BRÜSSEL – Es war einmal ein Land, das von hohen Defiziten, hoher Inflation und Jahrzehnten der wirtschaftlichen Stagnation heimgesucht wurde. Als die wirtschaftlichen Probleme erneut besonders dringlich wurden, beschloss die Führung des Landes einen radikalen Weg zu beschreiten, um Preisstabilität zu erreichen.
Eine neue Währung wurde eingeführt und mit einem festen Wechselkurs im Verhältnis 1:1 an den Dollar gekoppelt. Per neuem Gesetz wurde verfügt, dass diese Quasi-Währungsunion ewig Bestand haben soll. Eine wirtschaftliche Öffnung erfolgte, staatliche Unternehmen wurden privatisiert und das Land beteiligte sich an einer wichtigen regionalen Freihandelsinitiative.
Anfänglich funktionierte die neue Regelung sehr gut. Das Wachstum kehrte zurück und das Vertrauen ausländischer Investoren sorgte dafür, dass umfangreiche Direktinvestitionen in das Land flossen, insbesondere in den Bankensektor.
Doch nach etwa zehn Jahren nahm die Erfolgsgeschichte eine bittere Wendung. Der wichtigste Handelspartner des Landes verfügte eine Abwertung seiner Währung und der US-Dollar erfuhr eine kräftige Aufwertung. Das Land bekam Exportprobleme. Es entwickelte Zahlungsbilanzdefizite und das Wachstum verlangsamte sich.
Hinzukam, dass die Haushaltspolitik nicht unter Kontrolle gehalten wurde, was eine Erhöhung der Staatsverschuldung mit sich brachte. Internationale Investoren waren zunächst durchaus bereit die Regierung zu finanzieren, doch als die Defizite chronisch wurden, begannen die Risikoprämien zu steigen.
Die Problematik verschärfte sich, als die Risikoscheu an den internationalen Finanzmärkten, bedingt durch die Zahlungsunfähigkeit anderer Schwellenländer, merklich größer wurde. Als die Risikoprämien untragbar zu werden drohten, reagierte die internationale Gemeinschaft mit umfangreichen finanziellen Hilfspaketen, die vorwiegend vom Internationalen Währungsfonds und einigen befreundeten Ländern finanziert wurden.
Das erste Rettungspaket sollte zu erneutem Wirtschaftswachstum, einem Rückgang des Haushaltsdefizits und Strukturreformen führen. Nichts davon ist erreicht worden, da sich die wirtschaftliche Lage unter dem Einfluss der finanzpolitischen Maßnahmen verschlechterte und nicht durch einen Anstieg der Exporte auszugleichen war, weil die Löhne nicht gesenkt werden konnten, um die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern.
Ein Jahr später waren die Risikoprämien höher als vorher und ein zweites Rettungspaket wurde geschnürt, gefolgt von einer großen „freiwilligen“ Umschuldung.
Nicht davon reichte aus, um das Vertrauen internationaler Investoren wiederherzustellen, die nicht davon überzeugt waren, dass die Regierung diese Schulden in Anbetracht des wachsenden Widerstands in der Gesellschaft und einer schrumpfenden Wirtschaft bedienen kann. Die Lage verschlimmerte sich, als die Sparer des Landes das Vertrauen in ihre Regierung verloren und begannen ihre Ersparnisse abzuheben. Als immer mehr Rücklagen abgehoben wurden, geriet die Wirtschaft ins Schleudern und die sozialen Spannungen entluden sich. Die Regierung stürzte und einer ihrer kurzlebigen Nachfolger verkündete die Einstellung der Zahlungen an ausländische Anleihegläubiger und ein Ende der Währungsbindung.
Dieses Land war Argentinien, das für seinen Übergang von der 1991 eingeführten strikten Wechselkursbindung an den Dollar zum unkontrollierten Bankrott zum Jahreswechsel 2001-2002 ungefähr zehn Jahre benötigte.
