Monday, October 20, 2014
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Was tun mit Amerikas Wachstumsproblem

BERKELEY – Die USA erholen sich weiterhin von dem schärfsten wirtschaftlichen Einbruch seit der Weltwirtschaftskrise, aber das Tempo der Erholung ist noch immer frustrierend langsam. Verschiedene Gründe sprechen für eine leichte Verbesserung 2013, obwohl es wie immer auch Abwärtsrisiken gibt.

Eine lange Rezession oder eine Finanzkrise in Europa und langsameres Wachstum in den Schwellenländern sind die wichtigsten externen Gründe für eine potenzielle Gefahr. Zuhause liegen die internen politischen Machtkämpfe an der Wurzel der beiden größten Risiken: keine Einigung zum Schuldenlimit und eine weitere Fiskalkontraktion, die das Wirtschaftswachstum einschränken.

Seit 2010 bedeutete das zögerliche jährliche Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von 2,1 Prozent nur einen schwachen Beschäftigungszuwachs. In dieser und den beiden vorherigen Erholungsphasen war der Beschäftigungszuwachs schwächer und fand später statt als die Erholung des Bruttoninlandsproduktes. Aber der Arbeitsplatzverlust in den jüngsten Rezessionen war zweimal höher als in den vorherigen Rezessionen, eine langsamere Erholung bedeutete also eine viel höhere Arbeitslosenrate für eine viel längere Zeit.

Eine schwache Gesamtnachfrage ist der Hauptschuldige für ein schwaches Wachstum von Bruttoinlandsprodukt und Beschäftigungszuwachs. Die Rezession von 2008 wurde durch eine Finanzkrise ausgelöst, nachdem eine durch Kredite angeheizte Immobilienblase platzte und den Immobilienmarkt dezimierte. Die private Nachfrage geht nach einer Krise diesen Ausmaßes stark zurück und erholt sich nur langsam. Die finanzielle Lage des privaten Sektors entwickelte sich von einem Defizit von 3,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes 2006, auf der Höhe des Booms, zu einem Überschuss von 6,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes 2010 und ungefähr 5 Prozent heute. Das ist die schärfste Kontraktion und die schwächste Erholung im Privatsektor seit Ende des zweiten Weltkrieges.

In zwei Teilbereichen der Privatnachfrage, Investition in Immobilien und Konsum, die mehr als 75 Prozent der Gesamtausgaben in der US-Wirtschaft betragen, war das Wachstum besonders langsam. Beide Nachfragequellen werden 2013 vermutlich anziehen.

Die Investition in Immobilien ist als Anteil des Bruttoinlandsproduktes noch immer auf einem historischen Tief aufgrund des Überschusses an Neubauten, der während des Booms zwischen 2003 und 2008 entstanden ist. Aber der Gegenwind auf dem Immobilienmarkt löst sich auf. Verkäufe von Immobilien, Preise und die Aufträge der Bauindustrie sind im vergangenen Jahr gestiegen, während die Zwangsvollstreckungen zurückgegangen sind. In diesem Jahr könnten die Investitionen in Immobilien eine Quelle für Produktions- und Arbeitsplatzwachstum sein.

Hohe Verluste bei den Finanzvermögen der Privathaushalte, die untragbare Schulden abbauen, in Kombination mit einem schwachen Lohnzuwachs und einem Rückgang beim Anteil der Arbeit am Nationaleinkommen auf ein historisches Tief belasten den privaten Konsum. Das durchschnittliche reale Einkommen der Privathaushalte ist immer noch 7 Prozent niedriger als 2007, als es auf dem Höhepunkt war. Der durchschnittliche reale Nettowert der Privathaushalte sank zwischen 2005 und 2010 um 35 Prozent (und liegt noch immer erheblich unter dem Höchststand vor der Rezession). Circa 90 Prozent des Einkommenszuwachses während der Erholung wurde im obersten 1 Prozent erzielt.

Es stimmt, die Bilanz-Gegenkräfte, die den Konsum geschwächt haben, haben nachgelassen. Die Haushalte haben ihre Schulden drastisch reduziert – durch schmerzhafte Zwangsvollstreckungen und Insolvenzen – und ihre Schuldenrate im Verhältnis zum Einkommen ist auf das Niveau von 2005 gesunken, erheblich niedriger als 2008. Unterstützt durch niedrige Zinssätze ist der Schuldendienst im Verhältnis zum Einkommen der Haushalte auf ein Niveau zurückgefallen, das es seit den frühen 80er Jahren nicht mehr gegeben hat. Aber der Verbrauch wird durch den Auslauf der Steuersenkungen für Arbeitgeber getroffen werden, wodurch das Einkommen der Haushalte dieses Jahr um circa 125 Milliarden sinken wird.

Ein anderer Faktor, der die Erholung drosselt, war ein schwaches Wachstum bei den Ausgaben der regionalen und lokalen Behörden und seit neuestem auch der Bundesregierung für Waren und Dienstleistungen. Seit Beginn der Rezession haben die regionalen und lokalen Behörden fast 600.000 Arbeitsplätze gekürzt und die Ausgaben für Infrastruktur um 20 Prozent zusammengestrichen.

