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Ein deutsches Aufschimmern im globalen Aufschwung

Im Jahr 2004 erreichte das Weltwirtschaftswachstum 5,1%, der schnellste Anstieg der vergangenen 28 Jahre. Während sich der Ifo-Indikator für das Weltwirtschaftsklima, der durch vierteljährliche Befragungen von 1.200 Experten in 90 Ländern ermittelt wird, im Verlauf der drei ersten Quartale des Jahres 2005 leicht verschlechterte, stieg er im letzten Quartal erneut an, und deutete so auf ein Andauern des Aufschwungs hin. Für das Jahr 2005 wird das Wachstum auf etwa 4,3% geschätzt und für 2006 kann mit einer ähnlichen Rate gerechnet werden, was eine seit den Siebzigerjahren nicht da gewesene Phase nachhaltigen globalen Wachstums darstellt.

Es handelt sich jedoch nicht um einen einheitlichen Aufschwung. In den Vereinigten Staaten hat die Zahl der Experten abgenommen, die die gegenwärtige Situation als günstig einstufen; eine Mehrheit glaubt sogar, dass sich die wirtschaftliche Situation im Lauf der kommenden sechs Monate verschlechtern wird. In den asiatischen Ländern hingegen, einschließlich China, bleibt der Optimismus ungebrochen. Das gleiche gilt für Osteuropa, die ehemals sowjetischen Staaten und Lateinamerika.

Die große Überraschung ist Europa, das, anders als 2004 und in der ersten Hälfte 2005, nunmehr den Rest der Welt einzuholen scheint. Während das Wachstum in den “alten” Mitgliedern der Europäischen Union im Jahr 2005 dürftige 1,5% betrug, rechnet das Ifo-Institut für 2006 mit einem Anstieg des EU-15 Wachstums auf 2,1%.

Sicherlich wird die Wirtschaftsleistung in den verschiedenen EU-Ländern stark variieren. Während Italien mit nur 1,1% Wachstum der Nachzügler sein wird, wird die Rakete Irland ihre Kraft beibehalten und das reale BIP um etwa 4,8% steigen lassen. Im Allgemeinen schneiden die großen EU-Länder im Gegensatz zu den kleineren Mitgliedern nach wie vor schlecht ab – kaum überraschend, wenn man bedenkt, dass die EU im Wesentlichen eine Institution zur Unterstützung der kleineren Länder bei der Überwindung ihres Größennachteils ist, indem sie die Agglomerationsvorteile ausdehnt, die vormals den größeren Ländern vorbehalten waren.

Doch sogar Deutschland, der größte Wirtschaftraum Europas, erlebt einen Aufschwung. Der Ifo-Indikator für das Wirtschaftsklima in Deutschland, der auf monatlich durchgeführten Befragungen von 7.000 Unternehmen basiert, verzeichnete in der zweiten Jahreshälfte 2005 einen sprunghaften Anstieg und erreichte seinen höchsten Wert seit dem Hochkonjunkturjahr 2000; die gegenwärtige Situation wurde von den Unternehmen als besser eingeschätzt, ihre Erwartungen stiegen. Nach fünf Jahren der Stagnation kommt endlich Bewegung in die Wirtschaft.

Das Zugpferd ist die Auslandsnachfrage, denn als zweitgrößter Exporteur der Welt profitiert Deutschland vom globalen Boom. Die Exporte stiegen im Jahr 2005 um 6,2% und im Jahr 2006 wird mit einer Steigerung von 7,4% gerechnet.

Wie wir 2004 und 2005 beobachten konnten, reichen Exporte jedoch nicht aus, um umfangreiches Wachstum zu erzeugen, wenn die Binnennachfrage nicht nachzieht. Die gute Neuigkeit für Deutschland ist, dass jetzt auch die Investitionsnachfrage wächst. Während die zweite Jahreshälfte 2005 bereits recht gut war, erwartet das Ifo-Institut bei der Anschaffung von Ausrüstung und Anlagen ein robustes Wachstum von 6% für 2006. Nach vielen Jahren der Kontraktion werden auch Investitionen im Baugewerbe leicht zunehmen.

