Sunday, April 20, 2014
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Einzigartige Chance für die globale Gesundheit

NEW YORK – Jedes Jahr sterben vor allem in armen Ländern Millionen Menschen an vermeidbaren und behandelbaren Krankheiten. In vielen Fällen können lebensrettende Medikamente zwar in Massenproduktion kostengünstig hergestellt werden,  aber ihr Verkaufspreis liegt so hoch, dass damit der Zugang für diejenigen, die diese Arzneien brauchen, blockiert ist. Und viele Menschen sterben, weil es keine Behandlung für ihre Krankheit oder Impftstoffe gibt. Der Grund dafür ist, dass nur ein geringer Teil der wertvollen Forschungsarbeit und der Ressourcen für die Krankheiten der Armen aufgewendet werden.

Diese Sachlage stellt ein Versagen von Wirtschaft und Recht dar, das dringend korrigiert werden muss. Die gute Nachricht ist, dass mittlerweile neue Chancen auf einen Wandel bestehen. Am vielversprechendsten ist dabei eine Initiative der Weltgesundheitsorganisation, mit der man das unzulängliche Regelwerk für geistiges Eigentum korrigieren könnte, das der Entwicklung und der Verfügbarkeit billiger Medikament im Weg steht.

Die Verfügbarkeit von Medikamenten ist heute aufgrund zweier Hauptprobleme eingeschränkt. Erstens sind Medikamente sehr teuer; oder genauer gesagt, der Preis, der dafür verlangt wird, ist sehr hoch, obwohl die Produktionskosten nur einen Bruchteil dieses Betrags ausmachen. Zweitens ist die Entwicklung von Medikamenten auf Gewinnmaximierung ausgerichtet und nicht auf sozialen Nutzen. Das verzerrt die Anstrengungen zur Entwicklung von Medikamenten, die von zentraler Bedeutung für das Wohlergehen der Menschen sind. Weil den Armen so wenig Geld zur Verfügung steht, haben die Medikamentenhersteller unter den gegenwärtigen Bedinungen wenig Anreize, sich der Erforschung von Krankheiten zu widmen, von denen die Armen betroffen sind.  

Das muss nicht sein. Die Pharmaunternehmen argumentieren, dass es hoher Preise bedarf, um Forschung und Entwicklung zu finanzieren. In den Vereinigten Staaten allerdings finanziert eigentlich der Staat den Großteil der Forschung und Entwicklung im Gesundheitsbereich – entweder direkt durch öffentliche Unterstützung (Nationales Gesundheitsinstitut, Nationale Wissenschaftsstiftung) oder indirekt durch Ankäufe von Medikamenten für die Gesundheitsprogramme Medicare und Medicaid. Aber nicht einmal der nicht vom Staat finanzierte Teil ist ein konventioneller Markt, denn der Großteil der Ausgaben für verschriebene Medikamente ist durch Versicherungen gedeckt.

Der Staat finanziert die Forschung im Gesundheitsbereich, weil es sich bei verbesserten Medikamenten um ein öffentliches Gut handelt. Von dem aus dieser Forschung resultierenden Wissen profitieren alle, und zwar durch Eindämmung von Epidemien und die Begrenzung der aufgrund weit verbreiteter Krankheiten entstehenden wirtschaftlichen und menschlichen Kosten. Effizienz erfordert die weitestgehende gemeinsame Nutzung von Forschungsergebnissen, sobald diese verfügbar sind. Thomas Jefferson verglich Wissen mit Kerzen: Auch wenn mit der Flamme einer Kerze eine andere Kerze entzündet wird, brennt ihr eigenes Licht nicht schwächer. Im Gegenteil, alles wird heller.   

Und doch sind in Amerika und dem Großteil der Welt die Medikamentenpreise noch immer exorbitant hoch und die Verbreitung des Wissens eng begrenzt. Der Grund dafür ist, dass wir ein Patentsystem geschaffen haben, das den Innovatoren ein zeitweiliges Monopol über ihr Werk einräumt, was diese wiederum ermutigt, ihr Wissen unter Verschluss zu halten, um damit nicht der Konkurrenz zu helfen.

Während dieses System zwar für einige Forschungsarten Anreize bietet, weil dadurch Innovation profitablel wird, ermöglicht es auf der anderen Seite den Pharmaunternehmen die Preise in die Höhe zu treiben und die Anreize entsprechen nicht unbedingt den sozialen Erträgen. Auf dem Gesundheitssektor kann es profitabler sein, sich der Forschung für ein Analogpräparat zu widmen, als der Entwicklung einer Behandlung, die wirklich etwas bewirkt. Das Patentsystem kann auf Innovation sogar nachteilige Auswirkungen haben, weil es die Geheimhaltung fördert, während der wichtigste Beitrag für jede Art der Forschung aus früheren Ideen besteht.

