Wednesday, October 1, 2014
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Nach dem goldenen Zeitalter der Finanzwirtschaft

LONDON – Auch nachdem in den Vereinigten Staaten ein neues Gesetz zur Regulierung des Finanzmarkts, der Dodd-Frank Act, verabschiedet wurde und die neuen Kapitalanforderungen des Baseler Ausschusses veröffentlicht wurden, bleiben die Aussichten des Finanzsektors für die nächsten Jahre äußerst ungewiss. Bei den Preisen für Bankaktien hat es im Vergleich zu den Tiefständen 2008 eine gewisse Erholung gegeben, aber dieser Aufschwung geriet vor kurzem ins Stocken. Ganz abgesehen von ihren Bedenken hinsichtlich der Stabilität der Wirtschaftserholung, sind die Anleger unsicher, was die Geschäftsmodelle vieler Finanzunternehmen sowie die zukünftige Größe, Form und Rentabilität des Finanzsektors im Allgemeinen angeht.

Schließlich sind Banken in allen Industrieländern nach wie vor äußerst unbeliebt. Banker werden immer noch sozial geächtet und genießen in der Öffentlichkeit ein so schlechtes Ansehen wie Drogendealer oder Journalisten. Sie werden verunglimpft, wenn sie Geld verlieren, und angegriffen, wenn sie welches erwirtschaften. Für Banken und ihre Aktionäre scheint zu gelten „bei Kopf gewinnen sie, bei Zahl verlieren wir.“ Folglich reden die Politiker in Nordamerika und Europa nun, wo die Banken wieder Gewinne verzeichnen, über neue Steuern, die diese Gewinne zugunsten der Steuerzahler abschöpfen würden, denn auf dem Höhepunkt der Krise rettete ihre Unterstützung die Banken vor dem Bankrott.

Der Gegensatz zur Lage des Finanzsektors in den drei Jahrzehnten davor ist gewaltig. Seit dem Ende der 1970er Jahre bis 2007 wuchs der Finanzsektor wesentlich schneller als die Realwirtschaft. 1980 machten Finanzanlagen – Aktien, Anleihen und Bankeinlagen – in den Industrieländern insgesamt etwa 100 % des BIP aus. Bis 2007 erreichte diese Ziffer in den USA, dem Vereinigten Königreich und Japan über 400 %.

In dieser Zeitspanne erhöhte sich der Anteil von Krediten am BIP rasch und erreichte einen Spitzenwert von über 300 %. Im Vereinigten Königreich kletterten die Gewinne von Finanzintermediären, die in den 70er Jahren durchschnittlich etwa 1,5 % der gesamtwirtschaftlichen Profite ausmachten, im Jahr 2008 auf 15 %. In den USA hatten die Gewinne der Banken einen noch größeren Anteil an der Gesamtwirtschaft.

Es war das goldene Zeitalter der Finanzwirtschaft. Die Bezahlung der Banker schoss mit den Profiten in die Höhe – eigentlich stieg sie sogar noch schneller. Um William Wordsworth frei wiederzugeben: Eine Wonne war’s, jene Morgendämmerung zu erleben, und Derivatehändler zu sein, war der Himmel selbst. Doch kam die Expansion 2008 zu einem jähen Ende. Nach mehreren Jahrzehnten war es das erste Jahr, in dem Finanzanlagen insgesamt fielen, und es gibt immer noch keine Anzeichen für eine dauerhafte Erholung.

Handelt es sich um ein kurzfristiges Phänomen? Wird der Finanzsektor zu den Wachstumsraten vor der Krise zurückkehren, wenn die wirtschaftliche Situation vollkommen stabilisiert ist? Wird die „Vertiefung“ des Finanzmarkts weitergehen? Werden Bankenaktien wieder den Markt übertreffen?

Eine jüngere Studie von Andy Haldane und anderen von der Bank of England lässt Zweifel aufkommen, was die Aussicht auf eine Rückkehr zum alten Status quo angeht. Sie merken an, dass es sich beim goldenen Zeitalter tatsächlich um eine ungewöhnliche Phase handelte, wenn man sich die Wirtschaftsgeschichte der letzten beiden Jahrhunderte ansieht.

