Die durch Schwindel erregende Arbeitslosigkeit und eine Null-Toleranz-Politik seitens der Behörden geschürte Gewalt in Frankreich reflektiert das klägliche Versagen des französischen Modells der sozialen Integration. Gewalttaten andernorts in Europa, so etwa die Bombenanschläge vom Juli in London und die brutale Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh in den Straßen von Amsterdam im November 2004, hatten das Scheitern Europas bei der Integration seiner Minderheiten bereits schmerzhaft verdeutlicht.
Während die Unruhen in Frankreich abebben, zerbrechen sich französische Politiker den Kopf darüber, wie es weitergehen soll. Vor vierzig Jahren, als die gesetzliche Rassentrennung zwischen Schwarzen und Weißen in Amerika formal endete, standen die Vereinigten Staaten vor ähnlichen Problemen. Amerikas Antwort zeigt indes, dass Integration nicht als Einbahnstraße gesehen werden kann. Abgesehen von der an Auflagen geknüpften Aufforderung an die Minderheiten, sich in den Mainstream einzugliedern, muss die Gesellschaft bereit sein, von sich selbst zu verlangen, Raum für all ihre Bürger zu schaffen.
Als ein Modell, dem es folgen könnte, sollte Europa sich mit den so genannten “Affirmative Action”-Richtlinien befassen, die Amerika erlassen hat, um Schwarzen Möglichkeiten zu eröffnen. Diese Förderungsmaßnahmen zu Gunsten von Minderheiten oder “positive Diskriminierung”, wie diese Richtlinien von manchen genannt wurden, nahmen ihren Anfang mit Universitätszulassungen. Anfang der Siebzigerjahre wurde der Umfang der Affirmative Action jedoch von Präsident Richard Nixon erweitert.
Dies hatte zur Folge, dass Ethnizität nicht nur bei Universitätszulassungen begann, als positiver Faktor zu gelten, sondern auch bei Entscheidungen im öffentlichen Beschaffungswesen, bei Krediteinräumungen für Kleinbetriebe und bei der Einstellung von Regierungspersonal. Der Gedanke, der damals hinter Affirmative Action stand, war die Tatsache, dass das gesetzliche Verbot von Diskriminierung basierend auf Rasse oder Geschlecht nach einer langen Vergangenheit der systematischen Ungerechtigkeit allein nicht ausreichen würde, um gleiche Möglichkeiten für alle zu gewährleisten.
Solche Programme werden häufig als Widerspruch zu einem grundlegenden amerikanischen Wert gesehen, nämlich dass Zulassungen, Kreditvergabe und Personalentscheidungen auf den Leistungen des Einzelnen basieren sollten und nicht auf Gruppenunterschieden. Doch auch dreißig Jahre später haben sie Bestand. Führende amerikanische Unternehmen wie General Motors, General Electric und Walmart haben sogar aus eigenem Antrieb Affirmative Action-Programme für die Einstellung von Personal und die Auswahl von Zulieferern entwickelt.
So sind auch in den amerikanischen Nachrichtenprogrammen im Fernsehen Nachrichtensprecher und -sprecherinnen jeglicher ethnischen Herkunft vertreten. In Frankreich hingegen sorgte schon allein die Einsetzung der schwarzen Nachrichtensprecherin Audrey Pulvar für Schlagzeilen, da die meisten ihrer Kollegen in Frankreich weiß sind.
Affirmative Action in den USA hat erfolgreich eine große afroamerikanische Mittelklasse geschaffen. Der Prozentsatz schwarzer Haushalte mit einem Einkommen über 50.000 US-Dollar pro Jahr (inflationsbereinigt) hat sich im Verlauf der vergangenen vierzig Jahre mehr als verdreifacht, von 9,1% im Jahr 1967 auf 27,8% im Jahr 2001.
