CAMBRIDGE, MASS.: Zum Jahresbeginn 2009 ist die Weltwirtschaft stärker von Unsicherheit (und Beklemmung) geprägt als zu irgendeinem Zeitpunkt der jüngeren Vergangenheit. Obwohl die Finanzkrise in den USA und in Europa eingedämmt scheint, wird ihre volle Wirkung noch eine ganze Weile unklar sein. Den hoch entwickelten Ländern steht der schlimmste Abschwung seit der Großen Depression ins Haus. Doch wie lange und wie schwer wird diese Rezession sein, und wie stark wird sie die Schwellen- und Entwicklungsländer in Mitleidenschaft ziehen?
Die Antworten auf diese Fragen kennen wir nicht – zum Teil deshalb, weil die Folgen davon abhängen, was die Politik unternimmt. Die richtigen Reaktionen werden dafür sorgen, dass die Weltwirtschaft sich ab Ende 2009 erholen kann. Schlechte politische Entscheidungen andererseits werden eine Erholung bestenfalls verzögern und schlimmstenfalls irreparable Schäden anrichten. Hier ist eine Liste von Dingen, die es zu beachten gilt.
Wird die Reaktion der USA „kühn“ genug ausfallen? Barack Obama hat versprochen, dass sie das wird und dabei Franklin D. Roosevelts berühmte, auf dem Höhepunkt der Großen Depression 1932 geäußerte Forderung nach „kühnen, dauerhaften Experimenten“ zumindest teilweise anklingen lassen. Obama steht ein Team erstklassiger Ökonomen zur Seite, was gewährleistet, dass er nichts Törichtes tun wird. Doch Amerikas Lage ist derart ungewöhnlich, dass er Berater brauchen wird, die bereit sind, neue, unerprobte Ideen auszuprobieren – mit anderen Worten, Experimente nach Art Roosevelts.
Insbesondere wird Obama über die keynesianische Politik fiskalpolitischer Konjunkturimpulse hinausgehen müssen, um die tiefen Wunden zu heilen, die dem wirtschaftlichen Vertrauen geschlagen wurden und die der aktuellen Krise zugrunde liegen. Bisher waren vertrauensbildende Maßnahmen – Staatsbürgschaften, Unterstützung mit Liquidität und Kapitalspritzen – auf die Finanzmärkte beschränkt.
Aber Arbeitnehmer, die Angst haben, ihren Job zu verlieren, werden kaum losgehen und Geld ausgeben, egal, wie viel davon fiskalpolitische Konjunkturimpulse in ihre Taschen spülen. Genau wie die Banken Geld horten, werden die Haushalte versuchen, ihren Wohlstand zu wahren, indem sie mehr sparen. Darum werden Anreize, die sich direkt auf die Bewahrung von Arbeitsplätzen richten, Teil der Lösung sein müssen.
Wird Europa die Kurve kriegen? Dies hätte die Sternstunde der Europäer sein können. Die Krise hatte ihren Ursprung schließlich in den USA, was dazu führte, dass sich die amerikanische Politik auf die heimischen Schwierigkeiten konzentrierte – was Anderen Raum für die Übernahme einer globalen Führungsrolle eröffnete. Stattdessen hat die Krise die tiefe Gespaltenheit Europas aufgezeigt: überall, von der Finanzaufsicht bis hin zur erforderlichen Reaktion der Politik.
Deutschland hat sich gesträubt, fiskalpolitische Konjunkturimpulse zu setzen und so dem, was eigentlich der zweite Teil eines weltweit koordinierten fiskalpolitischen Aktionsplan hätte sein sollen, den Wind aus den Segeln genommen. Falls Europa auf der globalen Bühne sein Gewicht geltend machen will, muss es besser abgestimmt handeln und mehr Verantwortung übernehmen. Doch leider kann man in der gegenwärtigen Phase bestenfalls hoffen, dass Europa die globalen fiskalpolitischen Konjunkturimpulse, die selbst der Internationale Währungsfonds als der Hüter fiskalpolitischer Orthodoxie für absolut unverzichtbar hält, nicht untergräbt.
