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Eine Krise in zwei Geschichten

CHICAGO – Die industrialisierten Demokratien der Welt befinden sich in der Krise, und zur Erklärung ihrer Ursache – und angemessener Gegenmaßnahmen – sind zwei unterschiedliche Geschichten im Umlauf. Die erste und besser bekannte Diagnose ist, dass aufgrund hoher Schulden vor der Krise die Nachfrage eingebrochen ist. Die Haushalte (und Staaten), die am meisten ausgegeben haben, können sich nichts mehr leihen. Um das Wachstum wiederzubeleben, müssen andere ermutigt werden, Geld auszugeben – Regierungen, die noch immer kreditwürdig sind, sollen ihre Defizite vergrößern, und niedrige Zinssätze sollen Haushalte vom Sparen abhalten.

Unter diesen Umständen ist Sorglosigkeit in Haushaltsfragen eine Tugend, zumindest kurzfristig. Sobald mittelfristig das Wachstum wieder einsetzt, können die Schulden zurückgezahlt und der Finanzsektor gezügelt werden, damit er die Welt nicht mit einer weiteren Krise überzieht.

Diese Geschichte – die auf die Schuldenkrise angepasste keynesianische Standarderklärung – ist diejenige, der sich die meisten Politiker, Notenbanker und Wall-Street-Ökonomen verschrieben haben, und sie muss nicht weiter ausgeführt werden. Sie hat den Vorteil, dass sie Politikern klare Handlungsvorgaben gibt und Ergebnisse verspricht, die an den politischen Zyklus angepasst sind. Leider ist das Wachstum trotz bereits durchgeführter Anreize immer noch schwach, und es wird immer schwieriger, vernünftige und kurzfristig lohnenswerte neue Ausgabemöglichkeiten zu finden.

Die Aufmerksamkeit wechselt daher hin zur zweiten Geschichte, die davon handelt, dass die grundlegende Fähigkeit von Industrieländern, durch die Produktion nützlicher Dinge zu wachsen, schon seit Jahrzehnten zurückgeht – ein Trend, der durch schuldengetriebene Ausgaben lediglich verschleiert wurde. Diese Länder zu nachhaltigem Wachstum zurückzuführen, kann nicht durch weitere solche Ausgaben erreicht werden. Statt dessen müssen sich die Rahmenbedingungen für Wachstum verbessern.

Diese zweite Geschichte beginnt in den 1950ern und 1960ern, einer Zeit rasanten Wachstums im Westen und in Japan. Dieser lange Aufschwung war auf mehrere Faktoren zurückzuführen, darunter der Nachkriegsaufbau, das Wiederaufleben des Handels nach den protektionistischen 1930ern, die Einführung neuer Technologien in den Bereichen Energieerzeugung, Transport und weltweiter Kommunikation, und die Verbesserung der Ausbildung. Aber, wie es Tyler Cowen in seinem Buch The Great Stagnation beschreibt, wurde es nach dem Pflücken dieser “niedrig hängenden Früchte” von den 1970ern an deutlich schwieriger, das Wachstum fortzusetzen.

Wie Wolfgang Streeck in der New Left Review überzeugend schreibt, waren die demokratischen Regierungen nach der scheinbar endlosen Perspektive von Innovation und Wachstum der 1960er nur zu bereit, den Wohlfahrtsstaat auszubauen. Aber mit der Abschwächung des Wachstums bedeutete dies eine Expansion der staatlichen Ausgaben bei gleichzeitig schrumpfenden Ressourcen. Eine gewisse Zeit lang erfuhr diese Ausgabenpolitik die Unterstützung der Notenbank. Die daraus entstehende hohe Inflation rief großen Unmut hervor, besonders deshalb, weil das Wachstum schwach blieb. Das Vertrauen in keynesianische Stimulation ließ nach, obwohl die öffentlichen Schulden durch die hohe Inflation abnahmen.

Die Notenbanken setzten sich daraufhin geringe und stabile Inflation als Hauptziel und erlangten höhere Unabhängigkeit von ihren politischen Vorgesetzten. Aber die schuldenbasierten Regierungsausgaben setzten sich fort, und die am BIP gemessenen öffentlichen Schulden der Industrieländer stiegen seit den späten 1970ern stetig weiter – diesmal ohne Inflation zur Wertminderung.

