MÜNCHEN – Große Wirtschaftskrisen bringen oft legendäre Unternehmen ins Wanken. Das Medienimperium des Rupert Murdoch ist beispielhaft für einen modernen globalen Konzern. Ein besonders dynamisches und innovatives Geschäftsmodell kam vom anderen Ende der Welt und übernahm die Kontrolle über zentrale Aspekte des öffentlichen Lebens, erst in Großbritannien und dann in den USA. Durch den Skandal, der mit dem Abhören von Telefonen in Murdochs britischer Pressezentrale begann, wird dieses Modell nun bedroht.
Der Fall Murdoch ist ein Mikrokosmos der Funktionsweise moderner Globalisierung. Murdoch wurde immer als fremder Einfluss auf das Leben in Großbritannien gesehen. Nicht nur war er Australier, er brachte auch neue Ideen.
Insbesondere der Einsatz digitaler Technologien, eingeführt nach heftigen Kämpfen mit den mächtigen Druckereigewerkschaften, führte zu bedeutenden Kostensenkungen und ermöglichte eine neue Ära von Journalismus. Darüber hinaus stand Murdoch für ein Konzept des Familienunternehmens, das in vielen Teilen der Welt üblich ist, aber in Großbritannien und den Vereinigten Staaten relativ selten vorkommt.
Der Familienkapitalismus der kontinentaleuropäischen Ausprägung übt mit relativ wenig Kapital maximale Kontrolle aus. Er besteht oft auf sehr komplexen Unternehmensstrukturen mit vielen Firmenebenen und Vorzugsaktien, die den Machterhalt sichern.
Diese Art Unternehmen ist auch in den dynamischsten Entwicklungsländern Asiens und Lateinamerikas weit verbreitet. Die Murdoch-Familie hält lediglich 12% der Aktien des Dachkonzerns News Corporation, verfügt aber über zwei Fünftel der Stimmrechte. Weitere Stimmrechte liegen bei einem loyalen Saudi-Prinz.
Seit Jahrzehnten streiten Wissenschaftler, ob solche großen Familienunternehmen vorteilhaft sind. Ihre Verteidiger betonen, dass diese Firmen oft über eine viel langfristigere Vision verfügen als übliche Aktiengesellschaften, was ihnen lang andauernde und beständige Beziehungen zu ihren Kunden und Lieferanten ermöglicht.
Zumindest das Murdoch-Empire scheint tatsächlich dauerhafte und enge Beziehungen zu Politikern und auch der Polizei geführt zu haben. In der Tat sind politische Verflechtungen eine der beiden Schwachpunkte des europäisch strukturierten Familienkapitalismus, da die Eigentümer neben technischer Innovation auch immer politische Vorteile und bevorzugte Behandlung anstreben.
Murdochs Konzern war völlig von der Nähe zu Politikern abhängig. Rückblickend hatten drei britische Premierminister – Tony Blair, Gordon Brown und David Cameron – ein zu enges Verhältnis zu einem manipulativen Unternehmensführer. Cameron spricht nun von dem Bedarf nach “einer gesünderen Beziehung zwischen Politikern und Medienbesitzern”.. Und Murdoch wünscht sich anscheinend nun, dass all diese Premierminister ihn “in Ruhe lassen”..
Die zweite bekannte Schwäche von Familienunternehmen ist das Problem der Nachfolge. Bei seinem Auftritt vor dem britischen Parlament im Juli wirkte Rupert Murdoch wie ein alter Mann, zerstreut und fahrig. In Familienunternehmen der alten Schule gibt es eine klare Nachfolgeregel, der zufolge der älteste Sohn das Steuer übernimmt. Aber diese Regel wird zu Recht als potenziell dysfunktional erkannt. Offensichtlich gibt es keine Garantie dafür, dass der älteste Sohn der beste Geschäftsmann ist –wilde und bittere Geschwisterkämpfe können die Folge sein.
Mehrere Ehen und unterschiedliche Gruppen rivalisierender Nachkommen können solche Nachfolgestreitigkeiten noch verschärfen. Vor dem aktuellen Skandal wurde James, der jüngste von Murdochs drei Kindern aus seiner zweiten Ehe, allgemein als wahrscheinlichster Nachfolger seines Vaters angesehen.
Die Kompliziertheit moderner Ehen führt zu verstärkter Anspannung des Familienlebens, insbesondere wenn enorme Macht und große Summen Geldes im Spiel sind. Aus allen dreien von Murdochs Ehen gingen Kinder hervor, wobei diejenigen aus seiner momentanen Beziehung für eine mögliche Unternehmensnachfolge zu jung sind.
Zusätzlich können “Ersatzkinder” aus dem Management des Unternehmens die Nachfolgeplanung verkomplizieren. Dies war der Fall bei Rebekah Brooks, zu Beginn des Skandals Herausgeberin von The News of the World und danach Direktorin von News International war, Murdochs britischer Tochtergesellschaft. Streit zwischen den Kindern und den Ersatzkindern führt zu weiterer Spaltung des Konzerns.
Tatsächlich ist die Krise des Murdochschen Familienunternehmens weder ungewöhnlich noch neuartig. In der ersten Hälfte der 1990er Jahre betonten viele Beobachter des mutmaßlichen asiatischen Wirtschaftswunders das Vertrauen und die Fähigkeit der Familien, mit der politischen Klasse zu kooperieren und dadurch langfristige Wachstumspläne umzusetzen. Nach der Asienkrise 1997-1998 und der Auflösung autoritärer Regimes in Südkorea und Indonesien wurden diese Beziehungen plötzlich als korrupt und als Zeichen für “Kapitalismus durch Vetternwirtschaft” angesehen.
Der Arabische Frühling war größtenteils eine Bewegung gegen korrupten Familienkapitalismus, der nicht nur durch die regierenden Familien wie die Ben Alis, die Mubaraks und die Assads verkörpert wurde, sondern auch durch die großen Familienunternehmen, die von ihnen abhingen und sie unterstützten.
Im Zuge der Globalisierung konnten große Familienunternehmen ihre Größe und ihren räumlichen Einfluss steigern. Aber auch die Rückschläge aufgrund der Schwachstellen, Verletzlichkeiten und Fehler dieser Firmen wurden durch die Globalisierung verstärkt. Im Arabischen Frühling (und im britischen Sommer) kamen ihre Schwächen zutage – und vielleicht auch im US-amerikanischen Herbst, in dem nicht nur der Murdoch-Konzern, sondern auch sein Zusammenspiel mit der Politik betrachtet werden könnte.


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