Friday, October 31, 2014
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Befinden sich die USA in einer zwei Stufen Rezession?

Noch im letzten Winter war Amerikas Zentralbank - die Federal Reserve Bank (FED)- eifrig damit beschäftigt, sich auf die Schulter zu klopfen. Die Senkung des Leitzinssatzes der Bundesbank auf 1.75 % pro Jahr schien Erfolg zu zeigen, die Rezession an ihr Ende zu kommen. Trotz nüchternerer Erwartungen über die Auswirkung der High-Tech-Revolution auf Produktivität und Profite und trotz der durch den Terrorangriff auf das Welthandels-Zentrum entfachten Angst glaubte man, amerikanische Unternehmen würden bald wieder in großem Stil investieren, weil sich Geld zu 1.75 % Zinsen auszuleihen, ein zu gutes Geschäft war, um es sich entgehen zu lassen.

Doch gegen Ende des Frühjahrs hatten sich nach dem Zusammenbruch der Firmen Enron, WorldCom, und Arthur Andersen diese Erwartungen verflüchtigt. Plötzlich zweifelte jeder die Richtigkeit der Finanzberichte amerikanischer Gesellschaften an. Plötzlich bemerkte jeder, wie sehr sich Amerikas System der Firmenaufsicht und Kontrolle während der Finanzblasen-Ökonomie der 1990er Jahre verschlechtert hatte.

Die amerikanische Börse fiel um 15-20 % hinter den Stand vom Winter zurück. Die Schere zwischen dem Zinssatz, zu dem die amerikanische Regierung Geld aufnehmen, und demjenigen, zu dem Amerikas Firmen Geld leihen konnten, öffnete sich weiter. Und plötzlich hörte die FED auf, sich zu gratulieren: Ein Zinssatz von 1.75 % mag wohl der richtige Zinssatz zur Ankurbelung des Aufschwungs sein, wenn der Dow Jones Aktien Index bei 10,000 steht, aber nicht, wenn er bei 8,500 angelangt ist.

Während des Sommers blieben die Nachrichten über die Investitionstätigkeit der Unternehmen enttäuschend. Mehr und mehr Analytiker fingen an, über die Möglichkeit einer ,,zwei Stufen" Rezession zu sprechen.

Doch während alledem blieb die FED untätig. Die Zinssätze für kurzfristige Anleihen, für die sie zuständig ist, kamen nicht in Bewegung. Erst Mitte August deutete die FED an, dass die Zinssätze gesenkt werden könnten.

Die offiziell und inoffiziell von der FED ausgestreuten Gründe ihrer Untätigkeit hatten zwei Seiten. 1. Die Zinssätze für Kurzzeitgelder seien schon so niedrig, dass jede weitere Senkung nur als vorübergehend angesehen werden würde. Sie hätten daher wenig Einfluss auf die Zinsraten für Langzeitgelder, die eigentlich die Geschäftsinvestitionen voranbringen.

2. lägen die Zinssätze für Kurzzeitgelder schon so niedrig, dass weitere Zinssenkungen nur die Finanzmärkte verunsichern würden. Wenn sogar die FED meinte, die Zustände verlangten weitere Zinssenkungen - so das Argument - dann würden die Firmen darauf nicht mit höheren Investitionen reagieren, sondern diese eher noch weiter drosseln. Die Einschätzung der FED schien darauf hinauszulaufen, dass sie weitgehend (wenn nicht gar vollkommen) machtlos sei. Sie hatte alles versucht, was in ihrer Macht stand, doch die Hebel der Finanzpolitik griffen nicht mehr so stark ineinander, dass sie den Grad der wirtschaftlichen Aktivität bestimmen konnten.

Auf diese Weise folgten die USA im Jahr 2002 Japan in das, was die Ökonomen seit 65 Jahren eine Liquiditätsfalle nannten: nämlich eine Situation, in der die nominellen Zinsen für Kurzeitgelder, welche die Zentralbank festlegen konnte, so niedrig und so locker mit dem Niveau der Gesamtnachfrage verknüpft waren, dass sich weitere Zinssenkungen im Kampf gegen die Rezession als unwirksam erwiesen.