Eine Lösung für die Probleme hoher Preise und fehlgeleiteter Forschung ist der Ersatz des aktuellen Modells durch einen staatlich unterstützten Preisfonds. Mit einem derartigen Preissystem werden Innovatoren für neues Wissen belohnt, aber sie bekommen kein Monopol auf die Nutzung dieses Wissens. Auf diese Weise kann der Wettbewerb auf den Märkten sicherstellen, dass ein Medikament nach seiner Entwicklung nicht zu einem überhöhten Monopol-Preis, sondern zum niedrigstmöglichen Preis zur Verfügung steht.

Glücklicherweise interessieren sich einige amerikanische Abgeordnete stark für diesen Ansatz. Der von Senator Bernie Sanders eingebrachte Gesetzesentwurf Prize Fund for HIV/AIDS Act ist nicht einfach nur eine Initiative. Darin enthalten sind auch wichtige Bestimmungen hinsichtlich der Förderung der Open-Source-Forschung. Damit soll der Schwerpunkt des aktuellen Forschungsmodell von Geheimhaltung in Richtung gemeinsame Wissensnutzung verschoben werden. 

Global betrachtet benötigt unser Innovationssystem allerdings viel tiefgreifendere Veränderungen. Die Bemühungen der WHO für breit angelegte Reformen auf internationaler Ebene sind von entscheidender Bedeutung. In diesem Frühjahr veröffentlichte die WHO einen Bericht, in dem für die internationale Ebene ähnliche Lösungen wie in dem amerikanischen Gesetzesentwurf empfohlen werden.

In diesem Bericht unter dem Titel „Research and Development to Meet Health Needs in Developing Countries,” wird ein umfassender Ansatz propagiert, einschließlich verpflichtender finanzieller Beiträge der Staaten für die Forschung im Bereich Gesundheitsversorgung in Entwicklungsländern; internationale Koordination der Prioritäten im Gesundheitsbereich und deren Umsetzung sowie eine globale Überwachungseinrichtun, die erhebt, wo der Bedarf am größten ist. Ende Mai wird die internationale Gemeinschaft die Chance haben, diese Ideen bei der Weltgesundheitsversammlung der WHO in die Tat umzusetzen – ein Moment der Hoffnung für die öffentliche Gesundheit auf der ganzen Welt.

Die Reform unseres Innovationssystems ist nicht nur eine Frage der Ökonomie, sondern in vielen Fällen von Leben und Tod. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, die Anreize im Bereich F&E von den Medikamentenpreisen zu entkoppeln und die verbesserte gemeinsame Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu fördern.

Für Amerika markiert der Sanders-Gesetzesentwurf einen bedeutenden Fortschritt. Für die ganze Welt stellen die Empfehlungen der WHO eine seltene und einzigartige Gelegenheit dar, langjährige und bodenlose Ungerechtigkeiten in der Gesundheitsversorgung abzustellen und ganz allgemein ein Regime für globale öffentliche Güter zu entwickeln, das dem Zeitalter der Globalisierung entspricht. Wir können es uns nicht leisten, diese Gelegenheit zu verpassen.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

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  1. CommentedMarianne Doczi

    I think this is a very pragmatic and achievable approach to incentivising R&D to create the necessary drugs. It also enables the benefits of open innovation to be applied, namely that experts from diverse disciplines will provide suggestions/solutions. It will also encourage more collaboration. It frees up experts from their institutional settings to set up syndicates to apply their knowledge.

  2. CommentedNatalia Ciausova

    I wonder whether the governments of developing countries are expected to contribute to the reseacrh of their countries' health needs? Or, as usual, they are expected to wait till others (so called "developed") come and solve their problems. It never worked before and it never will.
    The division into "developed" and "developing" is outdated and should be replaced with a "collective global responsibility".

  3. CommentedZsolt Hermann

    As any other aspect of the global crisis, like politics, economics, financial institutions or education, global health inequalities are also simply symptoms of the main disease: our inherent selfish, greedy nature.
    Trying to pick the problems one by one, attempting to solve them individually will only deepen the problem, as we can see for example how people try to solve the Eurozone crisis simply concentrating of finances, causing even deeper crisis with every move, because they refuse to explore the true underlying cause.
    Humanity's only chance of solving all of our interconnected crisis situations (since as an example to the health problems of the developing world we could add all the human induced health problems of the developed world resulting from our excessive, unhealthy lifestyle) is to adjust human nature and attitude, to change ourselves from 100% subjective, self calculating individuals to 100% mutually responsible, considerate global citizens.
    And while obviously we could wonder where we could take the motivation for such a fundamental change the deepening crisis, and real existential questions for the whole species can be forceful enough to at least raise questions about our present direction, and if we also take into consideration the numerous, objective, scientific publications describing our global, integral human network of the 21st century, and how we could turn our present crisis into a fruitful cooperation using our interconnections in a positive way, we have both negative and positive reasons to initiate the change.

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