Die fiskalischen Trends für 2013 sind gemischt, aber insgesamt negativ. Während die Ausgaben- und Arbeitsplatzkürzungen auf regionaler und lokaler Ebene mit steigenden Steuereinnahmen enden, verstärkt sich die kalte Progression auf Bundesebene. Das Gesetz, mit dem Anfang Januar eine Einigung zur Vermeidung der „Fiskalklippe“ erzielt wurde, der so genannte American Taxpayer Relief Act verringert das Defizit über die nächsten zehn Jahre um circa 750 Milliarden Dollar und könnte die Wachstumsrate für 2013 um einen Prozentpunkt verringern. Zudem sind – und darüber wird weniger gesprochen – erhebliche Kürzungen bei den Ausgaben des Bundeshaushaltes geplant, noch mehr sind wahrscheinlich.

Ausgabenkürzungen und Einnahmenzuwachs sind seit 2011 per Gesetz verankert und werden das Defizit über die nächsten zehn Jahre um 2,4 Billionen Dollar reduzieren, drei Viertel davon stammen aus den Ausgabenkürzungen, fast alle in Programmen, die nicht mit dem Verteidigungshaushalt in Verbindung stehen. Auf der Grundlage der aktuellen Wirtschaftsannahmen benötigen die USA circa 4 Billionen Dollar, um das Verhältnis zwischen Verschuldung und Bruttoinlandsprodukt über das kommende Jahrzehnt zu stabilisieren. Das ist bereits zu drei Fünfteln erreicht.

Das so genannte Sequester (die übergreifenden Ausgabenkürzungen, die im März beginnen sollen), würden das Defizit in diesem Jahr um weitere 100 Milliarden Dollar und im nächsten um 1,2 Billionen Dollar über das kommende Jahrzehnt verringern. Obwohl es das Verhältnis zwischen Verschuldung und Bruttoinlandsprodukt stabilisieren würde, wäre es ein Fehler, weil es keine Ausgabenprioritäten kennt und daher wichtige Programme gefährden und das Wachstum in diesem Jahr noch weiter verkleinern würde.

Trotz der Warnungen von Defizitalarmisten stehen die USA nicht unmittelbar vor einer Schuldenkrise. Zurzeit betragen die von der Öffentlichkeit gehaltenen Bundesschulden etwas mehr als 70 Prozent des Bruttoinlandsproduktes und sind damit so niedrig wie in den frühen 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Nach den schweren Finanzkrisen ist die Staatsverschuldung auf 86 Prozent gestiegen, so dass der Anstieg der Verschuldung des Bundeshaushalts zwischen 2008 und 2012 um 70 Prozent nicht verwunderlich ist.

Und auch nicht alarmierend. Die US-Wirtschaft ist nach dem Weltkrieg mehrere Jahre mit einem höheren Verschuldungsgrad im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt schnell gewachsen, und das Verhältnis heute ist niedriger als in allen anderen großen Industrieländern (und ungefähr die Hälfte von Griechenland, jedoch sind Vergleiche absurd und irreführend).

In den vergangenen beiden Jahren war Washington besessen von der Notwendigkeit, das Defizit zu verkürzen und den Verschuldungsgrad auf ein „nachhaltiges“ Niveau zu bringen, trotz der anhaltend hohen Nachfrage globaler Investoren nach US-Staatsanleihen, wodurch die Zinsen auf ein historisches Tief gedrückt wurden. Der beträchtliche Fortschritt, der bei der Reduzierung der Schulden über die kommenden zehn Jahre erzielt wurde, wurde übersehen. Auch übersehen wurden die unmittelbaren Probleme, die ein niedriges Wachstum, schwache Investitionen und eine hohe Arbeitslosenquote mit sich bringen.

Wir müssen uns neu orientieren. Die USA brauchen einen Plan für schnelleres Wachstum, nicht für mehr Defizitreduzierung. Für Evsey Domar, einen legendären Wachstumsökonomen (und einer meiner Professoren am MIT) war das Problem der Reduzierung der Schuldenlast im Wesentlichen ein Problem, wie Wachstum beim Nationaleinkommen zu erzielen sei. Wir sollten auf ihn hören.

Aus dem Englischen von Eva Göllner-Breust

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  1. Portrait of Pingfan Hong

    CommentedPingfan Hong

    "The US needs a plan for faster growth, not more deficit reduction" : this statement is misleading, as it misinterprets what is actually under the debate. Most analysts involved in the debate do not place the need for growth and the need for debt reduction as two competing goals on the two ends. Those who urge for debt reduction believe debt reduction is the precondition for higher growth. They are for higher growth.