Angesichts der Notwendigkeit, neue Wachstumsquellen zu finden, deregulierten die Vereinigten Staaten am Ende der Präsidentschaft von Jimmy Carter und dann unter Ronald Reagan die Industrie und den Finanzsektor, wie es auch Margaret Thatcher in Großbritannien getan hatte. Mit der Zeit wuchs in diesen Ländern die Produktivität erheblich, was auch Kontinentaleuropa zu eigenen Reformen veranlasste, die oft durch die Europäische Kommission vorangetrieben wurden.

Aber selbst dieses Wachstum reichte angesichts der großzügigen Pensions- und Fürsorgeversprechen vorheriger Regierungen nicht aus – Versprechen, deren Einhaltung durch steigende Lebenserwartung und sinkende Geburtenraten noch weiter erschwert wurden. Die Schulden der öffentlichen Hand stiegen weiter. Und die Einkommen der durchschnittlich gebildeten Mittelklasse profitierten nicht vom deregulierungsgetriebenen Wachstum (auch wenn dies ihre Stellung als Konsumenten verbesserte).

Seit neuestem nimmt die hektische Suche der Industrieländer nach Wachstum andere Formen an. In einigen Ländern, insbesondere in den USA, führte ein Kreditboom im privaten Sektor zu neuen, niedrig qualifizierten Arbeitsplätzen in Sektoren wie dem Bauwesen, und löste über Hypotheken auf überbewertete Häuser einen Konsumrausch aus. In anderen Ländern wie Griechenland und Teilen Italiens und Spaniens entstanden sichere Arbeitsplätze für die mittlere Bildungsschicht dadurch, dass die Regierungen selbst in großem Ausmaß Stellen schufen.

In dieser “fundamentalen” Geschichte wurde das BIP der Industrieländer vor der Krise durch Kreditaufnahme und unproduktive Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gefördert und war daher nicht nachhaltig. Weiteres Wachstum auf Pump – das keynesianische Rezept – könnte die Illusion der Normalität aufrecht erhalten und nach einer tiefen Krise zur Beruhigung nützlich sein, ist aber keine Lösung für ein grundlegendes Wachstumsproblem.

Wenn diese Diagnose richtig ist, müssen sich die Industrieländer darauf konzentrieren, mittelfristig Innovationen und Produktivitätssteigerung zu stärken und die Sozialversprechen an die Einnahmemöglichkeiten anpassen, während kurzfristig die Not der wirklich Bedürftigen gelindert wird. In Südeuropa könnte das Wachstumspotenzial beispielsweise in der Deregulierung der Dienstleistungssektoren und der Verringerung von Arbeitsplatzschutz bestehen, um für entlassene öffentliche Angestellte und arbeitslose Jugendliche mehr Arbeitsplätze im privaten Sektor zu schaffen.

In den USA besteht die Aufgabe darin, die Lücke zwischen möglichen Arbeitsplätzen und den tatsächlichen Fähigkeiten der Arbeiter zu schließen. Die Menschen kennen ihre eigenen Bedürfnisse besser als die Regierung und verhalten sich entsprechend. Viele Frauen beispielsweise verlassen ihre niedrig bezahlten Arbeitsplätze, um Fähigkeiten zu erwerben, die ihnen Zugang zu lukrativeren Stellen bieten. Die Regierung hat solchen Themen zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet, etwa weil Effekte erst in späteren Wahlperioden eingetreten wären oder weil die Effizienz von Regierungsprogrammen zu wünschen übrig gelassen hat. Anreize zur Umschulung und Arbeitsaufnahme könnten hingegen durch eine Steuerreform gesetzt werden, die auch noch Haushaltslöcher stopfen könnte.

Hoffentlich können zukünftig mehr Arbeitsplätze geschaffen werden, wobei drei mächtige Werkzeuge hilfreich sein könnten: bessere Verwendung von Informations- und Kommunikationstechnologie (und neue Möglichkeiten, sie rentabel zu machen), niedrigere Energiekosten durch Erschließung alternativer Quellen und stark erhöhte Nachfrage nach hochwertigen Gütern aus Schwellenländern.

Die Industrieländer haben die Wahl. Sie können so tun, als sei alles in Ordnung und das Problem seien lediglich ängstliche Konsumenten, deren “tierische Instinkte” durch Anreize wiederbelebt werden müssen. Oder sie können die Krise als Weckruf sehen, um die Probleme zu lösen, die in den letzten Jahrzehnten übertüncht wurden. Was auch immer geschieht: Die Zukunft dieser Länder – und die der Weltwirtschaft – hängt letztlich davon ab, von welcher Geschichte die Regierungen und Menschen überzeugt sind.