Saturday, October 25, 2014
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Ein Zeugnis für Rio

NEW YORK: Eine der bedeutendsten naturwissenschaftlichen Publikationen der Welt, Nature, hat uns im Vorfeld des Rio+20-Gipfels zur nachhaltigen Entwicklung ein verheerendes Zeugnis ausgestellt. Die Noten für die Umsetzung der drei großen auf dem ersten Umweltgipfel in Rio 1992 unterzeichneten völkerrechtlichen Verträge lauten: Klimawandel: 6; Schutz der Artenvielfalt: 6; Bekämpfung der Versteppung: 6. Kann die Menschheit es noch vermeiden, von der Schule verwiesen zu werden?

Wir wissen seit mindestens einer Generation, dass die Welt einer Kurskorrektur bedarf. Statt die Weltwirtschaft mit fossilen Brennstoffen anzutreiben, müssten wir in viel stärkerem Maße kohlenstoffarme Alternativen wie Wind-, Solar- und geothermische Energie mobilisieren. Statt ungeachtet der Auswirkungen auf andere Arten zu jagen, zu fischen und das Land zu roden, müssten wir das Tempo von Agrarproduktion, Fischerei und Holzschlag an der Belastbarkeit der Umwelt festmachen. Statt den Ärmsten und Schwächsten weltweit Zugang zu Familienplanung, Bildung und grundlegender Krankenversorgung vorzuenthalten, müssten wir die schlimmste Armut beenden und die enormen Geburtenraten verringern, die in den ärmsten Teilen der Welt nach wie vor Bestand haben.

Kurz gefasst, wir müssen anerkennen, dass unsere kollektive Kapazität zur Zerstörung der lebenserhaltenden Systeme unseres Planeten angesichts von heute sieben und Mitte des Jahrhunderts neun Milliarden Menschen – die alle durch eine hoch technologisierte, energieintensive Weltwirtschaft miteinander vernetzt sind – ein nie dagewesenes Ausmaß erreicht hat. Doch sind die Folgen unseres Handelns als Einzelne so wenig in unserem täglichen Bewusstsein verankert, dass wir direkt über die Klippe stürzen können, ohne es auch nur zu merken.

Wenn wir den Computer oder das Licht anschalten, sind uns die daraus herrührenden Kohlenstoffemissionen nicht bewusst. Wenn wir unsere Mahlzeiten essen, sind wir uns der durch nicht nachhaltige Landwirtschaft verursachten Entwaldung nicht bewusst. Und wenn unser milliardenfaches Handeln in der Summe zu Hungersnöten und Überflutungen auf der anderen Erdseite führt, die die Ärmsten der Armen in dürregefährdeten Ländern wie Mali und Kenia heimsuchen, sind kaum einem von uns die gefährlichen Fallstrecke der globalen Vernetzung auch nur in Ansätzen klar.

Vor zwanzig Jahren versuchte die Welt, diesen Realitäten durch völkerrechtliche Verträge und das internationale Recht zu begegnen. Die auf dem ersten Weltumweltgipfel in Rio geschlossenen Übereinkünfte waren gut: durchdacht, weitsichtig, sozial und auf die globalen Prioritäten ausgerichtet. Aber gerettet haben sie uns nicht.

Diese Verträge fristeten ein Dasein im Schatten unserer tagtäglichen Politik, Vorstellungen und Medienzyklen. Jahr für Jahr stapften Diplomaten auf Konferenzen, um sie umzusetzen, doch die wesentlichen Ergebnisse waren Vernachlässigung, Verzögerungen und kleinliches Gezänk über die rechtlichen Einzelheiten. Zwanzig Jahre später haben wir nichts für unsere Mühen vorzuweisen; wir haben in allen drei Bereichen auf ganzer Linie versagt.

Gibt es einen anderen Weg? Der Pfad durch das internationale Recht bemüht Anwälte und Diplomaten, nicht aber jene Ingenieure, Naturwissenschaftler und führende Kräfte in den Gemeinwesen, die sich an vorderster Front mit nachhaltiger Entwicklung befassen. Er ist übersät mit undurchschaubaren technischen Einzelheiten in Bezug auf Überwachung, verbindliche Verpflichtungen, Anhang-I- und Nicht-Anhang-I-Länder und tausende weiterer juristischer Spitzfindigkeiten, aber hat es versäumt, der Menschheit die sprachlichen Mittel an die Hand zu geben, um ihr eigenes Überleben zu diskutieren.

Wir haben tausende von Dokumenten, aber versagen dabei, miteinander Klartext zu reden. Wollen wir uns selbst und unsere Kinder retten? Warum sagt das dann nie einer?

Auf dem Rio+20-Gipfel werden wir es aussprechen müssen, klar, entschieden und in einer Weise, die statt zu kleinlichem Gezänk und Abwehrreaktionen dazu führt, dass wir aktiv werden und die Probleme angehen. Da die Politiker der öffentlichen Meinung folgen, statt sie anzuführen, muss es die Öffentlichkeit selbst sein, die ihr Überleben einfordert, nicht ihre gewählten Vertreter, von denen irgendwie erwartet wird, dass sie uns, uns selbst zum Trotz, retten mögen. Es gibt nicht viele Helden in der Politik; auf die Politiker zu warten, hieße, zu lange zu warten.

