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Ein Neubeginn für den chinesischen Journalismus?

Ein bemerkenswerter Vorfall hat die chinesischen Journalisten ermutigt. In diesem Jahr hat die Regierung die Veröffentlichung der Zeitung Bing Dian Weekly zeitweilig unterbunden, womit sie bisher ungekannte öffentliche Proteste provozierte, über die weltweit umfassend in den Medien berichtet wurde. Was noch überraschender ist: Die Regierung hat dem Bing Dian unter dem Druck der Öffentlichkeit erlaubt, die Veröffentlichung wieder aufzunehmen. Der Chefredakteur und der stellvertretende Chefredakteur wurden entlassen, doch die offen ausgedrückten Zweifel daran, ob es legitim ist, den Journalismus durch Regierungsgewalt zu regulieren, werden sicher starke Auswirkungen haben.

Ausländische Beobachter neigen dazu, den Bing-Dian -Vorfall mit dem harten Vorgehen gegen andere chinesische Massenmedien in letzter Zeit in Verbindung zu bringen, und kommen zu dem Schluss, dass es unter den derzeitigen autokratischen Bestimmungen keine Hoffnung für die Pressefreiheit in China gibt. Unbestritten gab es keine bedeutsamen Änderungen im System der Regierung zur Regulierung des Journalismus, seit China vor fast 30 Jahren seine Politik der „offenen Tür“ einführte. Im Gegenteil, das System ist strenger und geheimer geworden.

Doch glaube ich immer noch daran, dass subtile Veränderungen geschehen. Eine Voraussetzung für die effektive Kontrolle der Medien ist, dass die Kontrollierten die Ideologie des Kontrollierenden akzeptieren. Nach 1949 bildete die Kommunistische Partei eine Mannschaft aus „theoretischen Experten“ und anderen ideologischen Gehilfen aus, um langatmige Artikel zu schreiben, in denen der „Marxismus und die Gedanken Mao Zedongs“ propagiert wurden. Doch heutzutage sind solche Autoren schwer zu finden, und ihre Arbeit wird von den Lesern mit Spott und Sarkasmus aufgenommen.

Tatsächlich kann die ideologische Kontrolle der Zentralen Propagandaabteilung nur durch interne Meldungen und Telefonate aufrechterhalten werden, die weithin verlacht werden. Noch wichtiger ist, dass sogar die Behörden selbst aufgehört haben, an veraltete und strenge Doktrinen zu glauben. Vor kurzem traf ich einen Beamten, der für eine Propagandaabteilung in der Provinz arbeitete, und war von seinen kühnen und freimütigen Kommentaren zum Tagesgeschehen beeindruckt. In einem privaten Gespräch könnte man ihn sogar für einen Liberalen halten – einen Vertreter einer neuen Gattung von jungen und gebildeten Propagandabeamten mit einer zunehmend höheren Schwelle der politischen Sensibilität.

Aus ihrer Sicht haben die Nachrichtenmacher seit langem aufgehört zu glauben, dass Nachrichten Propaganda sind. Meine Karriere begann 1979 bei China Youth Daily , und ich habe den gesamten Prozess der chinesischen Öffnung und Reformierung miterlebt. Unsere Generation chinesischer Journalisten brach Mitte der 80er Jahre aufgrund der extensiven Lektüre der westlichen Presse mit den traditionellen kommunistischen Vorstellungen vom Journalismus. Jüngere Journalisten waren demnach von Anfang an den westlichen journalistischen Ideen ausgesetzt.

Tatsächlich werden westliche Arbeiten den Journalismusstudenten an den chinesischen Universitäten als „Schreibbeispiele“ gelehrt. Dies stellt eine entscheidende Veränderung dar, und es ist der eigentliche Grund für immer mehr aufrichtige Nachrichten und Kommentare in den heutigen chinesischen Medien.

Der Druck des Marktes war ebenfalls wichtig, um die chinesischen Medien dazu zu bringen, Veränderungen vorzunehmen. Entgegen der Wahrnehmung im Ausland wird nur eine Handvoll chinesischer Medien – z. B. der People’s Daily , Guang Ming Daily und Economic Daily – immer noch aus Regierungsmitteln finanziert. Das Chinesische Zentralfernsehen ist zum größten Teil auf Einnahmen aus der Werbung angewiesen, wobei lediglich ein symbolischer Anteil seines gewaltigen Budgets von der Regierung gedeckt wird. Ob die meisten Medien überleben können, ist somit lediglich von ihrem Markterfolg abhängig.

Sicherlich werden politische Informationen weiterhin streng kontrolliert, wodurch „harmlose“ Freizeit-, Unterhaltungs- und Sportnachrichten, über die im Grunde frei berichtet werden kann, hoch im Kurs stehen. Dies hat kurzfristig zu niedrigen journalistischen Standards geführt. Doch haben viele Zeitungen in den Großstädten, die früher durch Infotainment florierten, miterlebt, wie ihre Auflage in den letzten Jahren zurückging. Früher oder später werden die Leser anfangen, Zeitungen zu kaufen, die ihnen wirkliche Informationen liefern und ihren Meinungen eine Stimme geben.

Tatsächlich haben gerade diese Boulevardzeitungen als Reaktion auf den Druck des Marktes angefangen, Verantwortung als öffentliche Aufpasser zu übernehmen. Viele Male haben sie in den letzten Jahren sensible Nachrichten als Erste veröffentlicht. In der Folge werden die etablierten Medien an den Rand gedrängt, und die zuvor marginalisierten Medien etablieren sich.

Somit ist jetzt, obwohl es keinerlei Änderung im Vorschriftensystem gab, eine umfassende Berichterstattung über Katastrophen, richterlichen Missbrauch und die Einforderung von Gesetzesrechten durch einzelne Bürger allgemein üblich, zudem werden politische Entscheidungen aus der Sicht der Öffentlichkeit hinterfragt. Zum Beispiel führte ein Bericht des South Metropolitan Daily zur Abschaffung einer überholten Bauverordnung, die durch den Staatsrat erteilt worden war. Anhand der andauernden Berichterstattung des Magazins Cai Jing über SARS konnte die chinesische Öffentlichkeit die Wahrheit über diese Epidemie erfahren. Der Bing Dian Weekly von China Youth Daily veröffentlichte einen Artikel des taiwanischen Autors Long Yingtai zur demokratischen Entwicklung Taiwans.

Derartige Fortschritte sind langsam und voller Frustrationen, da sie die Entwicklung des Systems auf seinen verschiedenen Stufen widerspiegeln. Doch sind es trotzdem echte Fortschritte, die den wachsenden Einfluss der chinesischen Medien zeigen und darauf hindeuten, dass China zu einem Land der „freien Meinungsäußerung“ wird.

Nach einem alten chinesischen Sprichwort „erhält eine gerechte Sache reichlich Unterstützung, während eine ungerechte Sache geringe Unterstützung findet.“ Eine „gerechte Sache“ wohnt in den Herzen der Menschen. Ohne die Herzen der Nachrichtenmacher – oder in zunehmendem Maße der Zensoren – wird das scheinbar gewaltige Gebäude der journalistischen Vorschriften früher oder später zusammenbrechen wie die Berliner Mauer.

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