Der Nahe Osten ist eine Gegend, wo sich der Staub kaum jemals legt. Wenn dies gelegentlich doch der Fall ist, und sei es auch für noch so kurze Zeit– die UN-Resolution 1701 über das Ende der Kampfhandlungen im Libanon scheint zu halten – bietet sich die Gelegenheit, Bilanz zu ziehen, in der Hoffnung, dass eine verantwortungsvolle Debatte Einfluss auf die Mächtigen ausüben könnte.
Beginnen wir bei den Vereinigten Staaten. Präsident George W. Bush fehlte es weder an Initiativen noch an griffigen Slogans oder Kürzeln. In den letzten Jahren wimmelte es nur so davon: „Internationaler Krieg gegen den Terror“, „Roadmap”, „Middle East Partnership Initiative” (MEPI), „Broader Middle East and North Africa” (BMENA) – vormals „Greater Middle East Initiative” (GMEI) – „Democracy Assisted Dialogue (DAD) und so weiter. Seine jüngste Träumerei, der er mitten in den Kampfhandlungen zwischen Israel und der Hisbollah nachhing, war der „New Middle East“ (NME), ein Plan, der die amerikanischen Partner Israel, Ägypten, Jordanien und Saudi Arabien als Stützpfeiler einer regionalen Ordnung vorsieht.
Aber wie alle seine Initiativen seit den Terroranschlägen von New York und Washington vor fast fünf Jahren stand die NME-Initiative von Anfang an unter keinem guten Stern. Die amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice verkündete die Geburtsstunde der Initiative während sie sich gleichzeitig gegen einen sofortigen Waffenstillstand im Libanon aussprach. Diese schlechte Wahl des Zeitpunktes ließ die Initiative herzlos erscheinen, da gerade Tausende Zivilisten durch die effiziente, aber rücksichtslose israelische Artillerie und Luftwaffe vertrieben, getötet oder verstümmelt wurden.
Das brachte die drei arabischen NME-Partner derart in Verlegenheit, dass sich jeder beeilte, zu dieser von den USA lancierten Initiative auf Distanz zu gehen. Saudi Arabien, das beinahe zwei Wochen lang zu den Vorgängen schwieg, tat dies mittels einer 500-Millionen-Dollar-Zuwendung für den Wiederaufbau zerstörter Gebiete im Libanon und einer weiteren Milliarde zur Unterstützung der bedrohten libanesischen Währung.
Der mutmaßliche nächste Präsident Ägyptens Gamal Mubarak distanzierte sich in der vierten Kampfwoche, indem er eine 70-köpfige Delegation anführte, die sich zu einen Solidaritätsbesuch in Beirut einfand. Aber anstatt dafür Respekt von einer empörten ägyptischen Öffentlichkeit zu ernten, brachten ihm Enthüllungen in der oppositionellen Presse, wonach sein Flugzeug um eine sichere Flugroute und eine Landeerlaubnis bei den Israelis ansuchen musste, nur Spott und Hohn ein. Alles was Amerika im Nahen und Mittleren Osten anfasst ist radioaktiv, sogar für langjährige Partner und Verbündete.
Im Laufe ihrer Bemühungen, den UN-Waffenstillstand hinauszuzögern, wiederholten Bush und Rice ständig die Erfordernis einer Resolution des Sicherheitsrates, die sich konsequent den „Wurzeln des Problems“ widmet. Für die beiden und für Israel ist dies natürlich die Hisbollah und die Notwendigkeit sie zu eliminieren oder zumindest zu entwaffnen und ihre Kämpfer in sicherer Entfernung von Orten und Städten in Nordisrael zu halten.
Das ist ein legitimes Anliegen, aber der Rest des Nahen Ostens – und eigentlich große Teile der Welt, einschließlich Europa – betrachten die israelische Unnachgiebigkeit und Arroganz sowie Amerikas blinde Unterstützung dieses Landes als die Wurzel des Problems. Sowohl Amerika als auch Israel haben die Verzögerungstaktik bei der Umsetzung der UN-Resolution 1559 ins Treffen geführt, die eine Entwaffnung aller nicht-staatlichen Akteure im Libanon und die Entsendung von Regierungstruppen an die Südgrenze des Landes fordert. Über Dutzende andere UNO-Resolutionen haben die USA und Israel über all die Jahre allerdings nie ein Wort verloren. Das geht zurück bis zu Resolution 49 aus dem Jahr 1947 über die Teilung Palästinas, welche die Gründung eines arabischen und eines jüdischen Staates ungefähr entlang der Mittellinie des Mandatsgebietes Palästina forderte.
Diese und zahlreiche andere Resolutionen, in denen man sich um die Beseitigung von Ungerechtigkeiten gegenüber den Palästinensern bemüht, wurden von den USA ignoriert. Für 300 Millionen Araber und mehr als eine halbe Milliarde Muslime ist die „Wurzel des Problems“ im Nahostkonflikt nicht die Hisbollah. Ihr Chef, Hassan Nasrallah, hat dazu treffend bemerkt: „Wir sind nur eine Reaktion auf chronische Ungerechtigkeit.“
Es könnte sein, dass es mehr als nur eine Wurzel des Problems gibt – jede Konfliktpartei hat ihre eigene Lieblingswurzel. Es hat keinen Sinn, darauf herumzureiten, wessen Leiden größer oder wessen Wurzel des Problems tiefer liegt. Eine Debatte über den jeweiligen Kummer treibt die beiden Seiten nur noch weiter auseinander.
Die lang überfällige UNO-Resolution 1701 könnte darauf hindeuten, dass alle Seiten erschöpft sind oder dem internationalen Druck nicht länger standhalten konnten. Das ist eine gute Nachricht für alle Beteiligten und sie bietet eine Gelegenheit, sich der „Wurzel des Problems“ jeder Konfliktpartei anzunehmen.
Um diese Chance wahrzunehmen, muss Demut vor moralischer Überlegenheit kommen. Einfühlungsvermögen und nicht Ethnozentrismus sollte das Gebot der Stunde sein, nun, da die Waffen schweigen und wir erneut die Grenzen militärischer Macht vor Augen geführt bekamen.
Wenn wir allerdings überhaupt etwas aus den tragischen Morden an den größten Friedensstiftern der Region, Anwar Sadat und Yitzhak Rabin gelernt haben, dann, dass die Waffen nicht lange schweigen. In jeder Kampfpause könnte ein Fanatiker durch einen Wahnsinnsakt den sich legenden Staub wieder aufwirbeln und damit die Hoffnungen vieler Menschen auf beiden Seiten zerschlagen, die sich immer noch nach dauerhaftem Frieden sehnen.


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