Friday, August 29, 2014
0

Weihnachten hinter Gittern

LUKYANIVSKA-GEFÄNGNIS, KIEW: Es heißt, im Schützenloch gibt es keine Atheisten. Hier – nach meinem Schauprozess und viereinhalb Monaten in der Zelle – habe ich entdeckt, dass es auch im Gefängnis keine Atheisten gibt.

Wenn man trotz unerträglicher Schmerzen selbst in der eigenen Zelle stundenlang ohne Pause verhört wird und das komplette Zwangssystem eines autoritären Regimes einschließlich seiner Medien versucht, einen ein für alle Male zu diskreditieren und zu vernichten, wird das Gebet zum einzig privaten, vertrauensvollen und einem Mut gebenden Gespräch, dass man haben kann. Gott, so erkennt man, ist der einzige Freund und die einzige Familie, die einem zur Verfügung stehen – denn wenn einem selbst der Zugang zu einem Priester, dem man vertraut, genommen wird, ist niemand anders mehr da, dem man seine Sorgen und Hoffnungen anvertrauen kann.

In dieser Jahreszeit der Liebe und der Familie ist die Einsamkeit einer Gefängniszelle beinahe unerträglich. Die graue, tote Stille der Nacht (Gefängniswärter schielen voyeuristisch durch einen Schlitz in der Tür zu einem hinein), die plötzlichen, körperlosen Schreie der Gefangenen – Schreie des Leids und der Wut, das ferne Rattern und Scheppern der Gefängnisriegel: All dies macht Schlaf unmöglich oder so unruhig, dass er eine Qual ist.

Das Seltsame freilich ist, dass einem die Sinne von dieser schrecklichen toten Welt nicht abstumpfen; im Gegenteil, sie werden dadurch entflammt: Das Denken wird von banalen Sorgen befreit, um über das Unergründliche und den eigenen Platz darin nachzusinnen – eine Freiheit des Geistes, die in diesen Weihnachtstagen ein völlig unerwartetes Geschenk ist. In der Dunkelheit der Zelle ziehe ich Stärke und Hoffnung aus der Tatsache, dass mir Gott irgendwie so nah zu sein scheint. Denn wo anders sollte Christus sein als mit jenen, die leiden und verfolgt werden?

Tatsächlich habe ich vor kurzem Dietrich Bonhoeffers großartiges, faszinierendes Widerstand und Ergebung gelesen, in dem er seine Sehnsucht nach einem Jesus Christus ausspricht, der imstande ist, einer Welt, unserer Welt, Barmherzigkeit zu erweisen, die dabei ist, für einen einzigen Mann geopfert zu werden. Geschrieben wurde es in einer engen, feuchten und übelriechenden Zelle, in der die Hoffnung vor dem Körper sterben sollte, doch Bonhoeffer verfasste ein Buch reich im Glauben, voller Offenheit, Möglichkeiten und, ja, Hoffnung – selbst in der dunkelsten Stunde der Menschheit.

Eine bestimmte Passage beeindruckt mich bei meinem Nachdenken über das schwere Schicksal der Ukraine besonders. Während er im Gefängnis auf seine Hinrichtung durch die Nazis wartete, schrieb Bonhoeffer: „Die Gottlosigkeit der Welt wird nicht ... verborgen, sondern vielmehr aufgedeckt, und erscheint so in einem unerwarteten Licht.“

Und so tröstet es mich an diesem Weihnachten etwas, zu wissen, dass die Gottlosigkeit, Unmenschlichkeit und das verbrecherische Wesen des Regimes, das heute in Kiew herrscht, endlich im klaren Lichte vor aller Welt aufgedeckt werden. Sein demokratisches Getue ist als zynisches politisches Theater entlarvt, seine Behauptung, eine europäische Zukunft für die Menschen der Ukraine anzustreben, als Lüge enthüllt, und die Habgier seiner Kleptokraten offenbar. Die Verachtung des Regimes für Verfassung und Rechtsstaatlichkeit sind nun unbestreitbar, und diese Klarheit macht stark.

Wichtiger noch, die Welt ist nun umfassender vertraut mit dem Leiden des ukrainischen Volkes, und wir sind nicht länger so allein in unserer Not. Diese zu lindern wurde in ganz Europa und weltweit als gerechte Sache anerkannt. Die tagtägliche Unterdrückung, geknebelte Medien und Auspressung der Unternehmen weisen alle auf einen Mafiastaat an den Grenzen Europas hin. Unsere europäischen Freunde können die aufgeblasene Niedertracht des Regimes, mit dem umzugehen sie gezwungen sind, nun nicht länger leugnen. Und ich bin an diesem Weihnachtsfest dankbar für meine Fähigkeit, zu glauben, dass das demokratische Europa diesen Zustand nicht hinnehmen wird. Die Menschen der Ukraine werden stark sein in dem Wissen, dass sie in ihrem Kampf nicht allein sind.

Ich gebe nicht vor, eine Expertin für religiösen Glauben und geistige Werte zu sein. Ich bin nur eine Gläubige, die nicht akzeptieren kann, dass unsere Existenz das Ergebnis einer zufälligen Laune des Kosmos ist. Wir sind, daran glaube ich, Teil eines rätselhaften, aber integralen Aktes, dessen Quelle, Richtung und Zweck, auch wenn sie manchmal schwer zu erfassen sind, eine Bedeutung und ein Ziel haben – selbst wenn man hinter Gitterstäben eingesperrt ist.

Es ist allein der Glaube an die Idee, dass unser aller Leben eine Bedeutung hat und dass unsere Entscheidungen anhand ihres moralischen Gehalts gerichtet werden müssen, der uns in der Ukraine, und anderswo, in die Lage versetzen wird, aus dem Elend, dem Unglück und der Verzweiflung herauszufinden, die uns während der letzten beiden Jahre verzehrt haben. Es liegt in unserer Macht, uns unsere Freiheiten und Gesellschaften zurückzuholen oder sie zu stärken, nicht durch individuelle Anstrengungen, sondern durch Bündelung unserer Kräfte mit gleichgesinnten Menschen auf der ganzen Welt. Ich weiß, dass wir es schaffen werden.

Ich bitte an diesem Weihnachtsfest meine Familie und meine Freunde überall, sich keine Sorgen um mich zu machen. Wie Anna Achmatowa, die große poetische Chronistin des Stalin’schen Terrors einst sagte: „Ich bin lebendig in diesem Grab.“ Ja, ich bin lebendiger, das weiß ich, als die Männer, die mich hier eingesperrt haben.

Weihnachten soll die Chance eines neuen Anfangs für alle Männer und Frauen markieren. Wie Bonhoeffer es in seinen letzten Worten bekräftigt hat: „Dies ist für mich ... der Anfang des Lebens.“

Hide Comments Hide Comments Read Comments (0)

Please login or register to post a comment

Featured