Thursday, July 24, 2014
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Eine Weltbank für eine neue Welt

NEW YORK: Die Welt steht an einem Kreuzweg. Entweder die Weltgemeinschaft tut sich zusammen, um Armut, Ressourcenerschöpfung und Klimawandel zu bekämpfen, oder sie steuert auf eine Generation der Rohstoffkriege, politischen Instabilität und Umweltzerstörung zu.

Die Weltbank kann unter einer vernünftigen Führung eine Schlüsselrolle bei der Abwendung dieser Bedrohungen und der von ihnen ausgehenden Risiken spielen. Daher steht für die Welt in diesem Frühjahr viel auf dem Spiel: Die Amtszeit ihres Präsidenten Robert Zoellick endet im Juli, und daher müssen die 187 Mitgliedsländer der Bank nun einen Nachfolger bestimmen.

Die Weltbank wurde 1944 gegründet, um die wirtschaftliche Entwicklung zu fördern, und praktisch alle Länder sind heute Mitglied. Die zentrale Aufgabe der Bank besteht darin, die weltweite Armut zu bekämpfen und zu gewährleisten, dass die weltweite Entwicklung vernünftig abläuft und alle sozialen Schichten einbezieht. Diese Ziele umzusetzen hieße nicht nur, das Leben von Milliarden von Menschen zu verbessern, sondern würde auch von Armut, Hunger und dem Kampf um knappe Ressourcen angeheizte gewaltsame Konflikte verhindern.

Amerikanische Regierungsvertreter betrachten die Weltbank traditionell als verlängerten Arm der Außenpolitik und wirtschaftlichen Interessen der USA. Und da die Bank nur zwei Häuserblocks vom Weißen Haus entfernt an der Pennsylvania Avenue liegt, fiel es den USA nur zu leicht, die Organisation zu dominieren. Nun aber erheben viele Länder – darunter Brasilien, China, Indien und mehrere afrikanische Staaten – ihre Stimmen, um einer kollegialeren Führung und einer besseren, allen dienenden Strategie ihre Unterstützung zu verleihen.

Seit Gründung der Bank lautete die ungeschriebene Regel, dass die US-Regierung jeden neuen Präsidenten ganz einfach bestimmt: All elf waren bisher Amerikaner, und kein Einziger war Experte für wirtschaftliche Entwicklung (die zentrale Verantwortung der Bank) oder vorher im Bereich der Wirtschaftsentwicklung oder Förderung ökologischer Nachhaltigkeit tätig gewesen. Stattdessen wählten die USA Wall-Street-Banker und Politiker aus – wohl, um sicherzustellen, dass die Politik den wirtschaftlichen und politischen Interessen der USA in geeigneter Weise Rechnung trägt.

Doch inzwischen schadet diese Politik den USA, und für die Welt hat sie böse Folgen. Aufgrund der fehlenden strategischen Fachkompetenz an ihrer Spitze mangelt es der Bank seit langem an einer klaren Ausrichtung. Viele Projekte dienen den Interessen der US-Konzerne statt der nachhaltigen Entwicklung. Die Bank hat eine Menge Entwicklungsprojekte eingeweiht, aber bisher viel zu wenige der globalen Probleme gelöst.

Allzu lange hat die Führung der Bank US-Konzepte durchgedrückt, die für die ärmsten Länder und die ärmsten der dort lebenden Menschen häufig völlig ungeeignet sind. So versagte die Bank bei den explosionsartigen AIDS-, Tuberkulose- und Malariapandemien der 1990er Jahre, weil sie die Hilfe nicht dort hinbrachte, wo sie gebraucht wurde, um Krankheitsausbrüche einzudämmen und Millionen von Leben zu retten.

Schlimmer noch: Die Bank sprach sich für Nutzergebühren und „Kostendeckung“ für Gesundheitsdiente aus und sorgte so dafür, dass den Ärmsten der Armen eine lebensrettende Krankenversorgung versagt blieb – also gerade denen, die sie am dringendsten brauchten. Im Jahre 2000 sprach ich mich auf dem AIDS-Gipfel in Durban – aufgrund eben dieser Tatsache, dass die Weltbank ihrer Aufgabe nicht nachkäme – für einen neuen „globalen Fonds“ zur Bekämpfung dieser Erkrankungen aus. Die Schaffung dieses globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, TB und Malaria hat seitdem Millionen von Leben gerettet; die Zahl malariabedingter Todesfälle in Afrika allein ist um mindestens 30% gesunken.

