Wednesday, April 16, 2014
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Amerikas G0-Moment

NEW YORK: Die Finanzkrise von 2008 markierte das Ende der Weltordnung , die wir kannten. Im Vorfeld des nun anstehenden G8-Gipfels lässt sich die Tatsache, dass die USA erstmals seit sieben Jahrzehnten nicht die internationale Agenda bestimmen oder bei allen der dringendsten aktuellen Probleme eine globale Führungsrolle übernehmen, unmöglich übersehen.

Tatsächlich haben die USA ihre Präsenz im Ausland zurückgefahren, indem sie sich geweigert haben, sich an der Rettung der Eurozone zu beteiligen, in Syrien einzugreifen oder (trotz starker israelischer Unterstützung) den iranischen Durchbruch in der Kernenergie gewaltsam einzudämmen. Präsident Barack Obama hat den Krieg im Irak offiziell beendet und zieht die amerikanischen Truppen in einem Tempo aus Afghanistan ab, das nur durch die Notwendigkeit, das Gesicht zu wahren, verzögert wird. Amerika ist dabei, seine Führungsrolle abzugeben – auch wenn weder ein anderes Land noch eine Gruppe von Ländern breit oder in der Lage sind, sie zu übernehmen.

Kurz gefasst: Die US-Außenpolitik mag aktiv wie eh und je sein, aber ihr Umfang verkleinert sich, und sie nimmt es genauer mit ihren Prioritäten. Infolgedessen dürften viele globale Herausforderungen – u.a. Klimawandel, Handel, knappe Ressourcen, internationale Sicherheit, Cyberkriegführung und die Verbreitung von Kernwaffen – zwangsläufig an Gewicht gewinnen.

Willkommen in der G0-Welt, einem turbulenteren, unsichereren Umfeld, in dem die Koordinierung weltpolitischer Probleme auf der Strecke bleibt. Paradoxerweise ist dieses neue Umfeld für die USA zwar erschreckend, aber weniger problematisch; tatsächlich bietet es ihnen neue Chancen, aus ihrer einzigartigen Position Kapital zu schlagen. Die G0-Welt ist für die USA nicht bloß schlecht – solange sie ihre Karten richtig ausspielen.

Viele den USA verbleibende Stärken gewinnen in einer derartigen Welt an Bedeutung. Amerika bleibt die einzige wahre Supermacht der Welt und ihre größte Volkswirtschaft – die noch immer mehr als doppelt so groß ist wie die Chinas. Seine Verteidigungsausgaben machen noch immer fast die Hälfte der weltweiten Gesamtausgaben aus und übersteigen die der nächsten 17 Länder zusammen. Der Dollar bleibt die globale Reservewährung, und die Tatsache, dass die Anleger jedes Mal, als die Krise seit 2008 einen neuen Höhepunkt erreichte, in US-Staatsanleihen flüchteten, unterstreicht den Status Amerikas als sicherer Hafen (selbst in Krisen, die Amerika verursacht hat).

Auch im Bereich des Unternehmertums, der Forschung und Entwicklung, der Hochschulbildung und der technologischen Innovation sind die USA weiter führend. Zudem sind sie inzwischen der weltgrößte Gasproduzent und Kalorie-Exporteur, was ihre Anfälligkeit gegenüber Preiserschütterungen oder Nahrungsmittelverknappungen verringert hat.

Kein anderes Land kann es mit Amerikas aufnehmen, was die Förderung von Rechtsstaatlichkeit, freiheitlich-demokratischer Ordnung, Transparenz und freiem Unternehmertum angeht. Während andere Länder diese Werte sicherlich unterstützen, waren bisher nur die USA bereit, gesund und groß genug, um ihre Durchsetzung zu gewährleisten. Falls Amerika also seine globale Führungsrolle einschränkt, wird es feststellen, dass es gefragter ist als bisher.

Man denke etwa an Asien. Angesichts der wachsenden Bedeutung Chinas und seines zunehmenden Einflusses in der Region sind seine Nachbarn bestrebt, ihre Beziehungen zu den USA zu vertiefen. Japan, Australien, Indonesien und Taiwan haben in letzter Zeit alle handels- und sicherheitsbezogene Übereinkommen mit den USA geschlossen. Selbst Burma ist an Bord gekommen und hat sein diplomatisches Engagement gegenüber den USA wieder aufgenommen, während es zugleich versucht, sich aus Chinas Schatten zu befreien.

