Thursday, October 23, 2014
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Ein drohende Krise bei Antidepressiva

Die weit verbreitete Verschreibung von Medikamenten gegen Gemütsbeschwerden ist schon immer schlecht ausgegangen. Das reicht zurück bis in die Zeit der Opiate und des Kokain und herauf bis zu den Bromide, Schlaf- und Beruhigungsmittel: Sie alle erwiesen sich als sehr süchtig machende Drogen. Doch haben die Ärzte erst nach Jahre langer Leugnung schließlich zugegeben, dass es sich tatsächlich so verhält. Jetzt werden Antidepressiva -in den Haushalten weltweit gängige Markennamen - zum Problem. Im letzten Jahrzehnt kam es zu einer Verdreifachung der Verschreibungen. In England werden inzwischen so viele Antidepressiva verschrieben wie Valium in seiner Spitzenzeit um 1979.

Es ist inzwischen klar, dass die heutigen Antidepressiva nicht die Wunderdrogen sind, als die sie angepriesen worden waren. Die manchmal unerträgliche Entzugserscheinungen, die es schwierig und gefährlich machen können, die Einnahme von Antidepressiva abzusetzen, setzen viele Benutzer noch weiteren ernsten und deprimierenden Nebenwirkungen aus: Deutliche Gewichtszunahme, Verlust an libido und Stimmungsumschwünge, um nur die üblichsten Beschwerden zu nennen. Über Verdachtsmomente, dass solche Probleme existieren - insbesondere die Neigung zur Depression und Selbstmord aufgrund der Drogeneinnahme - wurde seit Jahren gemunkelt, doch haben wissenschaftliche Untersuchungen dazu gerade erst eingesetzt.

Die Ergebnisse einer wichtigen Untersuchung, welche die Aufsichtsbehörde für Medikamente im Vereinigten Königreiches Mitte 2003 in Auftrag gegeben hat, werden bald vorliegen. Sie werden zweifellos hauptsächlich als Empfehlung zu Änderungen der Warnungen im Kleingedruckten auf den Begleitzettel der Medikamenten und der Anweisungen für ihre Einnahme dargeboten werden. Dies kann helfen, wird aber der eigentlichen Frage nicht gerecht: Wie konnte die Aufsichtsbehörde wieder ein solches Problem nach so vielen bitteren Erfahrungen aufkommen lassen, und warum lässt man jetzt zu, dass sie sich selbst überprüft?

Auf der Richterskala für Drogenkatastrophen, auf der Contergan Platz 10 einnimmt, scheint die anstehende Krise der Antidepressiva zwischen Platz 7 und 11 zu schwanken. Mit der Zeit wird sich herausstellen, wo genau. Doch der eigentliche Punkt ist der folgende: Zur Contergan-Katastrophe der 1950er und 1960er Jahre war es gekommen, weil es keine unabhängige Kontrolle für die Risiken der Medikamente gab, während es zur Krise der Antidepressiva unter der Regie eines komplizierten, teuren und weltweiten Überwachungssystems gekommen ist.

Der springende Punkt der Antidepressiva Krise ist nicht, dass diese Drogen so viel Schaden angerichtet haben, sondern dass man das zuließ, wo doch die Präzedenzfälle so offenkundig waren. Wenn diese Krise einmal angemessen untersucht wird, wird sich nicht so sehr eine Dose pharmakologischer Würmer auftun, als viel mehr die Frage stellen, was ein Medikament ist und sein sollte.

Diese grundlegende Frage scheint um so wichtiger zu sein, als das Internet seit einigen Jahren unter Hinweisen auf die kommende Krise ächzt. Das explosionsartige Anwachsen des Internets führte zu völlig neuen Möglichkeiten, solche Hinweise zu sammeln, darzustellen und mitzuteilen. Es erweiterte und vertiefte das Verständnis der Probleme in Verbindung mit den Antidepressiva und verlieh den Patienten eine gemeinsame Stimme wie nie zuvor.

Früher war die Überwachung der Risiken der Medikamente auf gelegentliche Berichte von Gesundheitsexperten über schädliche Reaktionen der Patienten auf Medikamente angewiesen. Doch die jetzige Krise enthüllt die grundsätzlichen Unzulänglichkeiten solcher Berichte zu einem Grad, dass die Erfahrungen der Benutzer mit den Drogen keinesfalls glaubwürdig wieder übergangen werden können.

