Tuesday, September 16, 2014
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Die Atempause

MÜNCHEN – Mit der Ankündigung unbegrenzter Käufe von Staatspapieren hat die EZB die Märkte beruhigen können. Sie hat den Eigentümern dieser Papiere damit nämlich versichert, dass sie die Steuerzahler und Rentner der noch gesunden Länder der Eurozone notfalls für die Rückzahlung der Staatskredite in Anspruch nehmen wird, wobei sie den Weg, auf dem das geschehen könnte, noch offen ließ. Das hat die Kauflust der Anleger gesteigert, die Kurse der Papiere der Krisenländer erhöht und die Zinsspreads verringert. Die Finanzierung der Krisenökonomien durch lokale Geldschöpfungskredite (Target-Kredite) konnte durch das Garantieversprechen der EZB wieder etwas reduziert werden.

Nun gilt es, die Atempause zu nutzen und die nötigen Reformen voranzutreiben. Antonis Samaras muss seine Landsleute überzeugen, dass er es ernst meint. Spanien sollte dem Kurs von Mariano Rajoy folgen. Mario Monti braucht noch mehr Rückhalt für seine Pläne. Und Vitor Gaspar sollten die Portugiesen gewähren lassen. Die Führung dieser Länder hat verstanden, was nun nötig ist.

Frankreich freilich scheint die Zeichen der Zeit noch nicht verstanden zu haben. Präsident Hollande will die Probleme seines Landes durch Wachstumsprogramme lösen. Aber wenn Politiker Wachstum sagen, meinen sie Verschuldung. Das ist das Letzte, was Frankreich sich erlauben kann. Seine Schuldenquote liegt heute schon bei 90%, und selbst wenn das Budget-Defizit im Jahr 2013 tatsächlich nur 3,5% des BIP betragen sollte, wird sie in einem Jahr auf 93% gestiegen sein. Frankreichs Staatsquote ist mit 56% die höchste der Eurozone und die zweithöchste aller entwickelten Länder der Welt. Nicht nur Schauspieler wie Gerard Depardieu verlassen das Land wegen der hohen Steuern, sondern auch die Industrie. Die einst stolze Automobilindustrie kämpft um ihr Überleben. Frankreichs verarbeitendes Gewerbe hat nur noch einen Wertschöpfungsanteil von 9% am BIP. Das ist weniger, als Großbritannien vorzuweisen hat (10%), und die Hälfte des deutschen Anteils (20%). Die Leistungsbilanz rutscht immer weiter in den negativen Bereich hinein. Die Arbeitslosigkeit steigt immer weiter.

Das Grundproblem Frankreichs wie auch der Länder, die noch stärker von der Krise erfasst sind, ist, dass sie durch den billigen Kredit, den der Euro ihnen viele Jahre gewährte, eine Inflationsblase entwickelten, die sie ihrer Wettbewerbsfähigkeit beraubte. Goldman Sachs hat berechnet, dass Frankreich um 20% billiger werden muss, bis es seinen Schuldendienst dauerhaft wird leisten können. Das ist der gleiche Wert wie in Spanien. Italien muss seine Preise um 10%-15%, Griechenland um 30% und Portugal um 35% senken. Ein Blick auf die OECD-Zahlen zur Kaufkraftparität zeigt ähnliches. Danach muss Griechenland beispielsweise um 39% und Portugal um 32% billiger werden, um das Preisniveau der Türkei zu erreichen. Passiert ist in dieser Hinsicht bislang so gut wie nichts. Manche der Krisenländer inflationieren noch immer schneller als ihre Wettbewerber.

Politiker neigen zu der Ansicht, es sei möglich, durch Reformen, Infrastrukturprojekte und Produktivitätsverbesserungen wettbewerbsfähiger zu werden, ohne die Preise senken zu müssen. Das aber ist ein Trugschluss, denn diese Maßnahmen verbessern die Wettbewerbsfähigkeit nur in dem Maße, wie dadurch die Preise relativ zu den Wettbewerbern fallen. An der Senkung der relativen Preise im Euroraum führt kein Weg vorbei. Das kann geschehen, indem die Wettbewerber schneller inflationieren oder indem man selbst in die Deflation geht. In keinem Fall steht ein einfacher und für die Gesellschaft bequemer Weg zur Verfügung. In einzelnen Fällen ist er so steinig, dass man ihn der Bevölkerung gar nicht zumuten kann. Dort liegt zwischen dem, was zur Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit nötig wäre, und dem was eine Gesellschaft gerade noch ertragen könnte, eine zu große Lücke, als dass man sich im Euroraum eine Lösung vorstellen könnte.