Anders ausgedrückt: In einer G0-Welt macht ein zunehmend aggressives globales Umfeld die USA für Länder, die sich absichern möchten, nur um so attraktiver. Infolgedessen haben die USA nun Gelegenheit, stärker im eigenen Interesse zu handeln. Indem sie ihre Führungsrolle zurückfahren, können die USA ihre Opportunitätskosten abwägen, bevor sie tätig werden, und sich die Probleme und Umstände auszusuchen, die am besten passen. In diesem Umfeld erfordert eine Militärintervention in Libyen eben nicht dasselbe in Syrien.

In welchem Ausmaß die USA von den sich ihnen bietenden Chancen profitieren werden, bleibt abzuwarten. Tatsächlich stellen Amerikas kurzfristige Vorteile das größte Hindernis für seine langfristigen Perspektiven dar. Man kann das als den „Fluch des sicheren Hafens“ bezeichnen: Solange die USA in jedem Sturm der sicherste Hafen bleiben, sehen sie sich keinem unmittelbaren Druck ausgesetzt, ihre Schwächen in Angriff zu nehmen.

So werden die Anleger – trotz all ihres Händeringens über Amerikas Staatsschuld – den USA weiter Geld leihen. Langfristig jedoch muss die amerikanische Politik stetige Fortschritte dabei machen, das Vertrauen in die Gesundheit ihres Haushalts wiederherzustellen, indem sie politisch sakrosankte Programme wie Sozialversicherung, Medicare und Verteidigung zurückschneidet. Die Regierungsvertreter werden ihre kurzfristigen Motive und parteipolitischen Orthodoxien beiseitelassen müssen, um Amerikas alternde Infrastruktur zu stärken, seine Bildungs- und Einwanderungssysteme zu reformieren und eine langfristige Haushaltskonsolidierung zu verfolgen.

Amerikas Vorteile in der G0-Welt bieten ihm die Chance, in seine Zukunft zu investieren. Aber dieselben Vorteile ermöglichen es den USA, da sie das Land ausreichend gegen katastrophale Risiken abfedern, die Dinge auf die lange Bank zu schieben. Amerikas Politiker müssen die neue G0-Realität anerkennen und Amerikas nationale Quellen der Stärke wieder aufbauen, und sei es nur schrittweise. Wenn sie dies tun, werden die USA die Kraft und die Flexibilität aufweisen, die neue Weltordnung zu gestalten.

Amerikas politisches System funktioniert in Krisen normalerweise gut. Doch dank der ihm in einer führerlosen Welt verbleibenden Vorteile müssen sich die USA nicht darauf verlassen, dass eine Krise sie antreibt. Sie müssen den G0-Moment bloß ergreifen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

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  1. CommentedZsolt Hermann

    I would like to add some observations.
    What has started in 2008 is just the beginning and we still only scratching the tip of the iceberg, we are not in a crisis but in a system failure.
    The present socio-economic system, based on constant growth, expansion, and constant self calculation on the expense of others, has become self destructive since it is unsustainable in a closed, finite system, and we have passed the tipping point in 2008.
    Whatever happened since is just a series of desperate cosmetic adjustments, simply deepening the problem instead of solving it, like pumping a terminally ill patient full of morphine.
    What is happening now in Europe will appear in the US and other parts of the world very soon due to the inevitable natural laws governing our global, integral system.
    Since the US is the epitome of our excessive, overproduction, over consumption lifestyle that is collapsing, they will feel it possibly more than any other country.
    On the other hand the foundations, and resources of the US are good, thus there is good base to start recovery from, but only if they understand what went wrong and how we need to adapt to our global, interdependent conditions in order to recover.
    And it will be difficult because the new attitude humans need in relation to each other is totally opposite to how Americans viewed themselves and world for decades.
    Even in this article the writer is already analyzing how the US can use the global troubles ahead for their own purposes and benefit without any thought of others. This is impossible in our interconnected system.
    From now on each and every one of us need to take the whole system into consideration before individual or even national self calculations.
    The motivation to do so against our present thinking would come from the full understanding of our 21st century global, integral network, and how we fit into this network.
    Thus we need to take into consideration the countless of objective scientific data already surrounding us regarding this.
    Otherwise we do not stand a chance.

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