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Anpassen oder sterben

MAILAND – In rasch wachsenden Schwellenmärkten sorgt eine Mischung aus internen wirtschaftlichen Kräften, unterstützenden Maßnahmen und Veränderungen der Weltwirtschaft für einen raschen und weit reichenden Wandel. Die Umgestaltung wirtschaftlicher Strukturen passiert so schnell, dass sie praktisch nicht zu übersehen ist – trotz der zeitweise verwirrenden Komplexität des Wandels.  

In diesem sich ständig verändernden Umfeld werden häufig Fehler gemacht. Der wohl gravierendste ist, zu lange an einer erfolgreichen Wachstumsstrategie festzuhalten (an einer Kombination aus komparativem Vorteil und unterstützenden Maßnahmen). Im handelbaren Sektor einer Volkswirtschaft verlagert sich der komparative Vorteil ständig, wodurch es zu strukturellen Veränderungen und schöpferischer Zerstörung kommt. Länder, die sich am Übergang von einem armen hin zu einem Land mittleren Einkommens befinden, versuchen häufig, diese Veränderungen aufzuhalten. Allerdings führt dies zu einer Verlangsamung, wenn nicht gar zu einem völligen Erliegen des Wachstums.

Obwohl der private Sektor (im In- und Ausland) diese Veränderungen vorantreibt, spielen staatliche Strategien und Investitionsmuster des öffentlichen Sektors eine entscheidende unterstützende oder ergänzende Rolle. Auch hier sind Anpassungen nötig. Das erwiesenermaßen beste politische Rahmenwerk für die wichtigsten Schwellenökonomien konzentriert sich nicht nur auf makroökonomische und geldpolitische Stabilität, sondern auch auf Anpassung, die von einer vorausschauenden (wiewohl von Natur aus unvollkommenen) Beurteilung bevorstehender mikro- und makroökonomischer Strukturveränderungen sowie der dafür nötigen unterstützenden Maßnahmen geleitet ist.

Wie ist das nun mit den großen Industrieländern? Aus historischen Gründen ist die politische Denkweise weniger flexibel und an Anpassung orientiert. Strukturwandel wird hauptsächlich als die Domäne des privaten Sektors betrachtet und daher nicht als wichtiger Teil langfristiger politisch-strategischer Überlegungen. Von der Nachkriegszeit  bis in die jüngere Vergangenheit beherrschten die Industrieländer die Weltwirtschaft. Die Schwellenländer übten relativ geringen Einfluss auf sie aus und auf die raschen strukturellen Veränderungen in der Weltwirtschaft müssen sie erst noch angemessen reagieren.

Ein kleines Beispiel: Erst am 8. Juli, nach der Veröffentlichung des jüngsten enttäuschenden Beschäftigungsberichts der USA, äußerte Präsident Barack Obama die weit verbreitete Ansicht, wonach eine Einigung bezüglich Schuldenobergrenze und Defizitreduktion jene Ungewissheit beseitigen würde, die momentan Investitionen, Wachstum und Beschäftigung behindert. Mit anderen Worten: Amerikas Fiskalprobleme erklären seine extrem schwache wirtschaftliche Erholung. Gibt es erst einmal eine haushaltspolitische Einigung, kann sich der Staat zurückziehen und den privaten Sektor jene strukturellen Verändern vorantreiben lassen, die nötig sind, um das Muster eines inklusiven Wachstums wiederherzustellen.

Fairerweise ist festzustellen, dass es auch andere Haltungen gibt. In den USA schuf eine Nachkriegsallianz aus Staat, Wirtschaft und Wissenschaft die aus Humankapital und Technologie bestehende Grundlage für eine dynamische Wirtschaft. Verstärkt wurde diese Entwicklung durch das Engagement für wissenschaftliche und technologische Exzellenz und Innovation nach dem Sputnik-Start. In Deutschland erwiesen sich die Reformen nach dem Jahr 2000, mit denen Produktivität, Flexibilität und Wettbewerbsfähigkeit wieder hergestellt wurden, als entscheidend für die gegenwärtige wirtschaftliche Stärke und Belastbarkeit des Landes.  

