MAILAND – Das augenfälligste Merkmal der Weltwirtschaft von heute ist das Ausmaß und die Vernetztheit der Makrorisiken, mit denen sie konfrontiert ist. Die Phase nach der Krise hat zu einer Welt der verschiedenen Geschwindigkeiten geführt. Große entwickelte Ökonomien – mit der bemerkenswerten Ausnahme Deutschlands – kämpfen mit niedrigem Wachstum und hoher Arbeitslosigkeit, während die wichtigsten Schwellenökonomien (Brasilien, China, Indien, Indonesien und Russland) zu Wachstumswerten wie vor der Krise zurückgekehrt sind.
Diese Diskrepanz spiegelt sich in den öffentlichen Finanzen wider. Die Schuldenquoten in den Schwellenökonomien weisen einen Trend in Richtung 40 Prozent auf, während sie in den Industrieländern im Durchschnitt zu einem Wert von 100 Prozent tendieren. Weder in Europa noch in den Vereinigten Staaten gibt es glaubwürdige mittelfristige Pläne zur Stabilisierung der fiskalischen Lage. Die Volatilität des Euro-Dollar-Wechselkurses ist Ausdruck der Unsicherheit darüber, auf welcher Seite des Atlantiks man mit größeren Risiken konfrontiert ist.
In Europa hat dies zu mehrfachen Herabstufungen der Anleihen der am stärksten belasteten Länder geführt, wobei Ansteckungswellen auf den Euro übergreifen. Es ist wahrscheinlich, dass wir noch mehr davon sehen werden.
Hinsichtlich der USA warnte Moody’s kürzlich vor ausufernden Staatsschulden. Dies angesichts der Unsicherheit, ob der Kongress mitten in einer höchst kontroversen Debatte um das Defizit bereit sein wird, die Schuldenobergrenze anzuheben. Beide Probleme – Schuldenobergrenze und ein glaubwürdiger Plan zur Defizitverringerung – bleiben ungelöst.
Außerdem ist das Wirtschaftswachstum in den USA bescheiden und scheint hauptsächlich auf den Sektor handelbarer Güter beschränkt zu sein, der von der Nachfrage auf den Schwellenmärkten profitiert. Der Sektor nicht handelbarer Güter, wo in den zwei Jahrzehnten vor der Krise praktisch alle neuen Arbeitsplätze entstanden, stagniert aufgrund mangelnder Binnennachfrage und ernsthaft belasteter staatlicher Haushalte. Das Ergebnis ist eine anhaltende Arbeitslosigkeit. Indessen ist der Sektor handelbarer Güter wettbewerbsmäßig nicht groß genug, um die Flaute in den Bereichen Wachstum und Beschäftigung auszugleichen.
Im Gegensatz dazu führen das rasche Wachstum und die Urbanisierung in den Schwellenländern zu einem globalen Investitionsboom, der in einer vor kurzem erschienenen Studie des McKinsey Global Institute dokumentiert ist. Eine wahrscheinliche Folge ist der Anstieg der Kapitalkosten in den nächsten Jahren. Das wiederum wird stark fremdfinanzierte Institutionen unter Druck setzen, einschließlich der Regierungen, die sich an ein Umfeld niedriger Zinssätze gewöhnt haben und diesen Wandel womöglich nicht kommen sehen.
Auf Länder mit anhaltenden strukturellen Leistungsbilanzdefiziten werden zusätzliche externe Finanzierungskosten zukommen, wodurch sie letztlich die Grenzen der Fremdfinanzierung erreichen werden. Zu diesem Zeitpunkt wird die schwache Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit in ihren Sektoren handelbarer Güter offensichtlich werden.
Es wird zu Anpassungen kommen müssen. Die diesbezüglichen Möglichkeiten sind höhere Investitionen finanziert durch inländische Ersparnisse, Produktivitätswachstum und stärkere Wettbewerbsfähigkeit oder stagnierende Realeinkommen, da der Ausgleich über den Wechselkursmechanismus herbeigeführt wird (oder ein hohes Maß an inländischer Deflation in den schuldengeplagten Ländern der Eurozone, da diese ihre Wechselkurse nicht selbst bestimmen können).