  2. CommentedMargaret Bowker

    The US has entered the difficult stage of its recovery plan, paying back. But there are some helpful indicators. The November and December job creation figures were revised up and the January figure was steady. And the growth figure for the last quarter of 2012 was only a contraction of 0.025% which disappoints in comparison with the previous quarter. However, it is only slightly mirroring what is happening in the 0.3% contraction seen in the UK and Germany, also after satisfactory third quarters. The decks are cleared in the US for Budget issues to be carefully considered, now that the Debt Ceiling bill has gone through the Senate. Hopefully the Debt Ceiling will not be a problem in mid May, or in future. Hardly anyone else has this mechanism, with its far-reaching political ramifications. Laura Tyson makes a good case for protecting growth and mindful of the mini-contraction, others may also acknowledge its importance. This is the difficult stage of a fiscal/monetary plan, deciding where to cut, when it comes in, and how to ameleriorate its effects, by tapering perhaps. Europe is starting to consider growth issues to balance reduction in its long term budget and the UK is debating how to accelerate those measures already introduced. The focus is shifting in a responsible way.

  3. Commentedcaptainjohann Samuhanand

    USA is not recovering at all.Normal economics is not going to work here.It is basically politics. USA has wasted lot of money in Iraq/Afghanistan wars.Printing of dollars is not going to work with China slowly shifting to commodity trading.USA has to rethink on its Global role becuase it is the Greatest democracy world has ever known.The people of USA must learn to live within their means.

  4. CommentedProcyon Mukherjee

    Just when we thought we were moving towards early signs of growth, we stumbled on the last quarter data where growth has stalled in U.S.; the role of monetary policy seems to be overstated and more so when liquidity is never a problem now while that is what we are flooding the market with. It reminds one of the golden rule of money, one that was said by no other than John Stuart Mill, “"There cannot . .. ," he wrote, "be intrinsically a more insignificant thing, in the economy of society, than money; except in the character of a contrivance for sparing time and labor. It is a machine for doing quickly and commodiously, what would be done, though less quickly and commodiously, without it: and like many other kinds of machinery, it only exerts a distinct and independent influence of its own when it gets out of order". Milton Friedman on the other hand noted in his seminal article ‘The Role of Monetary Policy’, “that (1) It cannot peg interest rates for more than very limited periods; (2) It cannot peg the rate of unemployment for more than very limited periods.” We have therefore too much expectation bunched up for central banks to deliver, which they have very little in their armor to facilitate.

  5. CommentedPaul A. Myers

    Rightly or wrongly, the Republican attack on "spending" is aimed at the increasing share of GDP going to various cross-subsidy programs sponsored by government. There is a sense by many taxpayers that there is something "unfair" in this redistribution.

    I suspect the middle of the Democratic officeholder class in Washington is simply not going to support "spending" in the general sense.

    So the equilibrium political point in the US is now towards slow growth.

  6. CommentedMark Pitts

    The good profesora doth seek to mislead her readers: Global investors have not in fact “flocked to US government debt.”

    An amount roughly equal to the last three years’ total deficit has been purchased by the Federal Reserve, using their printing press. Thus, there has been essentially no new net investment in US debt by world investors for the last three years.

    And those global investors who appeared to “flock” to US Treasuries were actually “fleeing” from bonds issued in euros, understandable since it was a currency that many were predicting would cease to exit.

    The professor makes her assessments “based on current economic assumptions” meaning, no doubt, that we are soon to return to 3-4% growth. How else could she conclude that current deficits of around $1 trillion per year can be stabilized with cuts of $2.4 trillion spread over ten years?

    In any case, if the average interest rate on US debt increases by just 1.7% in the years ahead, that $2.4 trillion ten-year savings ($240 billion per year) goes to pay higher interest rates, and the deficit goes back up despite the cuts.

    And in ten years, the Medicare disaster will hit with full force, but let’s not even speak of that...

    Academic economists and government officials may find Ms. Tyson’s analysis convincing, but bond investors everywhere have their eyes on the door.

  7. CommentedZsolt Hermann

    The greatest challenge is to understand there there is no return to growth, at least not the way it happened so far.
    When we talk about "refocusing" it means to understand the root causes behind the crisis, or more precisely system failure instead of continuing with superficial, cosmetic adjustments.
    The present overconsumption, over production economic model is totally unnatural, thus it is unsustainable.
    People are not searching for, working for, paying for goods to satisfy natural, modern, human desires, but they are craving for artificial desires the sophisticated marketing machinery and the subsequent social pressure forces on them.
    Through multiple factors this illusion, this "Matrix" has come to an end, it is impossible to sustain. More and more people and nations are "disconnecting from the Matrix" for different reasons.
    The debt burden, the social inequality, the exhausted natural resources and environmental damage brought the whole present human system into a dead end.
    We cannot avoid looking into the mirror and accepting defeat.
    Accepting the inevitable now and starting to build a new system while we are still in a relatively healthy shape is much better than waiting for a total meltdown and then starting panic reactions.
    We cannot cheat nature and natural laws, we are part of the system not above it.
    It is time we wake up and adapt to the system before we are forced to do so.

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