Trotz dieser Beispiele scheinen Wirtschafts- und Finanzkommentatoren angesichts der schwachen Erholung in den USA, mit bescheidenem BIP-Wachstum und mageren Beschäftigungszuwächsen, zunehmend ratlos. Wachstumsschätzungen seit der Krise 2008 wurden mehrmals nach unten korrigiert.  

Das politische Narrativ läuft in die gleiche Richtung. In einer vor kurzem vorgestellten (und zugegeben parteiischen) Studie des Gemeinsamen Wirtschaftsausschusses des US-Kongresses wird die relative Schwäche der aktuellen Erholung dokumentiert. Tatsächlich sind die Unterschiede zwischen der aktuellen Situation und anderen Erholungsphasen der US-Wirtschaft in der Nachkriegszeit so groß, dass der Terminus „Erholung“ im heutigen Kontext fragwürdig ist. Aber trotzdem akzeptiert die politische Führung in den USA die zyklische Sicht auf die Wirtschaft, sieht eine schwache Erholung und gibt die Schuld dafür den strategischen Misserfolgen in der Zeit nach der Krise.  

Aber obwohl das politisch vielleicht gut ankommt, lautet die vernünftige Schlussfolgerung, dass es sich nicht nur um eine zyklische Erholung handelt, sondern eher um den Beginn eines verzögerten Prozesses struktureller Anpassung an eine sich rasch ändernde Weltwirtschaft, an das Wachstum und den sich verlagernden komparativen Vorteil der Schwellenökonomien und an starke technologische Kräfte. Obwohl es schwer fällt, diese Veränderung präzise zu fassen, heißt das nicht, dass sie deshalb unwichtig sind.

Natürlich würde niemand bestreiten, dass der Abschwung 2008 zyklische Elemente aufwies. Aber diese waren von strukturellen Ungleichgewichten begleitet, die sich mindestens 15 Jahre lang aufgebaut hatten und die als grundlegende Ursache der Unfähigkeit der US-Wirtschaft gesehen werden können, in normaler zyklischer Weise wieder auf die Beine zu kommen.

Skeptiker könnten durchaus fragen, warum diese angeblichen strukturellen Ungleichgewichte die momentan BIP- und Beschäftigungswachstum behindern, nicht schon vor der Krise auftraten. Die Antwort darauf lautet, dass dies sehr wohl der Fall,  aber an Wachstums- und Beschäftigungszahlen nicht auszumachen war. Andere Signale wurden nicht wahrgenommen, ignoriert oder als unwichtig abgetan.  

Zu diesen Signalen gehörten übermäßiger Verbrauch (mittlerweile weggefallen) und unzureichende Ersparnisse auf Grundlage einer Vermögenspreisblase und hoher Schulden; ein anhaltendes und wachsendes Leistungsbilanzdefizit (was darauf hindeutet, dass Binnenverbrauch und Investitionen höher lagen als Einkommen und Produktion); sowie ein vernachlässigbares Nettobeschäftigungswachstum (über zwei Jahrzehnte) im handelbaren Sektor. Angesichts der mageren Gesamtnachfrage ist der einzige funktionierende Wachstumsmotor – der Außenhandel mit Waren und Dienstleistungen – kein Beschäftigungsmotor.

Weil man diese Signale übersah, entstand vor der Krise die Illusion von dauerhaftem Wachstum

und nachhaltiger Beschäftigung. Überdies trägt es zur Erklärung bei, warum nicht die Ursachen der Krise, sondern die Krise selbst als Sündenbock herhalten muss. Durch die Krise wurden jedoch nur verdeckte Ungleichgewichte aufgedeckt und manche davon abgebaut.

Die „große Übereinkunft“ auf die PIMCO-Vorstandsvorsitzender Mohamed El-Erian jüngst anspielte, als er eine angemessene Reaktion auf die aktuelle Situation in den USA beschrieb, muss einen Plan zur haushaltspolitischen Stabilisierung enthalten. Ebenso muss es darin eine Verlagerung in Richtung eines politischen Rahmenwerks geben, das die antizyklische Natur längerfristiger, zur Wiederherstellung von Wachstum und Beschäftigung nötiger Strukturanpassungen widerspiegelt.  

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