlich sind, dass sich der größte Ersparnisausfall in der Geschichte fortsetzt. Die USA haben sich von der politischen Ökonomie eines falschen Wohlstands verführen alles. Diese Verführung hat es Amerika ermöglich, fast zwei Jahrzehnte lang über seine Verhältnisse zu leben. Jetzt ist das Spiel aus.
Der ultimative Charaktertest für eine Nation besteht darin, in Momenten großer Herausforderungen in sich hineinzusehen. Die in ihrem Schwarzer-Peter-Spiel befangenen USA tun das Gegenteil. Und das könnte sich durchaus als die größte Tragödie von allen erweisen. Schließlich sind Amerikas 88 Handelsdefizite nicht einfach vom Himmel gefallen.


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