Saturday, August 2, 2014
Exit from comment view mode. Click to hide this space
0

Ein russischer Frühling?

PARIS: Russland ist nicht Ägypten. Moskau steht nicht unmittelbar vor einer Revolution so wie Kairo vor nicht einmal einem Jahr. Und die Machthaber in Russland haben Aktiva, die dem Regime des damaligen ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak fehlten.

Als Energie-Supermacht kann Russland sein Staatssäckel öffnen, um die Demütigung, die es seinen Bürgern durch Fälschung der jüngsten Parlamentswahlen des Landes zugefügt hat, zumindest teilweise zu lindern. Und: Nicht alle Russen sind auf die Straße gegangen. Hüten wir uns vor dem „Zoomeffekt“, der viele Menschen glauben ließ, die jungen Demonstranten auf dem Tahrir-Platz wären repräsentativ für die ägyptische Gesellschaft. Sie waren es nicht. Das ländliche Ägypten ist – wie das ländliche Russland – viel konservativer als die jungen Eliten, die mit ihren Protesten und ihrer begeisternden Annahme der modernen sozialen Medien die Vorstellungskraft der Welt beflügelten.

Zudem war Mubarak alt und krank und hatte das Vertrauen seines Volkes verloren. Wladimir Putin dagegen verströmt Energie und Vitalität und flößt möglicherweise weiten Teilen der russischen Gesellschaft, deren Hauptanliegen der Ruhm ihres Landes und nicht die Zufriedenheit seiner Bürger ist, noch immer Vertrauen ein.

Es könnte freilich sein, dass es Putin mit seinem Macho-Gehabe so übertreibt, dass der Schuss nach hinten losgeht und ihn Russlands städtischen und gebildeteren Bürgern noch weiter entfremdet. Doch obwohl die zehntausende von Demonstranten keine Bedrohung für das Überleben des Putin-Regime darstellen dürften, wäre der Kreml gut beraten, sie ernst zu nehmen. Das Markenzeichen der Demonstranten waren bisher Mäßigung und Zurückhaltung; nichts wäre gefährlicher als gewaltsame Repressionen.

Über die Frage der Gewalt hinaus würden die russischen Behörden ein enormes historisches Risiko eingehen, wenn sie die Augen vor der zunehmenden Entfremdung der Öffentlichkeit verschlössen. Physisch und metaphorisch abgeschirmt durch die hohen Mauern des Kremls, scheint Russlands Führung den Kontakt zur Lebenswelt der Normalbevölkerung (so sie ihn je hatte) verloren zu haben und ihren Lebensstil für gleichermaßen normal wie unveränderlich zu halten.

In ihrer Verurteilung des Verhaltens der Elite erinnern die russischen Protestierenden zumindest teilweise an die Akteure der arabischen Revolution. Ihr Protest gegen „sowjetische Wahlpraktiken“ wendet sich gegen jene Kombination aus Despotismus und Korruption, die kennzeichnend ist die Sowjetmacht von gestern und die russische Macht von heute – mit einer uns von den arabischen Revolutionären vertrauten Rhetorik. So wie die jungen Araber den Herrschern in Libyen, Ägypten, Tunesien, Syrien, dem Jemen und anderen arabischen Ländern gibt diese neue Generation der Russen Putin zu verstehen: „Hau ab!“

Die meisten Teilhaber machen sich wenig Illusionen über die Wirksamkeit ihres Protests, aber sie wollen Russlands Herrschern das Ausmaß ihrer Frustration und Entschlossenheit klar machen. Sie erwarten keinen Regimewechsel, zumindest aber ein paar Minimalreformen.

Vor allem wollen Sie der Macht Putins Grenzen setzen. Die ironische Folge ihres Protests könnte freilich sein, dass der Gemäßigtere der beiden höchsten russischen Politiker, Dmitri Medwedew, nicht in das Amt des Ministerpräsidenten zurückkehrt wie eigentlich geplant. Ein politisches Stühlerücken wäre in den Augen zu vieler Russen einfach zu viel.

Die Proteste haben sowohl die Kremlherren als auch die Mehrheit der Russen überrascht. Sie hatten nicht erkannt, dass die Globalisierung – vor allem die globale Revolution im Bereich der Informationen – die Welt transparenter und interdependenter gemacht hat als je zuvor. Die Protestierenden von Madrid wurden durch jene in Kairo inspiriert und waren selbst eine Quelle der Inspiration für Proteste von New York bis Tel Aviv und anschließend Moskau.

Es zeichnet sich eine Lehre ab: Angesichts der sich vertiefenden Wirtschaftskrise einerseits und unmittelbarer globaler Konnektivität andererseits werden Dinge, die gestern noch als hinnehmbar betrachtet wurden, heute als nicht mehr tolerabel angesehen.

Dies gilt auch für Russland. Lange Zeit betrachtete sich Russland selbst als eine Art „weißes Afrika“. Die durchschnittliche Lebenserwartung russischer Männer entspricht eher der Afrikas als der Europas (oder, größtenteils, selbst Asiens). Die korrupte Bereicherung so vieler russischer Eliten imitiert die katastrophalen Gewohnheiten vieler ihrer afrikanischen Gegenstücke.

Doch der Vergleich hinkt. Trotz vieler Probleme hat sich Afrika inzwischen zu einem Kontinent der Hoffnung entwickelt. Seine Bevölkerungszahl explodiert, und Gleiches gilt für seine Wachstumsraten. Senegalesische Unternehmen sind heute bestrebt, ihren spanischen Geschäftspartnern zu helfen, während Portugal die Führung seiner ehemaligen Kolonie Angola, wo gerade reiche Ölvorkommen entdeckt wurden, in nahezu königlicher Weise willkommen heißt.

Afrika ist auf dem aufstrebenden Ast, während sich Russland im Niedergang befindet. Der demokratische Idealismus, der mit dem Fall des Kommunismus vor 20 Jahren einherging, ist weg, doch der „imperiale“ Stolz, der sich während der Putin-Jahre teilweise erholt hat, reicht möglicherweise nicht aus, um die russischen Bürger für die Verachtung, mit der ihr Staat sie behandelt, zu entschädigen. Die Botschaft der russischen Demonstranten ist einfach: „Zu viel Korruption, Verachtung und Ungleichheit ist zu viel.“ Wie die arabische Welt will Russland Modernität.

Exit from comment view mode. Click to hide this space
Hide Comments Hide Comments Read Comments (0)

Please login or register to post a comment

Featured