Boskin and Sinn
Die Universität als Herausforderung an Europa
Alberto Alesina and Francesco Giavazzi
Die Hochschulsysteme in den USA und in Kontinentaleuropa könnten nicht unterschiedlicher sein. Welches arbeitet besser? Die Antwort ist eindeutig: Auf lange Sicht das der Amerikaner.
Europas Universitäten gründen sich im Allgemeinen auf drei abwegige Prinzipien:
- Für die Hochschulausbildung kommt in erster Linie der Steuerzahler und nicht der Student auf;
- Berufungen erfolgen aufgrund von Verträgen mit der öffentlichen Hand und die Verfahren an den Universitäten werden oft zentralisiert und sind fast immer starr;
- Es besteht die Tendenz, die Gehälter der Lehrkräfte einander anzugleichen, das gleiche gilt für die Qualität der Lehre an den Universitäten.
Dieses Studiensystem ist angeblich egalitärer als das amerikanische, auf das viele Europäer als zu elitär herabsehen. In Wirklichkeit erzeugt das europäische System typischerweise weniger Forschung, schlechtere Studenten (besonders Promotionsstudenten) und ist wahrscheinlich sogar weniger egalitär als das US-System.
Den Steuerzahler die Kosten der Hochschulausbildung zahlen zu lassen ist tatsächlich eine Art der Umverteilung, aber eine, die in die falsche Richtung weist. Denn Nutznießer sind meistens die Kinder wohlhabender, europäischer Familien. Selbst wenn man es großzügig betrachtet, ist das Beste, was man dazu sagen kann, dass sich das System in Bezug auf die Umverteilung neutral verhält: Die Reicheren zahlen zwar mehr Steuern, nutzen aber auch mehr Universitätsdienstleistungen.
Abgesehen davon, dass es Europas Wohlhabende begünstigt, macht dieses System es den eigenfinanzierten, privaten Universitäten praktisch unmöglich, zu überleben. Tatsächlich besteht wohl das eigentliche Motiv für das freie, öffentliche Universitätssystem in Europa darin, das Monopol des Staates über das höhere Bildungswesen beizubehalten.
Betrachten Sie, stattdessen, das US-System: Die Studenten kommen für ihre Erziehung selbst auf und mit einem Teil der Unterrichtsgebühren der Studenten, finanzieren Universitäten Stipendien für begabte aber arme Studenten. Ein solches System ist mindestens ebenso ,,gerecht" wie das europäische Modell und wahrscheinlich gerechter als eins, bei dem die Steuerzahler jedem, auch den reichen das Studium bezahlen. Tatsächlich haben jüngste Vergleichsstudien der Bildungssysteme der USA und Italiens festgestellt, dass das Familieneinkommen für den Studienerfolg des Studenten (gemessen am später erzielten Einkommen) im ,,egalitären" Italien entscheidender ist, als im ,,elitären" Amerika.
Doch ist der Wettbewerb ebenso entscheidend für die Qualität einer Universität wie die Finanzierung; denn der Wettbewerb führt zu einem höheren Ansehen ihres Produktes. Dies gilt für das US-System, in dem öffentliche und private Universitäten gut nebeneinander auskommen. Die Universität Kaliforniens in Berkeley ist eine öffentliche Einrichtung, Stanford University, eine Stunde weiter südlich an der Küste, eine private. Beide gehören zu den besten Universitäten der USA. Der Wettbewerb zwischen ihnen funktioniert, weil sich beide um die besten Studenten bemühen und armen Studenten, die es verdienen, Stipendien anbieten.
Dagegen führt die zentralisierte und bürokratisierte Überwachung der Universitäten in Europa zur Mittelmäßigkeit. Berufungen an europäische Universitäten unterliegen oft einem komplexen bürokratischen Verfahren, an dem zahllose über das Land verstreute ,,Gutachter" beteiligt sind. Dieses Verfahren soll angeblich garantieren, dass nur die Besten berufen werden. In Wirklichkeit erleichtern es diese Gutachter den Eingeweihten eher, ihre Freunde zu berufen, als dass sie sicherstellen, dass die Bewerber nach ihrer Qualifikation in Forschung und Lehre eingestellt werden.
Einige Länder, nehmen Sie Frankreich, stellen ihr System um und reihen ein paar Akademiker aus anderen Ländern in die Berufungsausschüsse ein. Das ist offensichtlich ein Schritt in die richtige Richtung, wird aber wenig Erfolg bringen.
Die besten amerikanischen Universitäten regeln ihr Berufungsverfahren intern und beziehen sich auf Außenseiter nur, um die Forschungsqualität eines Bewerbers um eine Professur begutachten zu lassen. Dass die Berufungen möglichst gut ausfallen, dafür sorgt die Befürchtung, dass mittelmäßige Professoren es schwieriger machen, gute Studenten anzulocken und große Summen an Forschungsgeldern bewilligt zu bekommen.
Die Neigung in Europa, die Gehälter und Arbeitsbedingungen der Professoren und Forscher einander anzugleichen, mindert den Ansporn, sich für gute Leistungen in Forschung und Lehre besonders anzustrengen. Wenn der einzige Faktor, der über das Gehalt eines Professors bestimmt, die abgesessene Zeit ist, warum sollte er sich zusätzlich verausgaben, um Herausragendes zu leisten?
Natürlich ist es in erster Linie die Liebe zu Forschung und Lehre, die Viele bewegt, sich für eine Universitätslaufbahn zu entscheiden. Doch warum sollte man dieser edlen Gesinnung nicht noch durch einen entsprechenden finanziellen Anreiz hilfreich die Hand reichen? Niedrige Gehälter sind oft Teil eines verdeckten Tauschgeschäfts: wegen des geringen Entgelts schaut die Universitätsverwaltung über schlechte Leistungen in Forschung und Lehre hinweg. Mehr noch, wie können Universitätsdekane, wenn sie nur niedrige Gehälter zahlen, ihre Fakultätsmitglieder davon abhalten, das Land auf und ab nach einträglichen Beraterverträgen abzuklappern? Das Ergebnis ist schlechter Unterricht, lausige Forschungsarbeit, und häufige Abwesenheit der Professoren.
Die US-Universitäten setzen finanzielle Anreize und sehr unterschiedliche Arbeitsbedingungen für Professoren oft recht aggressiv ein, um gute Leistungen in Forschung und Lehre zu belohnen. Auch sorgt der private Charakter der Arbeitsverträge zwischen einer amerikanischen Universität und ihren Professoren für einen gesunden Wettbewerb um Begabungen und schafft einen flexiblen und wirksamen Markt für Wissenschaftler.
Das führt dazu, dass es nicht ungewöhnlich ist, dass ein heller, produktiver junger Professor in Amerika so viel, wenn nicht sogar mehr verdient als sein älterer und weniger produktiver Kollege. In Europa tun sich viel versprechende, junge Forscher oft schwer, sie müssen neben Forschung und Lehre noch dazuverdienen, während gestandene Professoren gute Gehälter beziehen.
Unter solchen Umständen sollte es niemanden verwundern, dass die amerikanischen Universitäten heutzutage zunehmend mit vielen der besten Gelehrten aus Europa besetzt werden. Was angesichts dieses Aderlasses an geistiger Kapazität überrascht, ist die Macht, mit der sich die Lobby der Universitätsprofessoren in Europa gegen Reform sperren kann.
Copyright: Project Syndicate, Januar 2003.
Aus dem Englischen von Dr. H. Böttiger
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