Um billiger zu werden, muss die Inflationsrate unter die Inflationsrate der Wettbewerber gedrückt werden, aber das gelingt nur durch eine Wirtschaftsflaute, die umso länger anhält, je hartnäckiger die Gewerkschaften die heutigen Lohnstrukturen verteidigen und je niedriger das Produktivitätswachstum ist. Eine Flaute von zehn Jahren, bei der man jedes Jahr um zwei Prozent weniger inflationiert als der Rest der Eurozone würde Spanien und Frankreich den gewünschten Erfolg bringen. Für Italien ist der Weg kürzer, für Portugal und Griechenland vielleicht zu lang.

Italien, Spanien und Frankreich können die nötige Senkung der relativen Preise schaffen, denn Deutschland hat es ja auch geschafft. Von 1995, dem Jahr, als der Euro auf dem Gipfel von Madrid definitiv angekündigt wurde, bis 2008, dem Jahr der Lehman-Krise, hat Deutschland seine Preise um 22% gesenkt. Vor etwa zehn Jahren war Deutschland in einer ganz ähnlichen Situation wie Frankreich heute. Es war der kranke Mann Europas. Der größte Teil seiner Ersparnisse wurde im Ausland investiert, und es hatte eine der niedrigsten Nettoinvestitionsquoten aller OECD-Länder. Unter dem Druck der Ökonomen und der Industrie, rang sich die Regierung Schröder zur Abschaffung der Arbeitslosenhilfe durch, was Millionen von Deutschen ihrer vermeintlichen sozialen Rechte beraubte. Das ermöglichte die Schaffung eines Niedriglohnsektors und half, das Inflationstempo zu drosseln.

Leider sieht es aktuell nicht so aus, dass die Krisenländer, allen voran Frankreich, diesen Weg wirklich gehen wollen. Die gesellschaftlichen Kräfte sträuben sich gegen die Einsicht in die ökonomischen Notwendigkeiten und träumen großenteils von der Zauberformel zur Lösung der Krise. Das lässt darauf schließen, dass uns die Eurokrise leider noch sehr lange erhalten bleiben wird.

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  1. CommentedCarol Maczinsky

    The ECB was not authorised to guarantee that. We cannot accept anarchism from the top, robber central banking.

  2. CommentedGerald Silverberg

    Bravo, Herr Sinn!

    That the internal devaluation you advocate is self-defeating (and moreover, quite aside from the concomitant social unrest, is very hard to accomplish), has finally dawned even on the IMF. Since the real outlier in Eurozone unit cost evolution was always and almost exclusively Germany (France in fact was the one Eurozone country in macro equilibrium, with nominal wage growth equal to productivity growth and targeted inflation), did it ever occur to you that it would be much easier for everyone concerned for Germany to inflate the EZ back into relative competitiveness balance by raising its labor share and devaluing the Euro than to condemn everyone else to deflationary collapse (see my NY Times op-ed from 2011 (https://sites.google.com/site/savingtheeuro/).

    Prescribing the German (and Chinese) race to the bottom of lowering labor share is a recipe for global macroeconomic unsustainability, even if it has been in Germany's economic interest until now. But it is hard to imagine that the author of "Die Basar-Ökonomie", which predicted the decline of the German export powerhouse in 2005, could put two and two together to understand that universal austerity and wage deflation is a recipe for disaster (and now is plunging even Germany into recession).

  3. CommentedAlexander Stingl

    The construction of the Euro and the EU was supposed to be built on more than just the economic pillar originally. It was the mentality of influential lobbyists and propagandists for a neoliberal rationale, which Hans-Werner Sinn stands for, that sounded the trumpet for the idea that the sole pillar that was needed was the economic one and that all else would follow naturally because their religion, their faith in the "invisible hands" and this God-like entity "the Market", would be enough to create a commonwealth for all. The warnings of those saying that you cannot stand on one leg for long was silenced by the noise of the trumpets, and on they marched into the crisis of today. Whom did this religion help? Those who continue to sell the neoliberal agenda in selling their trumpets (books, articles, interviews, economic studies). The only solution is to stop listening to pundits who continue to think in nationalistic economies and territorial solutions, and to create genuine long-term solutions for a united European society in a post-colonial world.