Viele dieser Strukturprobleme blieben vor der Krise unsichtbar, wodurch sich sowohl Reaktionen des Marktes als auch der Politik verzögerten. In den USA trug ein exzessiver inländischer Verbrauch auf Grundlage einer von Schulden getriebenen Vermögenspreisblase zur Aufrechterhaltung von Beschäftigung und Wachstum bei, obwohl die Leistungsbilanz schon beunruhigende Anzeichen aufwies. In mehreren europäischen Ländern sprang der Staat – mit Hilfe niedriger Zinssätze – ein, um die durch eine schwache Produktivität entstandene Kluft auszugleichen.
In jedem Fall beruhten Beurteilungen der fiskalischen Lage fälschlicherweise auf der vermuteten Stabilität und Nachhaltigkeit des herrschenden Wachstumskurses. Die Annahme, ein günstiges Umfeld für Wachstum und Zinssätze würde ewig anhalten, führte in den Industrieländern zu einem massiven Versagen der fiskalischen Antizyklizität, da Haushaltsdefizite nicht mehr nur eine Reaktion auf gesunkene Binnennachfrage waren, sondern chronische Ausmaße annahmen.
Chinas Wachstum ist aufgrund seiner Größe und Bedeutung als Exportmarkt für Brasilien, Indien, Südkorea, Japan und sogar Deutschland von entscheidender Bedeutung. Aber die Inflation stellt für China eine zweifache Bedrohung dar, da sie sowohl das Wirtschaftswachstum als auch den inneren Zusammenhalt des Landes gefährdet. Für viele junge Menschen, die in das Arbeitsleben eintreten, ist eine Wohnung nicht mehr leistbar. Die Eindämmung der Preis- und Vermögensinflation ohne Beeinträchtigung des Wachstums wird sich als heikler Balanceakt erweisen.
Außerdem steht China ebenso wie die USA vor der Herausforderung, die wachsende Einkommensungleichheit zu begrenzen. In beiden Fällen müssen die Beschäftigungsmotoren am Laufen gehalten oder neu gestartet werden, um politische Instabilität oder soziale Unruhen zu verhindern. Es wird wahrscheinlich nicht auf Protektionismus in großem Stil hinauslaufen – zumindest noch nicht – aber das könnte sich ändern, wenn Fragen der Beschäftigung und Verteilung nicht gut bewältigt werden.
Für Asien, das im Gegensatz zum Mittleren Osten, Lateinamerika und Afrika über relativ wenige Rohstoffe verfügt, sind die teilweise aufgrund des Wachstums in den Schwellenländern steigenden Rohstoffpreise ein Grund zur Sorge. Auch die Energiesicherheit ist ein maßgeblicher Risikofaktor, vor allem angesichts des ungewissen Ausgangs der Volksaufstände im Mittleren Osten.
Das Wachstum in den Schwellenmärkten ist der Lichtblick dieser Welt und es scheint auch nachhaltig zu sein, obwohl sich die Industrieländer in einer längeren Phase der Korrektur und des langsamen Wachstums befinden. Aber auch in den Schwellenländern lauern Risiken. Ein größerer Abschwung in Europa oder Amerika hätte beträchtliche negative Auswirkungen auf diese Schwellenökonomien, die zwar genug zusätzliche Nachfrage generieren können, um ihr eigenes Wachstum aufrecht zu erhalten, aber nicht genug, um einen großen Abfall der Nachfrage in den Industrieländern auszugleichen.
Möglicherweise haben die Märkte den kombinierten Effekt dieser heutzutage weit verbreiteten und miteinander zusammenhängenden Makrorisiken schon einkalkuliert, aber ich bezweifle das. Dennoch liegt es im starken und unmittelbaren Interesse aller Länder, diese Risiken zu reduzieren. Hoffen wir, dass man sich dessen bewusst ist und diese Erkenntnis zu einem höchst notwendigen Gefühl der Dringlichkeit bei den nationalen politischen Entscheidungsträgern führt sowie zu Bemühungen der G-20 und anderer internationaler Gremien, die internationale politische Koordination zu verbessern.


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