Thursday, October 30, 2014
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Ethik und Landwirtschaft

MELBOURNE – Sollen reiche Länder – oder dort ansässige Investoren – Agrarland in Entwicklungsländern kaufen? Diese Frage wird in dem Bericht Transnational Land Deals for Agriculture in the Global Southaufgeworfen, der im vergangenen Jahr von der Land Matrix Partnership veröffentlicht wurde, einer Vereinigung aus europäischen Forschungsinstituten und Nichtregierungsorganisationen.

Aus dem Bericht geht hervor, dass private oder staatliche Investoren aus reichen Ländern oder Schwellenländern seit dem Jahr 2000 über 83 Millionen Hektar landwirtschaftliche Flächen in ärmeren Entwicklungsländern gekauft haben. Insgesamt umfassen diese Investitionsprojekte 1,7% des Agrarlandes weltweit.

Die meisten dieser Akquisitionen wurden in Afrika getätigt, wobei zwei Drittel in Ländern stattfinden, in denen Hunger weitverbreitet ist und Institutionen häufig schwach sind, mithilfe derer Rechtsansprüche auf Land formell zuerkannt werden könnten. Allein in Afrika ist Ackerland in einem Umfang gekauft worden, der der Fläche Kenias entspricht.

Es wurde behauptet, dass ausländische Investoren Land kaufen, das brach liegt und sich die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln somit insgesamt erhöhen würde, weil durch die Landkäufe ungenutzte Flächen erschlossen würden. Doch aus dem Bericht der Land Matrix Partnership geht hervor, dass das nicht der Fall ist: Etwa 45% der Akquisitionen betrafen Flächen, die bereits landwirtschaftlich genutzt wurden und fast ein Drittel des gekauften Landes war bewaldet, was darauf hindeutet, dass seine Erschließung mit Risiken für die Biodiversität verbunden sein könnte.

Die Investitionen erfolgen sowohl von privater als auch von öffentlicher Seite (etwa durch staatliche Unternehmen) und stammen aus drei unterschiedlichen Ländergruppen: Schwellenländer wie China, Indien, Brasilien, Südafrika, Malaysia und Südkorea; ölreiche Golfstaaten und wohlhabende entwickelte Volkswirtschaften wie die Vereinigten Staaten und mehrere europäische Länder. Das Pro-Kopf-Einkommen in den Ländern, aus denen diese Investitionen stammen, ist durchschnittlich viermal so hoch wie in den Ländern, in denen sie getätigt werden.

Die meisten Investitionen zielen darauf ab, Nahrungsmittel oder andere Nutzpflanzen für den Export aus den Ländern zu produzieren, in denen das Ackerland gekauft wird und zwar aus dem naheliegenden Grund, dass reichere Länder mehr für die Erträge bezahlen können. Über 40% derartiger Projekte sind bestrebt, Nahrungsmittel in das Land zu exportieren, das die Investitionen getätigt hat – was darauf schließen lässt, dass Ernährungssicherung ein Hauptgrund für die Landkäufe ist.

Oxfam International bezeichnet einige dieser Geschäfte als „Landgrabbing“: Die Investition in Pacht oder Kauf von Land, bei der Investoren die Rechte und Bedürfnisse ländlicher Bevölkerungsgruppen, die das Land bearbeiteten oder dort lebten, ignorieren. Aus dem Oxfam-Bericht Our Land, Our Livesgeht hervor, dass Gemeinschaften, die von Projekten der Weltbank betroffen waren seit 2008 in 21 Fällen formelle Beschwerde gegen Vorhaben eingereicht haben, die ihrer Ansicht nach gegen ihre Landrechte verstoßen. Oxfam hat die Aufmerksamkeit auf großflächige Land-Akquisitionen gelenkt, die unmittelbar mit Rechtsverletzungen verbunden waren und die Weltbank aufgefordert, Investitionen in Landgeschäfte auf Eis zu legen, bis sie Standards setzen kann, die dafür sorgen, dass lokale Gemeinschaften vorab informiert werden und die Möglichkeit haben, die Landkäufe abzulehnen. Oxfam fordert die Weltbank außerdem auf, dafür zu sorgen, dass diese Landgeschäfte weder die lokale noch die nationale Ernährungssicherheit bedrohen.

