Thursday, April 24, 2014
Exit from comment view mode. Click to hide this space
0

Eine globale Agenda für sieben Milliarden Menschen

NEW YORK – Ende nächsten Monats wird ein Kind geboren – der siebenmilliardste Erdenbürger. Die Umstände, in die er oder sie hinein geboren wird, werden wir nie kennen lernen. Was wir wissen, ist, dass der Säugling eine Welt betritt, die großen und unvorhersehbaren Veränderungen unterworfen ist – in den Bereichen Umwelt, Wirtschaft, Weltpolitik, Technik und Demografie.

Seit der Gründung der Vereinten Nationen im Jahr 1945 hat sich die Weltbevölkerung verdreifacht. Und sie vergrößert sich weiter, und damit werden Land, Energie, Nahrung und Wasser immer knapper. Auch die Weltwirtschaft erzeugt Spannungen: höhere Arbeitslosigkeit, immer größere soziale Ungleichheit und das Entstehen neuer Wirtschaftsmächte.

Durch diese Trends werden die heute lebenden sieben Milliarden Menschen immer stärker miteinander verbunden. Die großen globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts können von keiner Nation allein gelöst werden, sondern nur in internationaler Zusammenarbeit.

Die 66. Sitzung der UN-Generalversammlung bietet den Ländern der Welt erneut die Gelegenheit, über enge und kurzfristige Interessen hinaus zu gehen und gemeinsame Anstrengungen zu unternehmen, die langfristigen Bedürfnisse der gesamten Menschheit zu erfüllen. In einer Zeit, in der alle Nationen individuellen Herausforderungen gegenüber stehen, müssen wir eine weltweite Agenda schaffen, die dazu beiträgt, dass das siebenmilliardste Baby und die zukünftigen Generationen in einer Welt aufwachsen, die von dauerhaftem Frieden, Wohlstand, Freiheit und Gerechtigkeit bestimmt ist.

Um zu einer solchen Zukunft beizutragen, richte ich meine zweite Amtszeit als Generalsekretär auf fünf globale Notwendigkeiten aus – fünf generationsübergreifende Möglichkeiten, durch heutige Entscheidungen die Welt von morgen zu gestalten.

Die erste und größte dieser Notwendigkeiten ist nachhaltige Entwicklung. Wir alle müssen verstehen, es sich bei der Rettung unseres Planeten, der Abschaffung der Armut und der Förderung des Wirtschaftswachstums um ein und denselben Kampf handelt. Wir müssen die Themen des Klimawandels, der Wasserknappheit, der globalen Gesundheit, der Nahrungsmittelversorgung und der Frauenförderung miteinander verbinden. Die Lösung eines Problems muss gleichzeitig zur Lösung aller anderen Probleme beitragen.

In den nächsten fünf Jahren müssen wir eine neue wirtschaftliche Vision für nachhaltige Entwicklung erschaffen und einen globalen Konsens für ein verbindliches Klimaschutzabkommen erreichen. Das Wirtschaftswachstum, die Millennium-Entwicklungsziele und der Kampf gegen den Klimawandel hängen alle davon ab, dass wir ein neues Energiesystem für das 21. Jahrhundert entwickeln und es allen Menschen des Planeten zur Verfügung zu stellen.

Eine weitere Möglichkeit besteht in der Prävention als Rahmen internationaler Zusammenarbeit. In diesem Jahr wird das UN-Budget für Friedenssicherung acht Milliarden US-Dollar umfassen. Durch das Vermeiden von Konflikten könnten wir so viel Geld sparen – beispielsweise, indem wir anstelle von Truppen politische Vermittlungsmissionen einsetzen. Wie das geht, wissen wir. In Guinea, Kenia und Kirgisien haben wir damit gute Erfahrungen gemacht.

Ein dritte Notwendigkeit besteht darin, eine sicherere Welt zu schaffen. Dazu müssen wir uns mutig für Demokratie, Menschenrechte und Frieden einsetzen. In diesem Jahr war unser Einsatz für die Wiederherstellung und Sicherung des Friedens sehr erfolgreich – in der Elfenbeinküste, Darfur, Ägypten und anderswo. Aber immer noch wird unsere Friedensvision durch Hass und Blutvergießen blockiert.  

Im Nahen Osten müssen wir die Pattsituation aufbrechen. Die Palästinenser verdienen ihren eigenen Staat. Israel braucht Sicherheit. Beide möchten Frieden. All dies kann durch Verhandlungen und Vereinbarungen erreicht werden, und die richtige Plattform für die Schaffung eines solchen Friedens sind die Vereinten Nationen.

Auch im Irak, in Afghanistan, in der demokratischen Republik Kongo und in Sierra Leone werden wir uns weiterhin für demokratische Verhältnisse einsetzen. Und im Namen der gesamten Menschheit müssen wir uns um Abrüstung und Nichtweitergabe von Kernwaffen bemühen, um eine atomwaffenfreie Welt zu erreichen.

Die vierte große Möglichkeit besteht in der Unterstützung von Ländern, die sich im Wandel befinden. Die dramatischen Ereignisse dieses Jahres in Nordafrika und im Nahen Osten haben viele Menschen rund um den Globus inspiriert. Lasst uns dazu beitragen, dass der Arabische Frühling eine Jahreszeit der Hoffnung für alle wird.

In Libyen setzen wir eine neue UN-Unterstützungsmission ein, um die Übergangsregierung des Landes beim Aufbau einer neuen Verwaltung und eines neuen Rechtssystems zu unterstützen, die den Bedürfnissen der libyschen Bevölkerung entsprechen. Unsere besondere Besorgnis gilt Syrien. In den letzten sechs Monaten ist dort die Gewalt und Unterdrückung eskaliert. Die Regierung hat wiederholt versprochen, Reformen durchzuführen und auf ihr Volk zu hören. Nichts davon ist passiert. Jetzt ist es Zeit, zu handeln. Die Gewalt muss aufhören.

Und nicht zuletzt ist es unser Ziel, mit Frauen und jungen Menschen zusammen zu arbeiten.  

Mehr als die Hälfte von uns sind Frauen. Sie stellen einen großen Teil des unverwirklichten Potenzials der Welt dar. Wir brauchen ihren vollen Einsatz – in der Regierung, in Unternehmen und in der Zivilgesellschaft. Ein wichtiges Anliegen der Vereinten Nationen ist die Förderung von Frauen auf allen Ebenen der Organisation, und erstmalig beginnt dieses Jahr die neue UN-Frauenorganisation “UN-Women” mit ihrer Arbeit zur Unterstützung der Interessen und Reche der Frauen in aller Welt.

Sieben Milliarden Menschen erwarten von den Vereinten Nationen die Lösung der großen weltweiten Herausforderungen. Sie kommen aus unterschiedlichen Religionen und Umfeldern, aber haben die gleichen Träume und Ziele. Unsere globale Zukunft hängt davon ab, dass wir diese individuellen Talente und universelle Rechte zusammenbringen, um den Zielen zu dienen, die wir alle anstreben. Lasst uns mit unserer gemeinsamen Agenda beginnen.

Exit from comment view mode. Click to hide this space
Hide Comments Hide Comments Read Comments (0)

Please login or register to post a comment

Featured