Thursday, April 24, 2014
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Nachbeben aus Japan

NEW HAVEN – Die Verwüstungen durch das Erdbeben und den Tsunami in Japan sind sowohl in menschlicher als auch in materieller Hinsicht unfassbar. Zu diesem Zeitpunkt ist es unmöglich, das volle Schadensausmaß auch nur annähernd zu beziffern. Dennoch kann mit einer Einschätzung der möglichen Auswirkungen auf Asien und andere große Volkswirtschaften der Welt begonnen werden 

Der beschränkte Blick auf die wirtschaftlichen Auswirkungen der Katastrophe zeigt, dass Japan in Wahrheit gar keine so große Rolle mehr spielt. Denn über 20 Jahre ungewöhnlich träge Wachstumstrends in der japanischen Produktion haben die inkrementelle Bedeutung des Landes für die Weltwirtschaft drastisch reduziert. Die Katastrophe führt vielleicht zu einigen unverhältnismäßigen Auswirkungen auf die Lieferketten in den Bereichen Automobil und Produktlinien der Informationstechnologie wie etwa bei USB-Sticks, aber diese Unterbrechungen werden wohl zeitweiligen Charakter haben.

Oberflächlich betrachtet haben die beiden größten Ökonomien der Welt wenig zu befürchten. Lediglich 5 Prozent der amerikanischen Exporte gehen nach Japan, für China beträgt dieser Wert 8 Prozent. Selbst im schlimmsten Fall einer vollständigen Unterbrechung der japanischen Wirtschaft wären die direkten Auswirkungen auf die Ökonomien der Vereinigten Staaten oder China gering -  und würden nicht mehr als ein paar Zehntelprozentpunkte ihrer jährlichen Wirtschaftswachstumsraten kosten.

Von den so genannten G-10-Industrieländern weist Australien das stärkste direkte Engagement in Japan auf -  etwa 19 Prozent seiner gesamten Exporte sind für dieses Land bestimmt. Am anderen Ende dieses Spektrums befindet sich die Eurozone, von deren Gesamtexporten weniger als 2 Prozent nach Japan gehen.

Unter den Schwellenländern haben die Philippinen und Indonesien die stärksten Handelsverbindungen nach Japan, wohin etwa 16 Prozent ihres gesamten Exportvolumens geht. Die drittgrößte Ökonomie in Ostasien, Südkorea, liegt am anderen Ende der Skala. Lediglich 6 Prozent seiner Exporte verlassen das Land in Richtung Japan.

Allerdings lässt dieser beschränkte Blick auf die wirtschaftlichen Verhältnisse, die alles entscheidende Überlegung außer Acht: Dieser „Japan-Schock“ ereignet sich nämlich nicht gerade in Zeiten großer wirtschaftlicher Stärke. Das gilt nicht nur für Japan selbst, wo seit den frühen 1990er Jahren zwei verlorene Jahrzehnte eine einst dynamische Volkswirtschaft auf einen Wachstumskurs von weniger als 1 Prozent zurückwarfen. Es gilt auch für die Weltwirtschaft insgesamt, die sich gerade erst von den Folgen der schlimmsten Finanzkrise und Rezession seit den 1930er Jahren zu erholen begann.

Außerdem ist der Japan-Schock nicht der einzige negative Faktor, der heutzutage eine Rolle spielt. Die Auswirkungen drastisch steigender Ölpreise und anhaltender Staatsschuldenprobleme in Europa sind ebenfalls sehr beunruhigend. Jeder dieser Schocks für sich allein kommt vielleicht nicht als der sprichwörtliche Tropfen infrage, der das Fass zum Überlaufen bringt, aber die Kombination und der Zusammenhang sind, gelinde gesagt, irritierend.

Dieser Zusammenhang ist von entscheidender Bedeutung. Trotz des euphorischen Wiederaufstiegs der globalen Aktienmärkte in den vergangenen zwei Jahren, bleibt die Weltwirtschaft fragil. Die Märkte scheinen vergessen zu haben, dass die Erholungsphasen nach dem Platzen einer Blase und einer Finanzkrise tendenziell anämisch verlaufen. Das Wachstum der Ökonomien vollzieht sich viel näher an ihrer Mindestgeschwindigkeit, wodurch es an der zyklischen „Fluchtgeschwindigkeit“ fehlt, die für eine selbsttragende Erholung nötig ist. Infolgedessen sind Ökonomien nach einer Krise weit anfälliger für Schocks und neigen auch viel stärker zu Rückfallen als dies sonst der Fall ist.