Durch das Internet vereint begannen viele Tausende von Patienten aus allen Teilen der Welt, ihre Erfahrungen mit Antidepressiva und den Problemen bei ihrer Absetzung zu beschreiben. Sie wiesen wenig Ähnlichkeit mit den Warnhinweisen auf den Begleitzetteln auf. Die Wirkung dieser Anwenderberichte war weit reichend: 2003 korrigierte ein Pharmaunternehmen seine Einschätzung über den Anteil der Entzugsbeschwerden von 0.2 % im Jahr 2002 auf 25 % (dies, obwohl der Hersteller eines ähnlichen Medikaments weiterhin behauptet, es sei nicht "Verhalten prägend").

Die Antidepressiva Krise bietet zum ersten Mal drastische Beweise für den Wert zusammengefasster Anwenderberichte zum Verständnis von Drogenrisiken. Ganz sicher sind solche Anwenderberichte nicht "wissenschaftlich" und die meisten könnten für sich genommen naiv, verworren, übertrieben, falsch, und/oder einfach nur deutlich zu selbst bezogen erscheinen. Dennoch bieten sie in diesem Fall zusammengefasst verlässlichere Hinweise als das, was zahlreiche kontrollierte, klinische Überprüfungen berichten.

Daher stehen also nicht so sehr der Wert der Patientenberichte in Frage, sondern die Integrität der medizinischen Forschung und der Zustand der Wissenschaft. "Wie gefärbt ist inzwischen schon die klinische Medizin?" fragte im Jahr 2002 ein Leitartikel in der britischen medizinischen Zeitschrift The Lancet ; die Antwort war: ,,sehr und sogar schädigend". Die Doppeldeutigkeit im Bereich der Vermarktung von Antidepressiva unterstreicht noch, wie korrupt der Berufszweig geworden ist.

Die sich entfaltende Krise weitet sich zu Fragen aus, welche Demokratie und Wissenschaft, die Beziehung zwischen Risiko und Nutzen und den Konflikt zwischen den Anforderungen des Gewerbes und der Gesundheit betreffen. Aber ein Merkmal erfasst mehr als alle anderen das zugrunde liegende Problem: Die klaffende Lücke zwischen den Worten der Patienten, die sich aussprechen, und der Terminologie der Produzenten, Fachleute und Behörden, welche diese Worte verdrehen.

In den 1990er Jahren wurde "Depression" formell als eine Serotonin-Mangelerkrankung und die Geißel von Millionen Menschen umdefinierte - das war eine bequeme und verführerische Ansicht, aber eine weitgehende Vereinfachung. Auch der Begriff "Drogen-Abhängigkeit" wurde mit der Absicht neu definiert, im therapeutischen Zusammenhang den Verlust an persönlicher Autonomie gar nicht erst aufkommen zu lassen. Der Allerweltsbegriff "Diskontinuitäts-Symptome" - eine Orwell'sche Neusprech-Schöpfung für das sich in sich Zurückziehen - implizierte, dass Antidepressiva kein Abhängigkeitsrisiko beinhalteten.

Im Gegenteil, ihr Wunschdenken verleitet die Fachleute dazu, "Diskontinuitäts-Symptome" als Beweis für die Wirksamkeit lebenswichtiger Abhilfen anzuführen. Später wurden Selbstmordfälle routinemäßig einer "nicht-zufälligen Überdosis" zugeschrieben; und es kam der vieldeutige Begriff "emotionale Labilität" in Mode, obwohl er nicht zwischen einem von Drogen bedingten Selbstmordversuch und einem Weinkrampf unterscheiden konnte.

Im Gegensatz dazu versuchen Anwenderberichte über unerwünschte Nebenwirkungen eher einige wirkliche Zustände bei Menschen zu beschreiben als Eindrücke hervorzurufen, die den beteiligten maßgeblichen Kreisen passen. Auf lange Sicht kann sich die Antidepressiva Krise als verdeckter Segen herausstellen, aber nur, wenn sie die Offenheit und intellektuelle Redlichkeit hervorbringt, die nötig ist, um die Ärzteschaft letztlich den Menschen rechenschaftspflichtig zu machen, denen sie zu dienen vorgibt.

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