In ähnlicher Weise hat die Bank entscheidende Gelegenheiten zur Unterstützung kleinbäuerlicher Subsistenzfarmer und zur Förderung einer integrierten ländlichen Entwicklung im Allgemeinen in den verarmten ländlichen Gemeinschaften Afrikas, Asiens und Lateinamerikas verpasst. Rund 20 Jahre lang – von etwa 1985 bis 2005 – widersetzte sich die Bank dem bewährten Einsatz zielgerichteter Hilfen für bäuerliche Kleinbetriebe, der es verarmten Subsistenzfarmern ermöglicht hätte, ihre Erträge zu steigern und der Armut zu entkommen. In letzter Zeit hat die Bank ihre Unterstützung für die Kleinbauern zwar verstärkt, aber es gibt noch immer viel mehr, was sie tun könnte und sollte.

Die Mitarbeiter der Bank sind äußerst professionell und könnten viel mehr erreichen, wenn man sie von der Dominanz verengter US-amerikanischer Interessen und Ansichten befreien würde. Die Bank hat das Potenzial, in zentralen Bereichen als Katalysator zu wirken, der die Zukunft der Welt mitgestaltet. Ihre Prioritäten sollten die landwirtschaftliche Produktivität, die Mobilisierung von Informationstechnologien zur nachhaltigen Entwicklung, den Einsatz kohlenstoffarmer Energiesysteme und eine qualitativ hochwertige Bildung für alle umfassen, die verstärkt die neuen Formen der Kommunikation nutzt und so hunderte von Millionen heute unzureichend betreuter Schüler und Studenten erreicht.

Zwar berühren die Aktivitäten der Bank heute alle diese Bereiche, doch eine wirksame Führungsrolle übernimmt sie in keinem davon. Trotz herausragender Mitarbeiter agiert sie bisher weder strategisch noch flexibel genug, um eine wirksame Triebkraft für Veränderungen zu sein. Die Rolle der Bank richtig hinzubekommen, wird schwer und erfordert Fachkompetenz an der Spitze.

Vor allem sollte der neue Präsident der Bank über Erfahrungen aus erster Hand in Bezug auf die Palette drängender Entwicklungsherausforderungen verfügen. Die Welt darf den Status quo nicht akzeptieren. Noch ein Weltbankchef von der Wall Street oder aus der US-Politik wäre für einen Planeten, der kreative Lösungen für die komplexen Herausforderungen bei der Entwicklung braucht, ein schwerer Schlag. Die Bank braucht einen versierten Profi, der bereit ist, die großen Herausforderungen nachhaltiger Entwicklung vom ersten Tag an in Angriff zu nehmen.

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  1. CommentedKir Komrik

    Thank you for the balanced article.

    Only with a codified, global constitution can the issues raised in this article be effectively addressed. We are living a fantasy if we think otherwise. Global rule of law will be necessary to ensure that the policies of a central treasury are uniform and if applied for one nation then applied for all (symmetric).

    It is the very elision of uniform rule of law that allows the conditions described to exist; namely, for the United States to have undue and unproductive influence on the World Bank.

    kirkomrik.wordpress.com

    - kk

  2. CommentedJuan Camilo Moreno

    WASHINGTON, March 23, 2012 - The Board of Executive Directors of the World Bank confirmed today that, as announced on February 17, the period for submitting nominations for the position of the next President of the World Bank closed on Friday, March 23. The Board is pleased to announce that the following three nominees will be considered for the position:

    Jim Yong Kim, a US national and President of Dartmouth College, New Hampshire

    José Antonio Ocampo, a Colombian national and Professor at Columbia University, New York

    Ngozi Okonjo-Iweala, a Nigerian national and Coordinating Minister of the Economy and Minister of Finance, Nigeria

    In accordance with the procedures previously announced, the Executive Directors will conduct formal interviews of the three candidates in Washington, D.C., during the following weeks, with the expectation of selecting the new President by consensus by the 2012 Spring Meetings

  3. CommentedZahed Yousuf

    I do agree that the President of the World Bank needs to be both politcally neutral as well as neutral in terms of economic ideolgy - if the WB wishes to achieve its developmnet goals. Professor Sachs sounds like you have already submitted your CV for the position

  4. CommentedAndrés Arellano Báez

    I think you are right, It looks like he submitted his CV. But I think that Sachs will be an amazing World Bank President. He or Stiglitz should be the next in charge. I am thinking now in a viral campaing call "Sachs or Stiglitz 2012", a real and profound campaing in Internet, not like the propaganda calls "Kony 2012".

  5. CommentedProcyon Mukherjee

    Jeffrey Sachs is raising the fundamental point that interests of the sustainable world economy is obstructed by the narrow interests of capital that chooses havens of ‘return’ that is at variance with the overall interests of communities that need basic education, health and housing.

    This co-variance and divergence of interest cannot simply be left to the right choice of the leader alone, although it does drive a point; the lack of over-riding consensus needed to make the sweeping reforms in the functioning of the Bank belies the tragic theme of our times that in augmenting the marginal propensity to consume of a whopping majority one must allocate capital through a program that could actually dis-incentivize the current methods that benefit a miniscule minority.

    Procyon Mukherjee

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