Leider besteht eine weitere Komplikation, aufgrund derer die heutigen Schocks noch beunruhigender sind: Staaten und Zentralbanken haben ihre traditionelle Munition verschossen, auf die sich in Zeiten wirtschaftlicher Zwänge lange verlassen hatten. Das gilt sowohl für Geld- als auch für die Fiskalpolitik – die beiden wichtigsten Stützen einer modernen antizyklischen Stabilisierung. Die Leitzinssätze liegen in den bedeutendsten Ökonomien der industrialisierten Welt nahe Null und gewaltige Haushaltsdefizite sind die Norm. Aus diesem Grund wurden unkonventionelle – und unerprobte – Strategien wie die so genannte „quantitative Lockerung“ große Mode unter den Zentralbankern.

Seit jeher wurden derartige unkonventionelle Strategien als vorübergehende Lösungen betrachtet. Man hoffte, dass sich die Bedingungen bald wieder auf Vorkrisen-Niveau eingependelt haben würden. Aber nachdem ein Schock dem anderen folgt, wird die „Exit-Strategie“ auf die lange Bank geschoben.

Ebenso wie es fast unmöglich ist, einen todkranken Patienten von seinen lebenserhaltenden Geräten zu trennen, können Ökonomien in der Phase nach einer Blase nicht ohne weiteres von ihrer gewohnten Dosis an Liquiditätsspritzen und Deficit Spending entwöhnt werden. In einer Zeit außergewöhnlich hoher Arbeitslosigkeit verschärft politischer Druck das Problem nur.  

Daraus ergibt sich die womöglich unerfreulichste Perspektive von allen: In einer Welt nach der Krise, die von einem Schock nach dem andern erschüttert wird, und angesichts von Zentralbanken ohne Spielraum zur Zinssenkung, fällt es nicht schwer, sich ein Szenario unbefristeter monetärer Expansion auszumalen, bei dem am Ende die Tränen fließen. Das gefürchtete inflationäre Endspiel zeichnet sich plötzlich als sehr reale Möglichkeit ab.

Der Faktor Belastbarkeit wird dadurch nicht vermindert. Ja, Japan wird der Wiederaufbau gelingen, der zweifellos irgendeine Art der Erholung in die von Katastrophen heimgesuchte Ökonomie bringen wird. Das geschah nach dem Hanshin-Beben (Kobe) im Jahr 1995 und es wird auch diesmal wieder stattfinden.

Aber der Wiederaufbau nach Kobe trug wenig dazu bei, das erste von Japans verlorenen Jahrzehnten zu beenden und mit einer ähnlichen Entwicklung kann auch diesmal gerechnet werden. Die Früchte des über die dringende Wiederherstellung normaler Lebensbedingungen für tausende Menschen hinausgehenden Wiederaufbaus stellen nur eine temporäre Linderung für die beeinträchtigte Wirtschaft dar.

Das ist nur eine der Lehren, die wir aus Japan ziehen können. Tatsächlich war Japan immer eine Art Vorreiter vieler ernsthafter Probleme, die der Weltwirtschaft in den letzten Jahren zusetzten. Angefangen von Vermögenspreisblasen und einem dysfunktionalen Finanzsystem über unterbewertete Währungen bis zu krassen Fehlschlägen in der Geldpolitik war Japan in vielerlei Hinsicht das Versuchslabor unserer Zukunft.   

Leider hat die Welt die Lehren aus Japan nicht gezogen. Und nun läuft man Gefahr, einen weiteren wichtigen Ansatz zu übersehen. Hinsichtlich der direkten Wirkung Japans auf die Weltwirtschaft ist die Bedeutung des Erdbebens und des Tsunamis des Jahres 2011 relativ gering. Wesentlich bedeutender ist die Frage, in welchem Ausmaß uns diese Schocks noch weiter in die Bredouille bringen.  

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