Beim Investitionswachstum im Gesamtjahr wird mit einem Anstieg auf 2,9% gerechnet – gemessen an Maßstäben der Vergangenheit schwach, aber für die angeschlagene deutsche Stimmung dennoch vielversprechendes Balsam. Zudem ist jegliches Investitionswachstum für Deutschland von entscheidender Bedeutung, das den jüngsten OECD-Statistiken zufolge zur Zeit den weltweit niedrigsten Anteil an Nettoinvestitionen am Volkseinkommen erduldet. Sogar wenn Deutschland weltweit der Nachzügler bleiben sollte, wird eine überhaupt steigende Investitionsnachfrage zum Wachstum des BIP beitragen, das laut Ifo 2006 um 1,7% steigen dürfte.

Verglichen mit den meisten anderen Ländern wirkt diese Zahl klein. Tatsächlich werden alle EU-Länder außer Italien und den Niederlanden schneller wachsen. Aber alles ist relativ: Die deutsche Trendwachstumsrate beträgt nur 1,1% und das Land ist seit 1995 das am langsamsten wachsende EU-Land. Gemessen an einer enttäuschenden Vergangenheit, erfährt sogar Deutschland gegenwärtig einen wirtschaftlichen Aufschwung. Sogar die seit 1970 zyklisch steigende Arbeitslosigkeit in Deutschland wird 2006 leicht sinken, von 4,8 auf 4,7 Millionen.

Die guten Wirtschaftszahlen werden erste positive Eindrücke der neuen Regierung von Angela Merkel bekräftigen, der beim EU-Gipfel ein ausgezeichneter Einstieg gelang, bei dem Merkel die Aushandlung eines Kompromisses zwischen Großbritannien und Frankreich über den Haushalt der Union für 2007-2013 unterstützte (indem sie den jährlich zu zahlenden Beitrag Deutschlands um weitere €2 Milliarden erhöhte).

Möglicherweise hat die Regierung durch die Ankündigung ernsthafter Bemühungen zur Konsolidierung Deutschlands eigener Staatsfinanzen sogar ein wenig zu den guten Wirtschaftszahlen beigetragen – eine Voraussetzung für das Vertrauen der Investoren. Der Regierung zufolge werden wesentliche Steuererhöhungen den Fehlbetrag im Staatshaushalt bis 2007 unter die im Stabilitäts- und Wachstumspakt festgelegte 3%-des-BIP Grenze bringen – ein Ziel, das in fünf aufeinanderfolgenden Jahren nicht erreicht wurde.

Die wirkliche Prüfung für die deutsche Regierung ist der Arbeitsmarkt. Die meisten Beobachter sind sich jetzt einig, dass Deutschland so etwas braucht, wie den amerikanischen Earned Income Tax Credit. In Deutschland wird es “Aktivierende Sozialhilfe” oder “Kombilöhne” genannt, aber das Prinzip ist das gleiche: Der Staat sollte weniger Geld für das Nichtstun und mehr für die Teilnahme am Arbeitsgeschehen bezahlen. Die Verteilung der Löhne würde so erweitert, Arbeitsplätze geschaffen und der Lebensstandard der Armen gehalten.

Bei ihrer Antrittsrede im Bundestag verkündete Angela Merkel, dass ihre Regierung 2006 ein solches System einführen wird. Wenn dies mehr als ein Lippenbekenntnis ist, und wenn sie wirklich eine ernsthafte Reform der Anreizstruktur des deutschen Sozialstaates durchführt, kann dies zu höheren Beschäftigungszahlen und strukturellem Wirtschaftswachstum führen. Langfristig wäre dies für die EU – und für die globale Wirtschaft – vielversprechender als das nachfrageorientierte Ergebnis, an dem sich Deutschland gegenwärtig erfreut.

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