In ihrer Gegendarstellung stimmte die Weltbank darin überein, dass es zu Fällen von Missbrauch kommt, vor allem in regierungsschwachen Ländern, und erklärte, dass mehr Transparenz und eine inklusive Beteiligung im Fall von Landtransfers stattfinden sollten. Gleichzeitig verwies sie auf die Notwendigkeit die Nahrungsmittelproduktion zu erhöhen, um die zusätzlichen zwei Milliarden Menschen ernähren zu können, die voraussichtlich im Jahr 2050 auf der Erde leben werden und sprach sich für weitere Investitionen in die Landwirtschaft in Entwicklungsländern aus, um die Produktivität zu erhöhen. Ein Moratorium ihrer eigenen Arbeit mit Investoren in der Landwirtschaft lehnte die Weltbank mit der Begründung ab, dieses würde genau auf die Akteure abzielen, denen am ehesten daran gelegen sei, das Richtige zu tun.

Es stellt sich die Frage, ob Transparenz und die Bedingung, dass lokale Landbesitzer einem Verkauf zustimmen müssen ausreichen, um Menschen zu schützen, die in Armut leben. Die Befürworter des freien Marktes werden argumentieren, dass die Entscheidung, ob lokale Grundbesitzer ihr Land verkaufen wollen oder nicht ihnen überlassen sei.

Was ist notwendig, damit Menschen eine wirklich freie und informierte Entscheidung über den Verkauf von etwas so Wichtigem wie ihrem Recht auf Land treffen können, wenn man berücksichtigt, welchen Druck Armut erzeugt und welche Verlockung bares Geld darstellt? Wir lassen schließlich auch nicht zu, dass Arme ihre Nieren an den Höchstbietenden verkaufen.

Die Hardliner unter den Verfechtern des freien Marktes werden sagen, dass wir es zulassen sollten. Aber es muss doch zumindest erklärt werden, warum es verboten sein soll, dass Menschen ihre Niere verkaufen, nicht aber das Land, auf dem ihre Nahrungsmittel wachsen. Die meisten Menschen können ohne eine ihrer Nieren leben. Ohne Nahrung kann niemand leben.

Warum ist der Kauf von menschlichen Organen international geächtet, der Erwerb von Ackerland aber nicht – sogar wenn im Zuge dessen lokale Landbesitzer vertrieben und Nahrungsmittel für den Export in reiche Länder statt für den lokalen Verbrauch produziert werden?

Möglicherweise sorgt sich die Weltbank tatsächlich mehr um die Rechte lokaler Landbesitzer als andere ausländische Investoren. Wenn dem so sein sollte, sind die 21 Beschwerden gegen Projekte der Weltbank aller Wahrscheinlichkeit nach nur die sichtbare Spitze eines gigantischen Eisberges an Verstößen gegen die Landrechte, die auf das Konto ausländischer Investoren in Agrarprojekten in Entwicklungsländern gehen – die anderen bleiben unsichtbar, weil die Leidtragenden keinen Zugang zu Beschwerdeverfahren haben.

Ein solcher Fall ist dem Menschenrechtsausschuss der Vereinten Nationen nachträglich zur Kenntnis gelangt. Im November kam der Ausschuss zu dem Schluss, dass es Deutschland versäumt hat, die Neumann Kaffee Gruppe im Zusammenhang mit ihrer Beteiligung an der gewaltsamen Räumung mehrerer Dörfer in Uganda zur Verantwortung zu ziehen, durch die Platz für eine große Kaffeeplantage geschaffen wurde.

Aber die Vertreibung hat stattgefunden und die Dorfbewohner leben nach wie vor in extremer Armut. Sie haben weder in Uganda noch in Deutschland Möglichkeiten gefunden, gegen die Verletzung ihrer Rechte vorzugehen, die sie, so der Ausschuss, gemäß des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte besitzen, den Deutschland unterzeichnet hat. Ob wir davon ausgehen sollen, dass Landbesitzer mit chinesischen oder saudischen Investoren besser fahren?

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.

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  1. CommentedDallas Weaver, Ph.D.

    As usual, the devil is in the details. Some of these farms will dramatically increase the numbers of jobs available along with importing a lot of technology and knowledge for the local farmers.

    Keep in mind that "experimental farms" in the more developed countries have spread agriculture technology to the local farmers, but these aren't common in the areas discussed. These large farms will be hiring and training local people in what is required for highly productive modern farming, ranging from chemical analysis of the soils and corrections of that chemistry to modern irrigation and management practices.

    For many of these farms to do well, they must become involved in infrastructure improvement that will help everyone. The cost of these "support services" are factored into the economic analysis (cheaper land vs higher infrastructure costs) that would determine the project size. The minimum project size to justify upgrading a road or adding agricultural water distribution systems can be very large.

    The real questions are far more complex that presented in this article.

  2. CommentedJ St. Clair

    good article....now...fix the problem....the international community is robbing, no matter how much is paid, the country in which they are acquiring/taking/..for their portfolio's only

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