Wird China zusammenhalten? Obwohl, was die Wirtschaft angeht, eine unzureichende Reaktion der USA das Hauptrisiko darstellt, ist es gut möglich, dass innerhalb des breiteren historischen Rahmens die Geschehnisse in China tiefere und dauerhaftere Konsequenzen haben werden. Denn China ist ein Land mit enormen versteckten Spannungen und Spaltungen, und diese können in wirtschaftlich schwierigen Zeiten als offene Konflikte zum Ausbruch kommen.
Chinaexperten sind uneins, wie hoch das Wirtschaftswachstum sein muss, um Arbeitsplätze für jene Millionen von Chinesen zu schaffen, die jedes Jahr vom Land in die Städte strömen. So gut wie sicher ist freilich, dass China diese Schwelle in 2009 unterschreiten wird. Dies erklärt den nahezu ununterbrochenen Strom derzeit von Peking ausgehender Maßnahmen: Erhöhung der öffentlichen Ausgaben, Lockerung der Geldpolitik, Druck auf staatliche Unternehmen, ihre Aktivitäten auszuweiten, Subventionen für Exporteure, teilweise Konvertierbarkeit des Renminbi zur Ankurbelung des Handels mit Nachbarländern usw. Doch wird dies reichen, um in einer Volkswirtschaft, die in den letzten Jahren von der Außennachfrage abhängig geworden ist, einen Konjunkturabschwung zu vermeiden?
Falls die sozialen Spannungen zunehmen, wird die chinesische Regierung vermutlich mit verstärkten Repressionen reagieren – was nichts Gutes verheißt für Chinas Beziehungen zum Westen und seine mittelfristige politische Stabilität. Die Erfahrung zeigt, dass Demokratien bei der Bewältigung von Krisenfolgen autoritären Regimen überlegen sind. Die demokratischen Länder Indien (1991) und Südkorea (1997-1998) schaften schnell eine wirtschaftliche Wende, während Pinochets Chile (1983) und Suhartos Indonesien (1997-98) tiefer in die Krise rutschten.
Autoritären Regimen fehlen Institutionen für das Konfliktmanagement, wie Demokratien sie aufweisen. Darum schwappen Spannungen in Form von Ausschreitungen und Protesten auf die Straße über. Wie auch immer die chinesische Führung reagiert: Künftige Generationen werden 2009 möglicherweise weniger wegen seiner globalen Wirtschaft- und Finanzkrise in Erinnerung behalten als vielmehr wegen des folgenschweren Wandels, den diese in China verursachte.
Wird es global eine ausreichend starke wirtschaftliche Zusammenarbeit geben? Wenn die Bedürfnisse im eigenen Land alles andere überschatten, leidet die globale Wirtschaftskooperation. Doch die Kosten des Protektionismus im Handel und Finanzwesen sind in Momenten wie diesen besonders hoch. Die Große Depression wurde durch Handelsbarrieren verschärft, die Länder zum Schutz ihrer heimischen Beschäftigten verhängten. Die Versuchung hierzu wird auch diesmal wieder bestehen. Und die Banken – ob nun ausdrücklich verstaatlicht oder nicht – werden unter Druck geraten, heimische Kreditnehmer zu bevorzugen.
Bisher hat der IWF mit neu entdeckter Kraft reagiert und eine dringend benötigte kurzfristige Kreditfazilität geschaffen. Es kann durchaus sein, dass diese erweitert werden muss, falls die Schwellenmärkte weiter unter Druck geraten. Die Welthandelsorganisation andererseits hat wertvolle Zeit auf die irrelevante Doha-Runde verschwendet. Sie hätte ihre Anstrengungen stattdessen auf die Überwachung und Umsetzung der von den G20 eingegangenen Verpflichtung konzentrieren sollen, die Handelsschranken nicht zu erhöhen.
Die Politik muss sich von herkömmlichen Weisheiten verabschieden und nutzlose Dichotomien wie „Märkte – Staat“ oder „Nationalstaat – Globalisierung“ vergessen. Sie muss die Realität akzeptieren, dass nationale Vorschriften und internationale Märkte untrennbar miteinander verbunden sind und einander brauchen. Je pragmatischer und kreativer sie handelt, desto schneller wird sich die Weltwirtschaft erholen.


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