In den USA haben mehr Farbige und Frauen Spitzenjobs im öffentlichen und privaten Sektor als irgendwo sonst auf der Welt. Die Tatsache, dass es auch weiterhin eine große schwarze Unterschicht gibt – etwas, das die kürzlichen Überschwemmungen in New Orleans auf entsetzlich dramatische Weise offenbarten – ist in erster Linie auf versagende Schulsysteme zurückzuführen.
Natürlich sind Affirmative Action-Programme seit jeher anfällig für Angriffe derer, die nicht von ihnen profitieren können. Im Jahr 2003 ersuchte ein weißer Student das Oberste Bundesgericht zu erklären, dass der Faktor Rassenzugehörigkeit im Zulassungsverfahren der Universität von Michigan gegen den Paragraphen im vierzehnten Zusatz zur amerikanischen Verfassung verstößt, der Gleichheit vor dem Gesetz gewährt.
Das Oberste Bundesgericht entschied jedoch die Gesetzmäßigkeit des Programms und führte ein “zwingendes Interesse des Staates” an der Vielfalt der Rassen an. “Eine erfolgreiche Teilnahme von Mitgliedern aller Rassen und ethnischen Gruppen am bürgerlichen Leben unserer Nation”, so das Gericht, “ist unverzichtbar, wenn der Traum einer Nation, unteilbar, wahr werden soll.”
Bei seiner Entscheidungsfindung berücksichtigte der Oberste Gerichtshof einen von 60 großen amerikanischen Unternehmen, angeführt von General Motors, eingereichten Schriftsatz, in dem diese um die Beibehaltung der Affirmative Action ersuchten. Sie argumentierten, dass die Fähigkeiten, die auf dem globalen Markt unserer Tage benötigt werden, nur durch den Kontakt mit einer großen Vielfalt von Menschen entwickelt werden können. Pensionierte Offiziere und Kommandeure der Armee sagten vor Gericht, dass Affirmative Action unverzichtbar sei, um ein Offizierkorps ohne Rassentrennung beizubehalten.
Was Amerikas Affirmative Action-Programme nicht dürfen, ist Quoten für Minderheiten festzulegen, da dies den Wettbewerb zwischen verschiedenen Gruppen verhindert. Beim Vergleich von Gruppen ist es jedoch gestattet, den Status eines Einzelnen als Mitglied einer unterrepräsentierten Minderheit zu seinen oder ihren Gunsten zu verwenden. Demzufolge kann sich eine Universität für einen schwarzen Studenten mit einem befriedigenden Ergebnis im Zulassungstest entscheiden, auch wenn es einen weißen Studenten mit einem besseren Ergebnis gibt.
Vom aktuellen französischen Standpunkt aus werden Gesetze und Regelungen basierend auf der Ethnizität als unwillkommener Eingriff in das republikanische Ideal gewertet. Aus Angst, dass eine solche Politik Gruppen stigmatisieren würde, lehnt der französische Präsident Jacques Chirac Quoten für Immigranten vehement ab. Und französische Firmen betrachten es nicht als ihre Aufgabe, die Probleme der Vororte zu lösen.
Hinzukommt, dass der französische Innenminister Nicolas Sarkozy, außer den begabtesten Immigranten aus den Vororten einige Sonderstipendien zu gewähren, wenig unternommen hat. Es gibt Affirmative Action-Programme in Frankreich, aber diese sind der Armut gewidmet, nicht der Ethnizität.
Wenn es europäischen Politikern ernst damit ist, einer Spaltung zwischen Bevölkerungsgruppen zuvorzukommen, sind Maßnahmen zur Förderung von Minderheiten unverzichtbar – nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch bei Darlehen für Kleinbetriebe, im öffentlichen Beschaffungswesen und bei Schulzulassungen. Tony Blair, der im Juli mit den Versäumnissen bei der Integration in Großbritannien konfrontiert wurde, sollte die aktuelle Präsidentschaft seines Landes in der Europäischen Union nutzen, um Affirmative Action-Programme zur obersten Priorität beim Gipfeltreffen der europäischen Regierungschefs in Brüssel im kommenden Monat zu erklären.


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