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1929 oder 1989?

PARIS – Während sich die Wirtschaftskrise vertieft und ausweitet, ist die Welt auf der Suche nach historischen Analogien, die uns helfen sollen die Geschehnisse zu verstehen. Zu Beginn der Krise wurde sie von vielen mit 1982 oder 1973 verglichen, was beruhigend war, da sich beide Daten auf klassische zyklische Konjunkturabschwünge beziehen.

Heute ist die Stimmung wesentlich trostloser und Bezüge auf die Jahre 1929 und 1931 beginnen sichtbar zu werden, auch wenn einige Regierungen sich weiterhin so verhalten als sei die Krise eher klassisch als außergewöhnlich. Die Tendenz ist entweder eine übermäßige Zügelung (Europa) oder eine Streuung der Bemühungen (die Vereinigten Staaten). Europa ist zurückhaltend, um Schulden zu vermeiden und den Euro zu schützen, die USA hingegen haben an vielen Fronten Maßnahmen ergriffen, um die ideale Gelegenheit zur Durchführung dringend erforderlicher Strukturreformen nicht zu versäumen.

Geostrategen hingegen fällt sowohl in politischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht natürlich das Jahr 1989 ein. Der Niedergang der Investmentbank Lehman Brothers hat natürlich nichts mit dem Fall der Berliner Mauer zu tun. Oberflächlich scheint er sogar seine perfekte Antithese zu sein: Der Zusammenbruch einer Mauer, die Unterdrückung und künstliche Teilungen symbolisiert, im Vergleich zum Zusammenbruch einer scheinbar unzerstörbaren und beruhigenden Institution des Finanzkapitalismus.

Dennoch könnten die Jahre 2008-2009, ähnlich wie 1989, durchaus einem epochalen Wandel entsprechen, dessen deutlich werdende Konsequenzen jahrzehntelang spürbar sein werden. Das Ende der ideologischen Teilung zwischen Ost und West und das Ende des absoluten Vertrauens in die Märkte sind historische Wendepunkte. Und was im Jahr 2009 geschehen wird, könnte einige der positiven Resultate des Jahres 1989 gefährden, einschließlich der friedlichen Wiedervereinigung Europas und des Sieges demokratischer Prinzipien über nationalistische, wenn nicht sogar fremdenfeindliche, Tendenzen.

Im Jahr 1989 hat die liberale Demokratie einen Triumph über die sozialistische Ideologie errungen, die vom Ostblock verkörpert und gefördert wurde. Für viele seiner Anhänger war es Präsident Ronald Reagan, der die sowjetische Wirtschaft mit seiner wohlüberlegten Zuspitzung des Rüstungswettlaufs an ihre Grenzen brachte und somit den vollen Beweis für die Überlegenheit liberaler Gesellschaften und freier Märkte erbrachte.

Natürlich gibt es deutliche Unterschiede zwischen 1989 und heute. Erstens, und vielleicht vor allem, haben die Revolutionen des Jahres 1989 und der darauffolgende Zusammenbruch der Sowjetunion der globalen Bipolarität ein Ende bereitet. Im Gegensatz dazu wird das Jahr 2009 vermutlich den Weg für eine neue Form der Bipolarität ebnen, wobei allerdings China den Platz der Sowjetunion einnimmt.

Zweitens, während Demokratie und Marktkapitalismus im Jahr 1989 als klare – wenn auch schwächere als erwartete – Gewinner schienen, ist es 2009 in Anbetracht der Ausdehnung der globalen Krise, schwierig Gewinner von Verlierern zu unterscheiden. Jeder scheint ein Verlierer zu sein, auch wenn einige stärker betroffen sind als andere.

Doch Geschichte ist ungerecht und die USA könnten, trotz ihrer größeren Verantwortung für die gegenwärtige globale Krise, in besserer Verfassung aus dem Morast auftauchen als die meisten Länder. In besserer Verfassung, aber nicht allein. Als Gastprofessor in Harvard und am MIT erhalte ich einen guten Ausblick darauf, wie die Welt aussehen könnte, wenn die Krise schließlich aufhört.

Man spürt so etwas wie die Entstehung eines amerikanisch-asiatisch dominierten Universums. Die Asiaten – insbesondere Chinesen und Inder – sind überall, vom unglaublichen Media Lab am MIT bis zu den Fakultäten für Mathematik und Wirtschaft in Harvard, wie die Römer in Athen im ersten Jahrhundert vor Christus: Voller Bewunderung für jene, von denen sie so viel gelernt haben, und die sie in den kommenden Jahrzehnten hinter sich lassen werden.

Aber bevor diese neue Ordnung auftaucht, könnte die Welt mit einer sich ausweitenden Unordnung, wenn nicht sogar völligem Chaos, konfrontiert werden. Was wird zum Beispiel mit einem so zentralen und verwundbaren Land wie Ägypten passieren, wenn Hunderttausende von Ägyptern, die am Golf arbeiten, in Folge der Krise in den Erdöl produzierenden Ländern gezwungen sind in ihre Heimat zurückzukehren? Wenn die Reichen weniger reich werden, werden die Armen ärmer. Und was ist mit den ausländischen Arbeitern, die nach dem „europäischen Traum“ gegriffen haben und jetzt mit potenziellen Ausbrüchen von Fremdenfeindlichkeit in Europas angeblich offenen Ländern konfrontiert sind?

Die Konsequenzen des Jahres 1989 waren letztlich weniger dauerhaft als viele Beobachter, ich eingeschlossen, angenommen hatten. Wir können nur hoffen, dass die Konsequenzen des Jahres 2009 sich in vergleichbarer Weise als wesentlich weniger dramatisch erweisen werden als es sich heute – intuitiv und durch unsere historischen Reflexe – für uns anfühlt.

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