Das wichtigste Ergebnis in Rio werden daher nicht Verträge, verbindliche Klauseln oder politische Zusagen sein, sondern ein globaler Aufruf zum Handeln. Überall auf der Welt ertönt immer lauter der Ruf, die nachhaltige Entwicklung ins Zentrum unseres globalen Denkens und Handelns zu stellen, und insbesondere den jungen Menschen zu helfen, jene dreifache Herausforderung, die ihre Ära bestimmen wird, zu bewältigen – nämlich wirtschaftlichen Wohlstand, ökologische Nachhaltigkeit und soziale Einbindung zu gewährleisten. Rio+20 kann ihnen dabei helfen.

Statt einen neuen Vertrag zu schließen, lassen Sie uns auf dem Rio+20-Gipfel eine Reihe von Zielen zur nachhaltigen Entwicklung vereinbaren, die eine Generation zum Handeln inspiriert. Genau wie die Millenniumziele uns die Augen für die extreme Armut geöffnet haben und nie dagewesene globale Maßnahmen zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria förderten, können diese Entwicklungsziele der heutigen Jugend in Bezug auf den Klimawandel, den Verlust an Artenvielfalt und die mit der Versteppung verbundenen Katastrophen die Augen öffnen. Wir können die drei Verträge von Rio noch immer einlösen, indem wir die Menschen ins Zentrum unserer Anstrengungen stellen.

Entwicklungsziele zur Überwindung der schlimmsten Armut, zur Entkarbonisierung des Energiesystems, zur Verlangsamung des Bevölkerungswachstums, zu Förderung einer nachhaltigen Lebensmittelversorgung, zum Schutz der Ozeane, Wälder und Trockengebiete und zur Beseitigung der Ungleichheiten unserer Zeit können eine ganze Generation aufrütteln, die Probleme anzugehen. Ingenieure und technologische Koryphäen überall zwischen Silicon Valley und São Paolo, Bangalore und Schanghai haben Ideen im Ärmel, die zur Rettung unserer Welt beitragen könnten.

Die Universitäten weltweit beherbergen eine Unzahl von Studenten und wissenschaftlichem Personal, die begierig sind, die praktischen Probleme in ihren Ländern und Gemeinwesen zu lösen. Unternehmen – zumindest die guten – wissen, dass sie nicht florieren und ihre Mitarbeiter und Kunden motivieren können, wenn sie nicht selbst zur Lösung beitragen.

Die Welt ist bereit, zu handeln. Rio+20 kann dabei helfen, die Aktivität einer ganzen Generation zu entfesseln. Die Zeit reicht – gerade noch – aus, um unsere Sechser in Einser zu verwandeln und den ultimativen Test für die Menschheit zu bestehen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

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  1. CommentedKariuki Kiragu

    Having groped my way into the triple-bottom line world in the last 10 years, I find that, to the economic, environmental and social pillars, a spiritual one should be added.
    It comes with the currencies of goodwill, appreciation and inner peace so necessary to harmonizing the other 3 pillars.
    Working in the slums and among the poor in Nairobi, the feeling has been the need to first engender trust and a sense of responsibility to the larger community, say, Africa. Thus, discourse invariably commences on an ideological plane, inherently spiritual.
    The bank yonder is misty, the river is wide, silent…let’s make the leaps of faith, from one stepping stone to another.

  2. CommentedTom McGivan

    I sense that the important point to take from this is the idea of technology at the forefront of responding to climate change. Politicians from both developed and developing countries have worked tirelessly to implement treaties, policies and other forms of motivation but the reality is that we have not done enough. The role of politics should now be to provide real economic incentives for investment in change, given the way our society functions, genuine economic reform trumps a motivational speech every time.

  3. Commentedjallo jallo

    The reality is that anything that would resemble sustainable development is not going to be called for public opinion either, and thisis where Prof. Sachs expectations are doomed to be unfulfilled. And why is that? Because achieving anything that would remotely resemble sustainable development would imply making hard choices, and giving up things that most people in the West value, (or they think thatbthey value) namely individualism and freedom of choice (as consumers), materialism and opulent lifestyles, environmentally insensitive technologies that make our life easier, high expectations of comfort, etc. Anything different to these would be greenwahing. What we need to make people understand is that these priviledges have been achieved as a result of centuries of unsustainable economic growth and they will dissapear anyway as ecological limits to growth

  4. Commentedjames durante

    There are two fundamental barriers to the kind of "course correction" Sachs is talking about: capitalism and the nation state. Look at almost all the articles on this site: the mantra is growth. It is difficult to imagine that in the real political world there will be any real aspirations for the goals Sachs mentions. Each one is contradicted by individual and national interests, at least in the broad context of the twin pillars of modernity. Consider the current presidential election in the US. As far as I can tell neither candidate will have any interest or motivation in discussing Sachs' worthy goals.

    The precipice is here. Look over the edge.

  5. CommentedFrank O'Callaghan

    Professor Sachs is a breath of fresh air. He does not deny the problems or lessen their daunting scale. Yet he suggests that Humanity can deal with the threat off global climate change. I am not sure that I agree with him. We can certainly influence the rate of change and perhaps the nature of that change, e.g. in anti-desertification and reforestation schemes.

    I hope that he is right. It is probably right to hope. It may even have an effect on the outcomes by improving motivations of the actors. My fear is that we have passed a tipping point and that the juggernaut of climate change is in irrevocable motion.

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