Die griechische Erfahrung wirkt – zumindest bisher – wie eine Neuaufführung des argentinischen Dramas. Auch Griechenland hatte in der Vergangenheit mit finanzpolitischen Problemen und Inflation zu kämpfen, die durch den Beitritt in die Wirtschafts- und Währungsunion der Europäischen Union (EWWU) im Jahr 2001 gelöst werden sollten (der zufälligerweise mit Argentiniens Staatspleite zusammenfiel). Griechenlands erstes Jahrzehnt in der EWWU zeichnete sich ebenfalls durch rasches Wirtschaftswachstum aus, das in erster Linie durch üppige und günstige Kapitalzuflüsse beflügelt wurde.
Während dieses ersten Jahrzehnts machte sich allerdings ein wichtiges grundsätzliches Problem bemerkbar, als Griechenland an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Deutschland einbüßte, so wie Argentinien an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Brasilien verloren hatte.
Während Argentinien Ende der 1990er-Jahre von den negativen Konsequenzen der Schuldenkrise der Schwellenländer getroffen wurde, hat Griechenland heute unter der wachsenden Risikoaversion seit der Finanzkrise 2008 zu leiden. Wie vor zehn Jahren in Argentinien mangelt es ausländischen Investoren inzwischen an Vertrauen in Griechenland, wenn sie das schleppende Wachstum und die höheren Risikoprämien des Landes betrachten.
Ihre Skepsis scheint berechtigt, da die üblichen Indikatoren der Schuldentragfähigkeit für Griechenland wesentlich schlechter aussehen als im Falle Argentiniens. Die griechischen Haushalts- und Zahlungsbilanzdefizite sind etwa dreimal so hoch und der kumulierte Schuldenstand ist doppelt so hoch wie der von Argentinien vor der Pleite.
Auch das erste große Rettungspaket für Griechenland hat ein ähnliches Schicksal ereilt wie das argentinische. Ein Jahr danach sind die Risikoprämien sogar noch höher, ein zweites Paket wird geschnürt und private Gläubiger werden aufgefordert, die Laufzeiten ihrer Griechenlandpapiere „freiwillig“ zu verlängern.
Zudem erhält Griechenland sehr viel mehr finanzielle Unterstützung aus dem Ausland als damals Argentinien. Mit den beiden Rettungspaketen sind Griechenland öffentliche Kredite im Wert von 230 Milliarden Euro zugesagt geworden – mehr als 100% seines BIP.
Darüber hinaus hat Griechenland 90 Milliarden Euro von der EZB erhalten (bei einem Leitzins von 1,25%). Diese gewaltigen Finanzierungshilfen haben das griechische Bankensystem bislang vor dem Zusammenbruch bewahrt und stellen den entscheidenden Vorteil dar, den der Beitritt in eine echte Währungsunion im Gegensatz zu Argentiniens „Quasi-Währungsunion“ mit dem US-Dollar hat. Was aber geschieht, wenn die Kapitalflucht, ähnlich wie in Argentinien, anhält und weiter zunimmt?
Wenn griechische Sparer nur die Hälfte ihrer verbleibenden Einlagen abheben, wird die EZB griechischen Banken weitere 100 Milliarden Euro leihen müssen, um sie über Wasser zu halten. Tatsächlich könnte Griechenland letzen Endes über 400 Milliarden Euro an öffentlicher Unterstützung benötigen – fast 200% seines heutigen BIPs.
Wenn Griechenland dem argentinischen Drehbuch folgen sollte und gezwungen wäre, die Eurozone nach einem unkontrollierten Staatsbankrott zu verlassen, wird sich sein nominales BIP wahrscheinlich halbieren. In diesem Fall würden die Schulden der griechischen Regierung bei seinen Partnern aus der Eurozone 400% des griechischen BIPs entsprechen und nur ein sehr geringer Teil würde zurückgezahlt. Argentinien ist seinen Verpflichtungen gegenüber Privatgläubigern nicht nachgekommen, hat aber wenigstens alle Verpflichtungen gegenüber multilateralen Gläubigern beglichen.
Karl Marx wird die Äußerung zugeschrieben, dass Geschichte sich als Farce wiederholt. Im Falle Griechenlands könnte sich die Geschichte zu einer viel größeren Version der Tragödie Argentiniens auswachsen.


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