Haldane begründet seine Analyse mit dem Trend in der Bruttowertschöpfung (BWS) des Finanzsektors. In den letzten 160 Jahren ist die BWS in der Finanzwirtschaft zwei Prozentpunkte pro Jahr schneller gewachsen als die der Wirtschaft insgesamt. Doch war dieses übermäßige Wachstum nicht gleichmäßig verteilt. In den zwei Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg wuchs der Finanzsektor im ersten Schub der Finanzmarktvertiefung und Globalisierung nahezu viermal so schnell wie die Wirtschaft, von 1918 bis in die 1970er Jahre hinein expandierte die Finanzwirtschaft hingegen langsamer, als die Wirtschaft durchschnittlich wuchs.

Erst als die Märkte seit dem Anfang der 70er Jahre dereguliert und liberalisiert wurden, machte die Finanzwirtschaft einen weiteren Satz nach vorn. In den USA betrug die BWS im Finanzsektor in den 1950er Jahren lediglich 2 % der Gesamtwertschöpfung, heute liegt sie dagegen bei 8 %.

Haldane glaubt, dieser Wachstumsschub sei nun ein für allemal vorbei. Er behauptet, bei einem großen Teil des augenscheinlichen Wertschöpfungswachstums handele es sich tatsächlich nur um Scheingewinne, die auf einer erhöhten Leverage und exzessivem Handel beruhen sowie darauf, dass die Banken tiefe Aus-dem-Geld-Optionen schrieben, z. B. Credit Default Swaps (mit einem Marktvolumen von 60 Billionen US-Dollar in 2007). „Alle Strategien hatten eins gemeinsam“, schreibt Haldane, „die Banken nahmen Risiken auf sich, um höheren Renditen hinterherzujagen – Risiken, die häufig versteckt waren, da sie am Ende der Renditeverteilung geparkt worden waren.

Aus Sicht der Regulierungsbehörden ist dies ein schlagendes Argument für höhere Kapitalanforderungen, um damit das Risiko zu begrenzen, das Banken eingehen können. Tatsächlich plant der Baseler Ausschuss, in Zukunft mehr Kapital zu verlangen, obwohl die neuen Vorschriften hinausgezögert werden, da es Bedenken hinsichtlich der Kosten und Verfügbarkeit von Krediten gibt, die benötigt werden, um den Aufschwung aufrechtzuerhalten.

Vor diesem Hintergrund fällt es schwer zu glauben, dass wir bei Finanzanlagen, Krediten und Risiken schnell wieder zu dem berauschenden Wachstum zurückkehren werden, das wir von den 70er Jahren bis 2007 erlebt haben. Wahrscheinlich ist, dass die Erträge im Finanzsektor geringer ausfallen werden. Renditevorgaben von 20 % gehören der Vergangenheit an. Zudem wird die geringere Rentabilität die Bezahlung wirksamer verringern als jede direkte Kontrolle durch eine Regulierungsbehörde.

Für die meisten von uns sind dies vielleicht gar keine so schlechten Aussichten, es sei denn, man ist weiterhin stark mit Finanzwerten überladen. Wir wollen keine weitere Spekulationsblase aufpumpen, die so groß ist wie die, die 2007-2008 platzte. Doch gibt es ein Risiko für die Regulierungsbehörden und Zentralbanken. Wenn sie den Finanzsektor zu sehr einschränken, könnten die Risiken in nicht regulierte Bereiche abwandern, wo sie schwieriger zu messen und zu überwachen sind.

Deshalb ist es wichtig, ein gewisses Maß an Flexibilität beizubehalten, damit derzeit nicht regulierte Einrichtungen wie Hedgefonds und Private-Equity-Fonds in das regulatorische Netz gespült werden können, wenn sie zu groß und systemwichtig werden. Je strenger ihre Risikokontrollen für Banken, desto mehr Überwachungspersonal brauchen die Regulierungsbehörden.

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