  4. Portrait of Pingfan Hong

    CommentedPingfan Hong

    From a domestic point of view, it seems unfair and miserable for those European countries mentioned in the article to have to reduce their price level ( thus wage level ) by 20 per cent in order for them to become competitive at the international level. However, from emerging economies point of view, it is perfectly fair: why should a worker in Europe earn 20% per cent more than a worker in Turkey if both of them do the same job? From the global point of view, it is a natural process of convergence among countries: no countries are entitled to stay advanced forever in terms of productivity and living standard.

  5. CommentedShane Beck

    France suffers the common fate of countries like Italy, Spain and Greece than have shacked themselves to the German giant: they simply cannot compete with it in value added exports. They either have to opt out of the common currency to make their exports competitive or the have to delegate all their economic decision making, hence sovereignty, to a supranational economic body. There is no middle way and countries like Greece, Italy, Spain and France are deluding themselves if they think otherwise.

  6. CommentedAntónio Correia

    Recently, Paul Krugman said that "The Euro is a shaky construction" – and no one can deny this statement. The Euro has been designed – by Delors et al – as a "single currency" instead of a (much more realistic) "common currency", and now it is very clear that this was a very bad choice. It is quite obvious that the “bad romance” between France and Germany must come to an end and be replaced by a solid, long lasting friendship:

    http://www.marianne.net/Un-appel-franco-allemand-d-economistes-pour-une-sortie-paisible-de-l-euro_a217204.html

    Twenty years after the Maastricht Treaty, a "Maastricht 2.0" Treaty is required, as soon as possible, so as to avoid a sad situation, in the near future, where the foreseen "European common home" becomes replaced by a true "European house of correction". We need to build a true European Union through a cooperative European disunion:

    http://building-a-true-european-union.blogspot.com

  7. CommentedCristina Martello

    I believe that domestic prices reduction is not the only way to gain competitiveness and it shoul not be the tool or at least the only tool European leader should use.

  8. Commentedserge d'agostino

    Very interesting from a liberal economist: the sources of our problems in Europe, namely the lack of real cooperation between States, austerity considered as a dogma and that those who sin must atone in pain.

    Never he refers to non-cooperative game in which is engaged Germany since the late 90s (in contrast, the German example is touted without our author thinks a moment that if all countries do the same thing we will be in a scenario of race to the bottom as in the 30s. The main thing to do is to reduce wages and social contributions in countries already struggling and not a word about the revaluation salary or recovery activity that Germany should / could deliver.
    Moreover our author considers that France adopted a stimulus policy: what a surpise! And read the end of the text: Greeks, Portuguese, Spaniards, Italians and ourselves, will appreciate). I think Sinn need a rest!

  9. CommentedFrank O'Callaghan

    How revealing!
    "Gerhard Schröder’s Social Democratic government decided in 2003 to deprive millions of Germans of their second-tier unemployment insurance, thus paving the way for the creation of a low-wage sector, in turn reducing the rate of inflation."
    The theory is that to be economically prosperous a country has to further impoverish and deprive those who work or have worked in order to enrich those who speculate.
    Intellectually shameful and morally bankrupt!

  10. CommentedLucas Klostermann

    Interesting analysis - inflation being an important part of competitiveness over time, in particular in absence of an exchange rate.
    It strikes me that the competitive comparison is primarily towards other EU or neighboring countries. With most of the EU countries exporting primarily to other EU countries, this seems indeed a very important perspective.
    However, in my perception an important argument used for the Euro and tighter collaboration within the EU is often the outside world; individual EU countries being feared to be irrelevant against the US, China or other large developing countries. What we have created with the Euro now is a currency union where a major instrument without the perils and strong social discomforts that Prof. Sinn refers to, has been taken away from national governments and/or financial markets; exchange rates and devaluation. Towards the main trading partners within the EU this instrument is dearly missed, towards the outside world having a Euro or not is maybe not that important.
    I am curious how others view this, and hope for a positive twist.

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