Amerikas Situation war nicht einmalig: Japan befand sich seit Mitte der 1990er Jahre in den Fängen der Liquiditätsfalle. Doch hatte es dafür seit der Großen Depression der 1930er Jahre sonst keine weiteren Beispiele gegeben.

Ob Amerika jetzt tatsächlich in einer Liquiditätsfalle steckt, ist ungewiss, unbekannt ist auch, wie lange dieser Zustand noch dauern wird. Auch wenn Amerika erst am Rand einer Liquiditätsfalle stünde, und wenn es sich bald aus dem gegenwärtigen Zustand wieder herausbewegen würde, bleibt dies doch eine beängstigende Lage. Wenn die Geldpolitik sich als unwirksam erweisen sollte, bleibt der amerikanischen Regierung, um ihre Wirtschaft wieder in den Griff zu bekommen, nur noch der Hebel der Steuerpolitik: Nämlich die Steuern der Regierung und ihre Ausgabenpläne so zu ändern, dass dies den unmittelbaren Beitrag der Regierung auf die Gesamtnachfrage beeinflusst.

Doch die Lehre der Jahrzehnte seit dem 2. Weltkrieg ist die, dass die US-Regierung mit ihrer komplizierten, barocken, aus dem 18. Jahrhundert stammenden Organisation unfähig ist, die Politik schnell genug zu verändern, um die Steuerpolitik wirksam als Leitungsinstrument der Wirtschaft handhaben zu können. Es dauert ganz einfach zu lange, bis Änderungen der Steuern und Ausgaben ihren Weg durch den Kongress und die Bürokratie genommen haben. Ein in der Liquiditätsfalle gefangenes Amerika ist - ganz einfach - ein Land ohne wirksame Werkzeuge für das gesamtwirtschaftliche Management.

Es gab seit dem 2. Weltkrieg zwei Phasen, in denen Politiker - jedenfalls amerikanische Politiker - geglaubt hatten, das Rätsel der Konjunkturzyklen gelöst und gelernt zu haben, wie man eine moderne, industrielle oder nachindustrielle Wirtschaft steuert. Die erste Phase bestimmte die Politik der Keynesianischen Hochwasserstands-Anzeige der 1960er Jahre voll Vertrauen in die Nachfragesteuerung. Sie wurde mit der Inflation während des Vietnam-Kriegs und den Ölpreisschocks der 1970er Jahre unwirksam. Die zweite umfasste das Jahrzehnt der erfolgreichen Steuerung der Konjunkturzyklen durch Alan Greenspans unabhängige, apolitische, und technokratische FED während der 1990er Jahre. Diese zweite Phase erweist sich nun als ebenso vorübergehend wie die erste.

Vor achtzig Jahren behauptete John Maynard Keynes folgendes, - Regierungen müßten die Verantwortung für Vollbeschäftigung und Preisstabilität übernehmen, - die Zeit des Goldstandards vor dem 1. Weltkrieg sei nicht die Heile Welt gewesen, wofür sie die Leute gehalten hätten, - und, ihren Erfolg habe diese Zeit vielmehr einem glücklichen Zusammentreffen von Umständen zu verdanken, das sich so wahrscheinlich nicht wiederholen werde.

Keynes war Optimist, wenn er glaubte, die Regierungen könnten lernen, die Konjunkturzyklen zu steuern. Er wäre schockiert, würde er die heutige Welt sehen: ein Europa mit unverändert hoher Arbeitslosigkeit, ein Japan, das seit einem Jahrzehnt in einer Stagnation festsitzt, ein Amerika ohne die politischen Instrumente, um mit irgendeiner weiteren unerwarteten, wirtschaftlichen Hiobsbotschaft umgehen zu können.

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